Das Zentrum für Demokratie in Aarau (ZDA) ist eng mit dem Namen von Andreas Auer verbunden, der sich um den Aufbau der Aussenstelle der Universität Zürich verdient gemacht hat. Ende Monat wird Auer emeritiert.

Zu seinem Nachfolger als Leiter der Abteilung direkte Demokratie wurde Andreas Glaser ernannt.

Sie lehren in Heidelberg und kommen jetzt in die Schweiz. Warum?

Andreas Glaser: Ich habe meine akademische Ausbildung in Deutschland absolviert, dort promoviert und jetzt in Heidelberg habilitiert. In Deutschland muss man nach der Habilitation an eine andere Uni wechseln.

Unter anderem habe ich die Ausschreibung der Universität Zürich für Staats- und Verwaltungsrecht gesehen. Das ist für mich sehr attraktiv, gerade in Verbindung mit Fragen der direkten Demokratie. Mein Ziel ist, etwa gleichgewichtig am ZDA und in Zürich zu sein. In Zürich werde ich einen Lehrstuhl aufbauen,

Das ZDA als Teil der Universität Zürich ist noch jung. Wie haben Sie es bisher wahrgenommen?

Ich habe das ZDA und seine Abteilung direkte Demokratie bisher schon stark wahrgenommen. Ich bin jetzt ja in Baden-Württemberg.

Da habe ich gesehen, welche Kooperationen auf höchster Ebene zwischen dem Kanton Aargau und Baden-Württemberg bestehen, sehr stark wissenschaftlich begleitet und beraten vom ZDA.

Denken wir aber auch an die Kontakte zur Mongolei oder die Beratung des neuen Staats Südsudan durch das ZDA bei seiner Übergangsverfassung.

Ich sehe das Bild einer eingespielten, kompetenten Gruppe von Forschern. Sie haben unter Leitung von Andreas Auer spannende Projekte bearbeitet. Ihre internationalen Bezüge sind beeindruckend.

Sie haben die Demokratiekonferenz angesprochen. Bei uns hat man den Eindruck, dass man sich in Deutschland unter direkter Demokratie etwas anderes vorstellt. Man spricht lieber von Bürgerbeteiligung.

Ich habe schon in meiner Doktorarbeit 2006 die politischen Systeme der Schweiz und von Deutschland unter dem Thema Nachhaltigkeit verglichen. Dabei habe ich diese unterschiedlichen Optiken bereits festgestellt.

Die haben sich seither nicht grundlegend verändert. In der Schweiz hat die Bevölkerung von unten her mit ihren Instrumenten bei Abstimmungen unbestrittenermassen das letzte Wort.

Wie läuft denn die Debatte in Deutschland?

Hier spüre ich eine starke Angst, dass am Schluss nicht das Ergebnis herausschauen könnte, das man sich als Politiker wünscht.

Wie äussert sich das?

Man sieht es sehr gut am Beispiel der Energiewende. Einerseits will man mehr Bürgerbeteiligung, anderseits fürchtet man, auf diesem Weg könnten ein Kraftwerk oder Überlandleitungen abgelehnt werden.

Ich stelle aber auch fest, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wie in der Schweiz des 19. Jahrhunderts dieses Recht auch immer stärker erkämpfen wollen. Das sah man deutlich bei Stuttgart 21.

Kehren wir zurück in die Schweiz. Haben Sie sich schon Forschungsschwerpunkte vorgenommen?

In der Schweiz sind in jüngerer Zeit Probleme mit der Umsetzung von Volksinitiativen aufgetreten, etwa mit der Ausschaffungs- und der Zweitwohnungsinitiative.

Ich möchte hier einen ersten Schwerpunkt setzen und mithelfen, Lösungen zu suchen, wie man Initiativen – auch für die Initianten – befriedigender umsetzen kann.

Und ein zweiter Schwerpunkt?

Ich möchte die Auswirkungen einer Fortentwicklung der bilateralen Verträge in die sich abzeichnende Richtung einer institutionalisierten Zusammenarbeit auf die direkte Demokratie untersuchen.

Zum Beispiel: Vertragen sich die Wirkungsweisen und Zuständigkeiten des Europäischen Gerichtshofs mit den bestehenden direktdemokratischen Instrumenten auf Bundes-, kantonaler und kommunaler Ebene? Schliesslich liegen mir die sprachlich-kulturellen Minderheiten am Herzen.

Nämlich?

Ich möchte auch einen Schwerpunkt zur Entwicklung des Berner Juras und zum Rumantsch Grischun setzen.

Haben Sie eine Idee, wie man die Stimmbeteiligung wieder erhöhen könnte? Ist sie für Sie überhaupt ein Problem?

Eine hohe Stimmbeteiligung wäre natürlich schön. Wenn es gelingt, die direktdemokratischen Rechte so auszugestalten, dass sie einfach zu handhaben sind und man eine direkte Wirkung sieht – vorab bei Initiativen, aber auch bei Referenden –, liesse sich die Beteiligung sicher wieder erhöhen.

Manche gehen nicht an die Urne, weil sie meinen, es bringe nichts. Die Nichtteilnahme kann aber auch von der Zufriedenheit vieler zeugen.

Kennen Sie Ihren Aarauer Arbeitsplatz im ZDA schon?

Aarau ist von der Lage her, aber auch von der Geschichte der Villa Blumenhalde her ideal.

Das wunderschöne, einstige Wohnhaus von Heinrich Zschokke ist genau der richtige, inspirierende und attraktive Ort für Demokratieforschung und für Nachwuchswissenschafter aus dem Aargau und der Schweiz. Und sei es, um hier mindestens einen Abschnitt ihrer Ausbildung zu absolvieren.