Aarau
An diesen Tischen bekommt die Armut der Schweiz ein Gesicht

Seit zehn Jahren führt der Gemeinnützige Frauenverein Aarau eine Abgabestelle von «Tischlein deck dich». Woche für Woche verteilen freiwillige Helferinnen Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs an rund 200 Bedürftige in der Region Aarau.

Pascal Meier
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Die Aarauer Abgabestelle von «Tischlein deck dich» unterstützt jede Woche rund 200 bedürftige Menschen in der Region.

Die Aarauer Abgabestelle von «Tischlein deck dich» unterstützt jede Woche rund 200 bedürftige Menschen in der Region.

Pascal Meier

Kaum eine Statistik widerspiegelt den Reichtum der Schweiz so deutlich wie die Anzahl Millionärshaushalte. Denn jeder zehnte Haushalt bunkert ein Vermögen von mindestens einer Million Franken. Dies geht aus dem Vermögensreport 2013 der Boston Consulting Group (BCG) hervor – und ist fast Weltrekord. Gemessen an der Bevölkerung gibt es nur in Katar mehr Millionärshaushalte.

Was die Statistik aber auch sagt: Die ärmsten Haushalte in der Schweiz verloren 2013 rund 7,5 Prozent ihres Vermögens. Kein Wunder, dass soziale Angebote wie «Tischlein deck dich» boomen. Die Institution verteilt Woche für Woche in der ganzen Schweiz Lebensmittel an über 13 000 Menschen (siehe Box).

Das ist «Tischlein deck dich»

Der Verein «Tischlein deck dich» verteilt seit 1999 Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs an bedürftige Menschen. Dabei handelt es sich um Produkte, die bald ablaufen, aus Überproduktionen stammen oder deren Verpackung beschädigt ist. 2000 freiwillige Mitarbeitende, Personen aus Beschäftigungsprogrammen und Zivildienstleistende arbeiten für die Nonprofit-Organisation, die von Sponsoren unterstützt wird. (pi)

Ausländer und Schweizer betroffen

Eine der 89 Abgabestellen von «Tischlein deck dich» befindet sich seit 10 Jahren in Aarau. «Verändert hat sich in dieser Zeit eigentlich nicht viel», sagt die ehrenamtliche Stellenleiterin Verena Wild. Sie ist Präsidentin des Gemeinnützigen Frauenvereines Aarau, der die Abgabestelle führt. Dass sich in einem Jahrzehnt nur wenig verändert hat, stimmt Verena Wild aus zwei Gründen nachdenklich: Immer noch sind viele Menschen auf kostenlose Lebensmittel angewiesen. Und noch immer herrscht in der Nahrungsmittelindustrie eine Überproduktion.

So unterstützt die Abgabestelle Woche für Woche gegen einen symbolischen Betrag von einem Franken rund 200 bedürftige Menschen aus dem Grossraum Aarau. 2013 verteilte das Team aus Freiwilligen 24,5 Tonnen Lebensmittel. In Genuss des Angebotes kommen Menschen, die von sozialen Institutionen empfohlen werden. Viele davon sind Ausländer, Schweizer sind auch dabei. «Armut kann jeden treffen», sagt Verena Wild. Darunter sind Familien, Alleinerziehende und Menschen, die durch alle Maschen des Sozialnetzes gefallen sind. «Wir ersetzen hier jedoch keinen Wocheneinkauf», hält Verena Wild fest. «Wir helfen aber, das Budget zu entlasten.»

Der tägliche Überlebenskampf

Dass diese Entlastung viel bewirkt, bestätigt Andrea Ruben (Name geändert), die gestern auf die Lebensmittelabgabe in der Evangelisch-methodistischen Kirche wartete. «Ich brauche diese Hilfe, sonst reicht es nicht», sagt die alleinerziehende Mutter. Dabei spiele es keine Rolle, welche Lebensmittel im Angebot sind. «Ich bin dankbar für das, was ich bekomme.»

Dass in der reichen Schweiz viele Menschen auf kostenlose Lebensmittel angewiesen sind, wird den Freiwilligen des Frauenvereins durch die Arbeit für «Tischlein deck dich» immer wieder bewusst. Vor allem dann, wenn sie Bedürftige bei der Lebensmittelabgabe bremsen müssen, damit die Ware für alle reicht. «Dann spürt man, dass für diese Menschen der Alltag ein täglicher Überlebenskampf ist», sagt Verena Wild.