Fall Funda Yilmaz
«An Absurdität kaum zu überbieten!» Buchser Einbürgerungs-Nein sorgt für Wirbel

Der Entscheid des Einwohnerrats Buchs, eine anscheinend bestens integrierte Türkin nicht einzubürgern, schlägt in den Kommentarspalten hohe Wellen. Auch einige Aargauer Politiker äussern auf Social Media harsche Kritik.

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«An Absurdität kaum zu überbieten!» Buchser Einbürgerungs-Nein sorgt für Wirbel
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Betroffene Funda Yilmaz (25) Buchs «Ich kann es nicht verstehen.»
Nationalrat Cédric Wermuth (SP) «Behördliche Willkür im Quadrat. Empörend, was sich der ER Buchs leistet. Wir sind ein Rechtsstaat, kein Sandkasten!»
Nationalrat Andreas Glarner (SVP) «Das ist das demokratische Recht des Einwohnerrats. Wenn wir das beschneiden, können wir den Pass schon an der Grenze überreichen.»
Buchser Einwohnerrat Beat Spiess (FDP) «Es geht nicht an, dass man hier an einer unschuldigen Einbürgerungskandidatin seine Unzufriedenheit über unsere Migrationspolitik abreagieren will.»
Buchser Einwohnerrat Andreas Burgherr (EVP) «So sind die Regeln – die Autoprüfung muss man auch bestehen, wenn man fahren will.»
Buchser Einwohnerrätin Ineke Irniger (SP) «Ich habe eine aufgestellte, interessierte Frau kennen gelernt, die nicht dem Bild entspricht, das die Kommission von ihr zeichnet.»

«An Absurdität kaum zu überbieten!» Buchser Einbürgerungs-Nein sorgt für Wirbel

AZ

Der Einwohnerrat hat gesprochen: Funda Yilmaz wird nicht eingebürgert. Dies, obwohl die 25-Jährige seit ihrer Geburt in der Schweiz lebt und bestens integriert ist (die az berichtete).

Mit ihrem Unverständnis über den Entscheid steht die junge Frau nicht alleine da, wie ein Blick in die Kommentarspalte auf aargauerzeitung.ch zeigt. Dort und auf der Facebook-Seite der Tageszeitung wird der Fall Funda Yilmaz derzeit heiss diskutiert. «Diese Ablehnung ist ein Skandal», ereifert sich ein Leser. «Der Einwohnerrat soll sich schämen und entschuldigen», fordert ein anderer.

Eine Leserin stellt schliesslich auch die Rechtmässigkeit des Entscheids infrage: «Es gibt gesetzliche Grundlagen und diese erlauben eine Ablehnung eines Einbürgerungsgesuchs nur in wenigen Fällen», erklärt sie in ihrem Online-Kommentar. Mangelnde Integration bedeute normalerweise, dass jemand die Sprache nicht beherrsche, keine Ahnung vom Schweizer Politsystem habe oder die in der Schweiz geltenden Grundwerte ablehne. All dies treffe im Fall von Funda Yilmaz jedoch nicht zu. «Dass jemand schüchtern ist oder den Dorfmetzger nicht kennt, war noch nie ein Ablehnungsgrund», fasst die Leserin zusammen.

FDP-Einwohnerrat Beat Spiess kritisierte nach dem negativen Entscheid die Art der Befragung der jungen Türkin durch die Einbürgerungskommission. Er habe das Gefühl, die Fragen seien «nicht besonders gelungen» gewesen und dass die Einbürgerungskommission «übersteigerte Werte» habe, erklärte er gegenüber der Aargauer Zeitung.

«Wenn sie nicht integriert ist, wer dann?»

Nicht nur von Seiten der Leserinnen und Leser, auch von Aargauer Politikern hagelt es nach dem Buchser Einwohnerratsentscheid harsche Kritik. «Behördliche Willkür im Quadrat», schreibt etwa Cédric Wermuth, Nationalrat und Co-Präsident der SP Aargau, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Es sei empörend, was sich der Einwohnerrat Buchs beim fragwürdigen Entscheid geleistet habe.

Nicht anders klingt es von Parteikollegin Gabriela Suter. Auf Facebook kommentiert die Aarauer SP-Einwohnerrätin den Artikel über die abgelehnte Einbürgerung mit den Worten: «An Absurdität kaum zu überbieten!» Es werde Zeit, schreibt Suter weiter, dass Einbürgerungen zum reinen Verwaltungsakt würden. Wer eine Biografie wie die 25-jährige Türkin habe, solle automatisch eingebürgert werden. Viel «schweizerischer» könne man ja gar nicht sein.

Schliesslich erzürnt der Einbürgerungsentscheid aus Buchs auch Michael Merkli. Der Finanzplanungs-Experte sitzt für die Fraktion BDP/Freie Wähler Wettingen (FWW) im Wettinger Einwohnerrat. Auf Twitter schreibt er ungläubig: «Ist das ein 1.-April-Scherz? Wenn sie nicht integriert ist, wer dann?»

Gegenüber dem Regionalsender Tele M1 nahmen am Mittwoch auch der Aargauer Grüne-Präsident Jonas Fricker und SVP-Nationalrat Andreas Glarner Stellung zum Fall. Während Fricker es absolut unverständlich findet, eine so integrierte Frau wie Funda Yilmaz nicht einzubürgern, kontert Glarner: «Das ist das demokratische Recht des Einwohnerrats. Wenn wir das beschneiden, können wir den Pass schon an der Grenze überreichen.» Wenn eine Instanz wie die Buchser Einbürgerungskommission eine Anwärterin ablehnt, sei dies korrekt.

Ob die junge Türkin, die ihr ganzes Leben in Buchs verbracht hat, den Entscheid des Einwohnerrats akzeptiert oder anficht, steht derzeit noch aus. (luk)