Analyse
Wo es bei den Wahlen im Westaargau richtig zur Sache geht – die wichtigsten Fragen und Antworten

Wem droht die Abwahl? Punkten die Frauen? Wir beantworten zehn Fragen zu den kommunalen Wahlen im Gebiet Aargau West.

Urs Helbling
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In Buchs ist ein leidenschaftlicher Wahlkampf im Gange.

In Buchs ist ein leidenschaftlicher Wahlkampf im Gange.

Urs Helbling

Der älteste Kandidat ist 72 (Hanspeter Thür, Grüne, Aarau), der jüngste 20 (Nando Suter, die Mitte, Reitnau): Nach einem Wahlkampf, der vor allem mittels Plakaten ausgetragen worden ist, geht es jetzt um die Wurst: Kommen Dorfkönige zu Fall? Wo werden Machtkartelle gefestigt? Wo sorgen künftig Parteilose für die Musik?

Geht die Talfahrt der SVP weiter?

Vor vier Jahren verlor die SVP ihren Sitz im Aarauer Stadtrat. Schafft sie jetzt ein Comeback? Wenig deutet darauf hin: Ihrer Kandidatin Nicole Burger scheint es am Siegeswillen zu fehlen (sie hat noch nicht einmal eine Website). Kampflos preisgegeben hat die SVP ihre Gemeindeammann-Ämter in Rupperswil (bisher Rudolf Hediger) und Staufen (bisher Otto Moser). Dafür hofft sie auf einen Zugewinn in Reinach (Bruno Rudolf). Bitter ist die Situation in Boniswil, wo es die SVP noch nicht einmal schaffte, einen Kandidaten für ihren zurücktretenden Vizeammann Roland Ballmer aufzustellen.

Warum ist es in Lenzburg so spannend?

Von den fünf Bisherigen treten nur zwei wieder an: Stadtammann Daniel Mosimann (SP) ist ungefährdet (wenn auch nicht überall unbestritten). Das stärkste Ticket hat die FDP (Andreas Schmid, bisher und Sven Ammann, neu) – aber ob die Freisinnigen den vor vier Jahren dazu gewonnenen zweiten Sitz halten können? Viel zugetraut wird Barbara Portmann (GLP), die dereinst auch eine Option bei der Bestimmung der Mosimann-Nachfolge sein könnte. Schwierig einzuschätzen ist, ob es Corin Ballhaus (SVP) und Sabine Sutter-Suter (Die Mitte) gelingen wird, die Sitze für ihre Parteien zu halten. Und völlig offen ist, ob Beatrice Taubert für die Sozialdemokraten das zweite Mandat macht.

Wo fand der härteste Wahlkampf statt?

Anja Gestmann kandidiert in Schöftland als Frau Gemeindeammann.

Anja Gestmann kandidiert in Schöftland als Frau Gemeindeammann.

zvg

Mit Sicherheit in Schöftland, wo ein Sachthema, der Kampf um die «Hegmatte»-Wiese, auf der ein WSB-Depot entstehen soll, seit Jahren die politische Agenda dominiert. Die Opposition wirf Gemeindeammann Rolf Buchser (FDP) vor, demokratische Abstimmungen verschleppt zu haben. Buchsers Vorteil: Seine Gegner («Soll er aufhören!») konnten sich nicht auf einen Kandidierenden einigen: Es treten sowohl Anja Gestmann (SP, bisher Gemeinderätin) als auch Mauro Bino (Die Mitte, ehemals Schulpfleger) an. Der 63-jährige Bino arbeitet als leitender Oberarzt (Radiologie) an einer zur Hirslanden-Gruppe gehörenden Klinik in Cham ZG. Im Dorf wird bezweifelt, ob er genügend Zeit für das Ammann-Amt hätte. Anja Gestmann wäre die erste Frau Gemeindeammann in Schöftland, die Hochdeutsch spricht (eingebürgert 2011, im Gemeinderat seit 2014).

Gewinnen die Frauen an Macht?

Tendenziell ja. In Hirschthal (Irene Bärtschi, EVP), Schafisheim (Nadine Widmer, SVP), Staufen (Katja Früh, parteilos) und wohl auch Rupperswil (Mirjam Tinner, parteilos) wird es neu eine Frau Gemeindeammann geben (die Frauen verlieren jetzt nur Hendschiken, bereits früher in der Legislatur Dürrenäsch und Leutwil). Schon im letzten November hat Jeanine Glarner in Möriken-Wildegg für die Frauen ein wichtiges Ammann-Amt dazu gewonnen. Eine Gemeindepräsidentin könnte es jetzt auch in Suhr (Carmen Suter) und in Schöftland (siehe oben) geben. In Boniswil wird es mit Sicherheit im Gemeinderat neu eine Frauenmehrheit haben. In Aarau ist es wahrscheinlich, in Lenzburg oder Unterentfelden möglich.

Wo sind Bisherige besonders gefährdet?

In Biberstein dreht sich das meiste um die Frage der BNO-Revision. Jlona Costan Dorigon (parteilos) tritt hier gegen fünf Bisherige an. Als besonders gefährdet gilt Rolf Meyer (parteilos). Baufragen sorgen auch in Meisterschwanden immer wieder für heisse Diskussionen: Auch hier möchten alle fünf Bisherigen weitermachen. Stefan Laib (parteilos) tritt mehr oder weniger offen gegen Bau-Gemeinderat Fritz Früh (parteilos) an. Der umtriebige Laib hatte es Anfang 2019 bereits einmal fast geschafft. Er wird im Wahlkampf von alt Gemeindeammann Kurt Kaufmann (der Mann von Hayeks Gnaden) unterstützt.

