Aarau
Altstadt-Bewohner fordern neuen Angriff auf die Taubenplage

Das Taubenproblem in der Altstadt von Aarau hat sich mit den Netzen über den Ehgräben nicht gelöst, sondern verschoben. Bewohner fordern von der Stadt Massnahmen gegen die Plage, etwa die Taubenpopulation zu verkleinern.

Katja Schlegel
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«Wir wissen nicht mehr, was wir gegen die Taubenplage tun können.» In Aarau wächst der Unmut über die Vögel. (Symbolbild)

«Wir wissen nicht mehr, was wir gegen die Taubenplage tun können.» In Aarau wächst der Unmut über die Vögel. (Symbolbild)

Foto: Walter Christen

Er klebt auf der Grillabdeckung, auf dem Rucola im Blumentopf, in den Borsten des Besens. Mal als kompaktes Häufchen, mal als Geschmier auf der Scheibe, der Fensterbank, der Hauswand. Der Taubenkot ist in dem Hinterhof in der Aarauer Altstadt überall, dazwischen klebt Flaum. Und überall hört man das Gurren und Geflatter, das Scharren der dünnen Krallen auf Blech.

Franziska Hämmerli und Birgit von Brückner können es nicht mehr sehen, nicht mehr riechen und nicht mehr hören. Seit zwei Jahren führen sie einen erbitterten Kampf gegen die Tauben in ihrem Hinterhof.

Seit dem Moment, als die Hauseigentümer über dem Ehgraben zwischen Kirchgasse 1 und Rathausgasse 12 ein Netz montiert haben, um die Tauben von da zu vertreiben. Das Problem hat sich damit aber nicht erledigt, sondern verschoben. Die Tauben haben einfach den nächstbesten Platz in Beschlag genommen. Über 50 Tiere hat Hämmerli an den schlimmsten Tagen auf ihrem Sitzplatz gezählt.

Mit allen Mitteln gewehrt

Die einst lauschigen Sitzplätze von Hämmerli und von Brückner sind praktisch unbenutzbar. Während sich Hämmerli ihre Terrasse ab und zu mit dem Hochdruckreiniger zurückerobert, hat von Brückner aufgegeben. Die Möbel und Pflanzen, mit denen die Terrasse ihrer Sprachschule «bvoice» den Sommer über zum Freiluftklassenzimmer umfunktioniert wurde, hat sie entsorgt. Zu viel Geduld, Zeit und Geld hat es sie gekostet, den stinkenden Taubenmist immer wieder vom Sitzplatz zu kratzen.

Wo kein Mist klebt, haben sich die flaumigen Federn verheddert
8 Bilder
Überall klebt der Taubendreck
Mit Dornen, sogenannten Taubenspikes, probieren die Anwohner, die Tauben zu vertreiben
Gegen die Tauben hilft nur das Vergittern der Gräben und Nischen
Franziska Hämmerli hat einen schwarzen Plastikvogel aufgehängt, der die Tauben abschrecken soll
Der Blick in einen der ungeschützten Ehgräben
Da hilft nur noch der Hochdruckreiniger
Die Terrasse der Sprachschule wird nicht mehr genutzt

Wo kein Mist klebt, haben sich die flaumigen Federn verheddert

Katja Schlegel

Gewehrt haben sich die beiden Frauen mit allen legalen Mitteln. Mit Draht, Gittern und Plastikdornen, sogenannten Spikes. Mit Wasserpistolen. Mit Plastikeiern, die von Brückner den Tauben in die Nester legte. Mit einem Gerät für hochfrequente Töne, das Hämmerli installierte.

Hunderte Franken haben sie investiert, genützt hat alles nichts. Zwei Experten haben sich die Situation schon angeschaut und sind schulterzuckend wieder abgezogen. Da könne man nichts machen. Einer meinte noch, sie sollten sich doch eine Gemeinschaftskatze anschaffen.

Sie flattern sogar ins Haus

Der Blick auf die Terrassen, Fensterbänke und Dachrinnen der Nachbarhäuser in dem verwinkelten Innenhof zeigt: Hämmerli und von Brückner kämpfen nicht allein. Die Terrassen und Lauben sind mit Netzen verhüllt, Löcher und Nischen mit Gitterdraht vermacht.

