Sonntagmorgen, kurz vor 7 Uhr: Rasch den Hemdkragen zurechtlegen, die Krawatte umbinden, einen letzten Blick in den Spiegel. Die jungen Damen tragen Wimperntusche auf, streichen ihre Jupes glatt und schlüpfen in glänzend-schwarze Absatzschuhe.

Rund 130 junge Erwachsene aus der ganzen Schweiz und Vertreter aus Europa machen sich in der Jugendherberge Locarno für das General Assembly bereit, eine simulierte EU-Konferenz des European Youth Parliament Switzerland (Europäisches Jugendparlament Schweiz). Unter den Delegierten befinden sich elf Kantonsschüler der Alten Kanti Aarau: Vier Tage lang diskutieren
sie mit Gleichaltrigen über aktuelle politische Fragen wie den IsraelPalästina-Konflikt, die Atomenergie oder über die Zukunft des Schengen-Abkommens. Dazu kann man nicht in Jeans und T-Shirt auftreten, nein: Wer das Europaparlament simuliert, muss auch dementsprechend eingekleidet sein.

Kritisch gegenüber der EU

Am Fuss des Castello Grande, eines Schlosses in Bellinzona, hat sich Seraina Petersen zu den Delegierten ihres Komitees begeben. Die 18-jährige Kantonsschülerin aus Kirchleerau arbeitete in dieser nationalen Session an einer Resolution zum Schengen-Abkommen. «Viele Junge sind heutzutage gegenüber der UNO und der EU kritisch eingestellt», sagt sie ernüchtert, während sie über die Pflastersteine das Schloss erklimmt. «Gleichzeitig gibt es in meiner Generation viele, die etwas bewegen wollen.» Seraina wirft einen zufriedenen Blick über die Dächer Bellinzonas. «Im EYP habe ich eine eigene Welt entdeckt.» Während die Delegierten an den simulierten UNO-Versammlungen ein Land vertreten, könne man im EYP seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen.

Yannick ans Rednerpult

Während vor den Toren des Schlosses noch munter geplaudert wurde, schlägt die Stimmung sofort um, als der Präsident der diesjährigen Sitzung das Wort ergreift. Am Morgen des letzten Sessionstages steht der Israel-Palästina-Konflikt zur Debatte. Zwei Resolutionen werden vorgestellt, dann beginnt die offene Diskussion.

Einer der Ersten, der sich ans Rednerpult wagt, ist Yannick Berner aus Aarau. Seine Kommission plädiert für einen unabhängigen Staat Palästina. «Wir brauchen Kompromisse und wirkungsvolle Handlungen», legt er seinen Kollegen aus der ganzen Schweiz nahe – natürlich alles auf Englisch, wie es sich an einer europäischen Konferenz gehört.

Fragen und Kritik

Die Resolutionen werfen Fragen auf: «Ihr sprecht alle von den Grenzen nach dem Sechstagekrieg. Doch wer legt diese Grenzen fest?», fordert Evelyn Jeger aus Niederlenz ihre Kollegen heraus. Wer an der offenen Debatte das Wort ergreifen möchte, muss sich mit einem Zettel melden; sie schiessen wie Pilze in die Höhe. Die Aarauer zeigen sich besonders engagiert, so auch Seraina Petersen: «Meine Kritik betrifft Punkt 5. Die Entsalzungsanlagen scheinen eine gute Idee, doch wie wollt ihr die Menschen dazu bewegen, das Ufer des Jordans zu verlassen?»

Manchmal applaudieren die Delegierten spontan, im Hintergrund beobachtet eine Jury das Geschehen: Die Delegationen der verschiedenen Schulen können sich an der nationalen Session für internationale Konferenzen qualifizieren. Die Ernsthaftigkeit und das Engagement in den Debatten überzeugen. Dennoch: Die «Resolution Papers» landen nach der Konferenz im Papierkorb, ohne konkrete Konsequenzen nach sich zu ziehen.

Ob es die Aarauer Kantischüler nicht stört, dass diese Versammlung nur eine Simulation ist? «Es wäre viel zu riskant, wenn wir von Beginn an echte Politik auf diesem Level betreiben würden», sagt Seraina. Yannick wehrt sich gegen diese Behauptung: «Es ist nicht nur ein Spiel. Ich glaube, dass man hier die Meinung anderer beeinflussen kann – und vielleicht werden manche von ihnen später Politiker.»

Praktische Lösungsarbeit

Eine solche Konferenz bildet die jungen Menschen in verschiedener Hinsicht, bestätigt Cyrill Engeli, Wirtschaftslehrer an der Alten Kanti Aarau: «Hier verbinden sich politische Inhalte mit der praktischen Lösungsarbeit.» Engeli reist zum dritten Mal mit Aarauer Kantischülern an die nationale EYP-Session; inzwischen arbeiten Ehemalige aus Aarau in der Organisation mit. Eine davon ist die 20-jährige Delia Berner aus Buchs.

Sie ist im Vorstand des Vereins European Youth Parliament Schweiz und Mitorganisatorin der Session im Tessin. Sie schätzt den Kontakt zu jungen Menschen aus ganz Europa: «Die Konferenzen sind kulturell total interessant. Wer offen ist und sich auf andere gut einlassen kann, lernt hier viele spannende Menschen kennen.»

Werden die Delegierten aus Aarau bald die internationale Bühne betreten? David Pfund wurde von der Jury für sein Engagement belohnt; er qualifizierte sich für eine internationale Konferenz in Istanbul. Und eine der beiden Aarauer Delegationen reist im kommenden Frühling an die nationale Session in Lettland.