Katja Früh kandidiert in Staufen als Frau Gemeindeammann.

Katja Früh kandidiert in Staufen als Frau Gemeindeammann.

zvg

Sind Internet und Social Media weniger wichtig?

Während vor vier Jahren diverse Kandidaten gepflegte Auftritte im Internet hatten und auf Facebook/Twitter sehr aktiv waren, ist es jetzt relativ ruhig. Einzelne Kandidaten haben nicht einmal eine Website (jedenfalls findet Google keine von Daniel Mosimann). Mit grossem Abstand am besten ist die Website von Andreas Schmid (Lenzburg). Bei den Plakaten zeigt sich einmal mehr, wie wichtig die Bilder und wie störend lange Slogans sind. Ausgefallen ist der an die Pop Art von Andy Warhol erinnernde Auftritt von Franziska Graf und Silvia Dell’Aquila , der sich stark an die «Ehe für alle»-Abstimmung anlehnt. Nicht auszurotten sind anonyme Kettenbriefe wie derjenige eines «Ueberparteilichen Komitee Bürger und Einwohner von Lenzburg». Kernaussage: «Stadtammann ist unfähig und abzuwählen».

Wie wirkt sich das Ende der Schulpflegen aus?

Die Schulpflegen waren seit jeher ein Trainingslager für künftige Gemeinderäte. Jetzt werden sie abgeschafft (es finden erstmals keine Wahlen mehr statt), und man hat den Eindruck, dass ein paar Schulpfleger Angst vor politischen Entzugserscheinungen haben. Schulpfleger kandidieren in (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Ammerswil (Katharina Engeler, parteilos, will Gemeindeammann werden), Beinwil (Lilian Wick, parteilos), Küttigen (Andreas Wehrli, parteilos), Möriken-Wildegg (André Schärer, Die Mitte) Reinach (Nino Bottino, SVP) Suhr (Sonja Ihle, Zukunft Suhr). Weil das Schulressorts in den Gemeinderäten wichtiger wird, wollen es etwa in Staufen Katja Früh (parteilos) oder in Reinach Bruno Rudolf (SVP) behalten, selbst wenn sie zu Gemeindeammännern gewählt werden.

Wo ist die Lust auf Gemeinderat klein?

Dass es in Leutwil (es fehlen zwei), Holderbank (es fehlt einer), Zetzwil (einer) und Leimbach (einer, bereits der zweite Wahlgang) schwer fällt, Gemeinderatskandidierende zu finden, hat schon fast Tradition. Aber auch Auenstein ist noch auf der Suche (einer, bereits der zweite Wahlgang). Eher überraschend ist der Mangel an Kandidierenden im Bezirkshauptort Unterkulm (es fehlt einer). Ob es daran liegt, dass der dortige Kampf um die WSB-Sanierung sehr emotional geführt wird und die Fronten verhärtet sind?

Wo sind die Spitzenämter besonders begehrt?

Carmen Suter-Frey kandidiert als Gemeindepräsidentin in Suhr.

Carmen Suter-Frey kandidiert als Gemeindepräsidentin in Suhr.

Alex Spichale

Ganz speziell in Reinach, wo sich vier Kandidaten für die Nachfolge von Martin Heiz (FDP, war 34 Jahre Gemeindeammann) bewerben. Oder in Schöftland (drei Kandidaten, siehe oben). Bemerkenswert ist auch die Lage in der drittgrössten Gemeinde im Gebiet Aargau West: In Suhr ist es eine Richtungswahl zwischen Bürgerlich (Carmen Suter) und Links-Grün (Grossrat Thomas Baumann). In Hendschiken ist die Kampfwahl eigentlich ein Unfall: Die SP hatte einen Kandidaten (Roger Wassmer) aufgestellt, weil man ihr sagte, von den Bisherigen habe niemand Lust (nachträglich meldete sich dann noch Peter Kuster, SVP). Eher eine Überraschung wäre, wenn es in Rupperswil Reto Berner gegen Mirjam Tinner (beide parteilos) schaffen würde. Bemerkenswert ist der Fall Buchs: Dort wollen zwei Freisinnige (Urs Affolter und Anton Kleiber) Ammann und Vize werden. Sie wollen damit die anderen Vizekandidaten (Samuel Hasler, SVP, und Joel Blunier, EVP) verhindern, die sie, zumindest teilweise, als nicht geeignet ansehen. Speziell ist die Situation auch in Seon, wo es einen zweiten Wahlgang für den Vizeammann mit drei Kandidaten gibt (Christine Iten, FDP, Markus Rihner Die Mitte, Otto Walti, parteilos).

Wo sind Aussenseiter ein Gewinn und wo nerven sie?

Was den Wahlkampf betrifft, haben in der Stadt Aarau Stephan Müller («Eine Wahl für Aarau», schon zum vierten Mal Stadtratskandidat) und Peter Wehrli («Mitteldämme brechen nie!») für etwas willkommene Farbe gesorgt. Aussenseiter werden von den amtierenden Stadt-und Gemeinderäten in der Regel als Störenfriede angesehen. Es gibt Fälle, in denen die Exekutiven erleichtert sind, wenn diese nicht gewählt werden. Das war sicher im Juni beim Wutbürger von Teufenthal so. Auch jetzt hat es wieder ewige Kandidaten, deren Wahl – auch wenn sie demokratisch zustande gekommen wäre – als Belastung empfunden würde. Etwa in Küttigen (Waldemar Wehrli, parteilos) oder Hunzenschwil (Reto Sterki, parteilos).

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