Auf den Fensterbänken sind Drähte gespannt oder Spikes montiert, an den Rahmen baumeln reflektierende CDs und flatternde Stoffbänder. Und überall hocken schwarze Plastikkrähen. Der Effekt? Hämmerli winkt ab. «Die Tauben gewöhnen sich über kurz oder lang an alles.»

Sie lernen, wie sie sich zwischen die Drähte und Plastikdornen auf den Fensterbänken quetschen können. Und sie merken, dass ihnen die Plastikkrähe nichts anhaben kann. «Von Tag zu Tag wurden die Viecher dreister. Heute kann man nicht einmal mehr das Fenster offenlassen, ohne dass sie in die Wohnung flattern», sagt Hämmerli. Die Wohnqualität leide massiv.

Die Situation ist für Hämmerli und von Brückner dermassen unhaltbar, dass sie sich jetzt mit einem Schreiben an die Stadt gewandt haben. In der Beilage haben sie mehrere Unterschriftenbögen mitgeschickt, unterzeichnet von rund 20 weiteren Anwohnern.

Ihr Anliegen: Die Stadt soll sich die Sache anschauen und Massnahmen ergreifen. «Wir wissen nicht mehr, was wir gegen die Taubenplage tun können», sagt Hämmerli. «Uns gehen die Ideen und Möglichkeiten aus.» Und es könne doch nicht sein, dass die Altstadtbewohner ihre Sitzplätze eingittern müssten, um in Ruhe draussen sitzen zu können.

Dazu kommt der hygienische Aspekt, schliesslich ist Taubenkot ein idealer Nährboden für Schimmelpilze und Parasiten. Die in Töpfen gezogenen Kräuter und Salate traut sich Hämmerli nicht mehr zu essen, den Grill zu gebrauchen ekelt sie ebenfalls.

Problem sind fütternde Leute

Die Forderung der beiden Frauen an die Stadt: Die Taubenpopulation verkleinern. Bei der Stadt ist man sich des Taubenproblems bewusst und hat Verständnis für den Ärger. Doch den Verantwortlichen sind die Hände gebunden: «Früher wurde die Taubenpopulation mit verschiedenen Aktionen dezimiert», sagt André Liniger vom Stadtbauamt.

Heute sei dies wegen des Tierschutzes nicht mehr möglich, zudem ist auch der Effekt von relativ kurzer Dauer. Das steht auch im Merkblatt des Schweizer Tierschutzes, das die Stadt auf ihrer Website aufgeschaltet hat: «Massnahmen wie Schiessen, Vergiften und die ‹Pille› für die Taube ist kein dauerhafter Erfolg beschieden.» Das Töten der Tauben nütze nichts, im Gegenteil: Die Lücken würden jeweils innert Wochen wieder gefüllt und der Bestand sei meist nur noch grösser.

Um die Population ansatzweise zu regulieren, werden im städtischen Taubenschlag am Graben die Eier aus den Nestern genommen. Gemäss Stadtbauamt sind die Erfahrungen positiv. Zurzeit würden Abklärungen laufen, einen weiteren Taubenschlag zu platzieren und so die Population noch besser kontrollieren und steuern zu können.

Ob diesen Frühling mehr Tauben fliegen als in den Vorjahren, kann Liniger nicht sagen. Die Anzahl Reklamationen entspreche etwa derer der Vorjahre. «Womöglich konzentrieren sich die Tauben inzwischen einfach auf ein paar wenige Plätze, weil ihr Lebensraum mit Netzen und anderen Massnahmen immer mehr eingeschränkt wird.»

Dass es den Tauben so wohl ist in der Stadt, daran ist in erster Linie der Mensch schuld. Man habe schon Aktionen gestartet und auf das Problem aufmerksam gemacht, sagt Liniger. «Aber es gibt noch immer viele Leute, die die Tauben füttern – entweder aktiv, oder indem sie Essensreste auf den Boden fallen lassen.» Ein grosses Nahrungsangebot lässt die Population weiter wachsen.

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