Es kommt vor, dass aus einer grossen Liebe bitterer Hass wird. Meistens endet das dann vor dem Scheidungsrichter. Doch mitunter treibt es eine Partei derart bunt, dass die Sache bei der Staatsanwaltschaft und dann vor dem Strafgericht landet. Wie diese Woche in Aarau.

Dabei waren sie gar nie ein Paar, Roger und Paula (alle Namen geändert). Er hätte gerne, sie offenbar nicht. Roger ist 50, sieht aber älter aus. Er ist ledig und kinderlos. Kennen gelernt hat er die fünf Jahre jüngere Paula 2013 über eine Dating-Plattform. Sie «pflegten eine kollegiale Freundschaft», wie es der Staatsanwalt nüchtern schreibt. Zweifellos nicht das, was sich Roger wünschte. Als Paula zwischenzeitlich krank war, habe Roger ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden, rekapituliert der Staatsanwalt. Dann, im Sommer letzten Jahres, eröffnete Paula Roger, dass sie immer noch bei einer Dating-Plattform auf Partnersuche sei – und offenbar auch, dass er für diese Rolle in ihrem Leben nicht infrage käme. 

«Dreckschlampe»

Nach einem Streit, bei dem Roger Paula vorwarf, ihm einen Korb gegeben zu haben, und bei dem sie ihm mehrfach klar machte, dass sie keine Beziehung zu ihm wollte, brannten bei Roger offenbar die Sicherungen durch. Er beschloss, sich an Paula zu rächen. Zwei Monate lang terrorisierte er sie. Rief sie rund 200 Mal mit einer ihr unbekannten Nummer an, schrieb Nachrichten: «Drekschlamp wir wart vor deine haus auf dich und dein saubock».

Ausserdem schickte er Briefe. Einen an Paulas neuen Bekannten, sprach ihn mit «hallo Kollege» an: «Mit was für einer Arroganten Frau triffst du dich da eigentlich? (...) Du hast wirklich etwas Besseres verdient!!!» Ein weiterer Brief ging an den Arbeitgeber der Frau. Roger gab sich als unzufriedene Kundin aus und beschwerte sich über Paula, die angeblich dauernd mit ihrem Smartphone beschäftigt sei, «anstatt sich der Arbeit zu widmen». In einem vierten Brief verfasste Roger seine eigene Todesanzeige und schickte sie an Paula. 

GPS-Tracker ans Auto montiert

Ausserdem machte er sich mehrfach an ihrem Auto zu schaffen. So schrieb er «Schlampe» und «Hure» mit weissem Stift auf die Scheiben. Mehrmals liess er die Luft aus den Reifen. Roger montierte einen GPS-Tracker unter Paulas Auto, sodass er sie bis in die Region Zürich verfolgen konnte, wo er abermals Luft aus den Reifen liess. Paula fuhr – ohne die Manipulation zu bemerken – via Autobahn nach Hause. «Durch das Entweichenlassen der Luft aus den Reifen des Personenwagens», so die Staatsanwaltschaft, «gefährdete der Beschuldigte somit die allgemeine Verkehrssicherheit».

Die Staatsanwaltschaft hatte Roger zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 160 Franken – insgesamt 28 800 Franken – verurteilt; ausserdem zu einer Busse von 7200 Franken. Zusammen mit Strafbefehlsgebühr und den Polizeikosten macht das rund 9500 Franken. Roger hätte es dabei belassen können. Schliesslich hatte er alles zugegeben, der Tatbestand war unumstritten. Aber er wollte seine zwei Handys zurück, welche die Staatsanwaltschaft einbehalten hatte. Deshalb focht er den Strafbefehl an; und deshalb sass er vor Einzelrichterin Patricia Berger.

Opfer am Prozess dabei

Gekommen war auch das Opfer; Paula hatte jedoch im Gegensatz zu Roger einen Anwalt dabei. Dieser verteidigte sich selber, mit lauter Stimme der schlecht verhohlenen Wut eines Mannes, der nicht verstehen kann, warum er nicht bekommt, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Nämlich Paula. Ob der Sachverhalt denn so stimme wie von der Staatsanwaltschaft beschrieben, wollte Richterin Berger wissen. Ja, das stimme schon, gab Roger zu verstehen. Aber was er mit Paula erlebt habe, sagte er, sei viel schlimmer als das, was er getan habe. «Ich finde es verrückt, dass ich so beschuldigt werde. Jaja, ich habe Dummheiten gemacht. Aber das kommt nicht von ungefähr. Es braucht zwei. Ich kam mir halt übergangen und missbraucht vor und wollte meinem Frust Luft geben.» Er wolle aber ganz klar sagen, dass er nie im Sinn hatte, Paula ernsthaft etwas anzutun. Das mit den Reifen? «Es war nicht Ziel, dass sie einen Unfall baut. Das Strassenverkehrsgesetz sagt, sie sei selber dafür zuständig, zu kontrollieren, ob ihr Auto fahrtüchtig ist.»

Auf Hinweis der Richterin, er könne sich jetzt bei Paula entschuldigen, brachte Roger zwar einen Satz des Bedauerns heraus. Jedoch nicht, ohne nachzuschieben, dass man so mit einem Mann nicht umgehen dürfe.

«Ich leide bis heute»

Später, in der Verhandlungspause, wird Paula zu ihrem Anwalt sagen: «Ich wünschte, die Richterin hätte ihn gefragt, was er meint. Was habe ich denn getan?» Bei ihr hatten die zwei Monate, bis sich die Polizei ihrer Sache annahm und das Stalking aufhörte, Spuren hinterlassen. «Sie hat einen Schaden erlitten und leidet bis heute unter den Erlebnissen», sagte ihr Anwalt. Vor Bezirksgericht stellte Paula erstmals Zivilforderungen: Eine Genugtuung sowie Schadenersatz, vor allem für die Psychotherapie, die sie angefangen hat.

Was Roger in seinem letzten Wort quittierte mit: «Dann muss ich halt auch noch Klage einreichen für all die Kosten und Schäden, die ich erlitten habe.»

Weiterzug ging ins Geld 

Die Urteilseröffnung brachte exakt eine gute Nachricht für den Stalker: Er bekommt seine zwei Handys wieder zurück. Was das Strafmass angeht, folgte Patricia Berger in ihrem Urteil der Staatsanwaltschaft, bedingte Geldstrafe und Busse bleiben gleich wie im Strafbefehl. Hinzu kommt jetzt aber noch eine Genugtuung für Paula über 2000 Franken sowie die grundsätzliche Anerkennung von weiteren Zivilansprüchen wie Schadenersatz. Roger muss ausserdem Paulas Anwaltskosten – rund 2500 Franken – sowie die Gerichts- und Anklagegebühr zahlen, was nochmals etwa 2500 Franken ausmacht. Der Weiterzug ans Bezirksgericht kam also teuer für ihn – doch das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, es kann ans Obergericht weitergezogen werden.