Aarau
Alzheimer Café: «Hier stimmt etwas nicht»

In den Niederlanden gibt es Alzheimer Cafés seit den 1990er-Jahren, in der Schweiz erst seit 2011. Vier davon befinden sich im Tessin; je ein Café in Bern und Solothurn sowie seit August nun auch in Aarau.

Elisabeth Feller
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Gute Stimmung am ersten Alzheimer Café: An den Tischen wird sogar gesungen.

Gute Stimmung am ersten Alzheimer Café: An den Tischen wird sogar gesungen.

Elisabeth Feller

Sie wollen zum Alzheimer Café?» Die Besucherin wird im Aarauer Gasthof zum Schützen so begrüsst, als ob sie hier Stammgast wäre. Das ist sie nicht, aber vielleicht könnte sie es werden. Das, was sie heute an diesen Ort gelockt hat, ist das Alzheimer Café, von dem sie noch nie gehört hat, das ihr aber helfen könnte: Ein Elternteil leidet an Demenz. Die Besucherin betritt den Raum und ist überrascht. An den Tischen sitzen 20 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters. Die Stimmung ist aufgeräumt. Die Kontakte zu den Tischnachbarn sind rasch geknüpft – und ebenso rasch ist man beim Thema, das an diesem Nachmittag alle zusammenführt: Alzheimer.

Alzheimer Café

Das Alzheimer Café ist ein Ort, an dem sich Menschen mit Demenz sowie diesen nahestehende Personen in entspannter Atmosphäre treffen können. Das Café ist kostenlos und offen für alle Interessierten. Es findet an folgenden Daten statt: 16. September, 21. Oktober, 18. November und 16. Dezember, jeweils von 14.30 bis 16.30 Uhr im Gasthof zum Schützen, Schachenallee 39, in Aarau. Weitere Informationen: Alzheimervereinigung Aargau, Fröhlichstrasse 7, 5200 Brugg; Telefon: 056 406 50 70; info.ag@alz.ch; www.alz.ch/ag. (SAS)

Eine Tochter erzählt von «merkwürdigen» Vorfällen und Begebenheiten mit ihrem Vater, die ihr gezeigt hätten: «Hier stimmt etwas nicht.» Eine Frau hört ihr aufmerksam zu; erzählt von ihrer schwer an Demenz leidenden, pflegebedürftigen Nachbarin; sagt, dass diese alleine sei und man ihr ganz einfach beistehen müsse.

Ein Wort ergibt das andere, weshalb die Begrüssung von Esther Brönnimann, die durch den Nachmittag führt, fast unterzugehen droht. Sie stellt Samuel Vögeli, Leiter Geschäfts- und Beratungsstelle der in Brugg beheimateten Alzheimervereinigung Aargau, vor. «Unser Nachmittag hat gut begonnen», sagt dieser und blickt lächelnd in die Runde. Er werde ein kurzes Referat halten, «aber zuerst gibt’s Musik.» Nicht ab Band, sondern live – von ihm selbst am Keyboard und von seinem Bruder an der Gitarre gespielt. Vögeli rückt das Mikrofon zurecht und singt: «Wir ziehen in die Weite». Das Lied kommt gut an – erst recht der folgende Evergreen «Es Buurebüebli mani nid». Die meisten singen mit; die Stimmung ist entspannt – nun sind alle neugierig auf das Folgende.

Samuel Vögeli rollt kurz die Geschichte der Schweizerischen Alzheimervereinigung auf, die 1988 von Angehörigen gegründet worden ist; die Sektion Aargau gibt es seit 1992. «Alzheimer oder vielmehr Demenz hat man damals noch nicht richtig gekannt; das hat sich geändert.» Vögeli unterstreicht, wie wichtig Mitglieder der Vereinigung sind, «denn je mehr wir sind, desto mehr haben wir politisches Gewicht.» «Noch Fragen?» Ja. Ob es eine Altersbegrenzung für eine Angehörigengruppe gebe? Nein. Samuel Vögeli deutet auf einen Tisch: «Hier liegen unsere Prospekte auf – und das zu jedem Aspekt im Hinblick auf Demenz.»

Wieder geht es mit Musik weiter. Mit einem Mal blickt die adrett frisierte Frau im Rollstuhl hoch. Sachte heben sich ihre Mundwinkel – sie lächelt. «Wie schön», sagt ihre Bekannte, steht auf, ergreift die Hände der Frau, zieht sie behutsam hoch und nah zu sich heran – und führt sie sanft übers Parkett. Das Beispiel macht Schule. Ein anderes Paar wagt ebenfalls einige Schritte.

Samuel Vögeli freut sich: «Das Alzheimer Café will Menschen mit Demenz und ihnen nahe stehenden Personen Gelegenheit geben, sich in entspannter Atmosphäre über ausgewählte Themen zu informieren. Hier sollen sie auch offen mit anderen Menschen über ihre Probleme sprechen können.» Ist das Alzheimer Café demnach ein niederschwelliges Angebot? «Ja», sagt Samuel Vögeli: «Niemand muss sich hierfür anmelden; niemand muss sich mit Namen zu erkennen geben, wenn er nicht will. Zudem sind alle Menschen im Café willkommen. Es ist also nicht zum vorherein klar, ob man selbst betroffen ist oder nicht. Demenz ist ja, besonders im Anfangsstadium, nicht sichtbar.»

Dass die Wahl für das erste Alzheimer Café auf Aarau fiel, erklärt Vögeli mit dem grossen Einzugsgebiet: «Dieses erhöht die Wahrscheinlichkeit, viele Menschen zu erreichen.» Falls das erste Alzheimer Café ein Erfolg wird: Wird es an weiteren Standorten fortgesetzt? Samuel Vögeli nickt und verweist in diesem Zusammenhang auf die Angehörigengruppen: «Sie sind in allen Regionen des Kantons sehr gut besucht. Genau das wünschen wir uns auch für die Alzheimer Cafés. Betroffene und Angehörige im Aargau sollen solche in ihrer Nähe besuchen können.»