Vorsichtig schieben sich die Damen mit ihren Rollatoren vor dem Lift im Altbau des Alterszentrums Suhrhard in Position. Den ganzen Tag über haben sie auf diesen Moment gewartet, seit sie morgens um acht Uhr ihre Zimmer verlassen mussten.

Haben zugeschaut, wie die Zügelmänner von der Lagerhäuser AG Bett um Bett, Nachttisch um Nachttisch und Schachtel um Schachtel aus dem Lift geschoben haben. Um 16 Uhr würden sie in ihre neuen Zimmer im Erweiterungstrakt einziehen dürfen, hiess es am Morgen. Die elektronische Uhr neben dem Lift zeigt 16:01.

Heidi Gloor ist die Erste, die ihr Zimmer beziehen darf. Mit dem Lift geht es erst in den Keller des Altbaus, vorbei an den Garderoben und Regalen mit der Arbeitskleidung für die Mitarbeiter, in die Einstellhalle zum provisorischen Lift und hoch in den vierten Stock des Neubaus. Aufgeregt sei sie nicht, sagt die 85-Jährige und schüttelt den Kopf. «Jänu, jetzt zügle mer halt nomol.»

Beim Zmorge habe eine Bewohnerin geweint, weil sie so traurig darüber gewesen sei, ihr altes Zimmer verlassen zu müssen. «Aber ich nehme es, wie es kommt.» Bloss das mit der Aussicht, das reue sie etwas. «Bis jetzt habe ich im fünften Stock beste Sicht in den Jura gehabt.» Wohin sie jetzt wohl blicken wird?

Halbzeit im Umbaumarathon

47 der total 82 Bewohnerinnen und Bewohner beziehen in diesen Tagen ihre neuen Zimmer – es ist Halbzeit im Umbaumarathon. Nächste Woche starten die Arbeiten im alten Trakt. Dieser wird für die Sanierung komplett ausgehöhlt, teilweise zurückgebaut und der fünfte Stock abgetragen.

Erst im Sommer 2017 wird alles fertig sein. Drei Jahre Ausnahmezustand, verschiedene Zügeldaten und das alles bei laufendem Betrieb – das zu regeln, ist eine logistische Meisterleistung. «Es wäre für den Betrieb deutlich einfacher gewesen, hätte man entweder auf der grünen Wiese einen kompletten Neubau aufgestellt oder sämtliche Bewohner in Pavillons verlegt und das alte Gebäude abgebrochen und neu gebaut», sagt Geschäftsführerin Ursula Baumann. «Das hätte deutlich weniger Zeit und Anstrengung beansprucht.» Vom kompletten Neubau habe man damals abgesehen, weil man die bestehende Bausubstanz weiter habe nutzen wollen. «Heute würde man möglicherweise anders entscheiden», so Baumann.

Oben im vierten Stock entdeckt Frau Gloor neben der Tür zu Zimmer 413 ihr Foto. «Das bin ja ich», freut sie sich und schiebt den Rollator durch die Tür. «Eieiei, schaut euch das an!», ruft Frau Gloor aus. Ursula Baumann zieht den Vorhang vor dem Fenster zur Seite – beste Sicht auf Biberstein und Küttigen. Frau Gloor ist entzückt, fragt aber sogleich mit Blick auf die Zügelkisten leicht besorgt, ob das denn nun so bleibe. «Nein, morgen kommt ein Zivilschützer und hilft Ihnen beim Ausräumen der Kisten und dem Anschliessen des Fernsehers», verspricht Baumann. «Dann wird es wieder gemütlich.»

Wie bei Frau Gloor im Zimmer tönt es überall im Haus. Das Entzücken der Eintreffenden ist gross. «Man kommt nicht aus dem Staunen raus», sagt eine Dame, die Frau Gloor auf dem Weg zum Esszimmer im dritten Stock vor dem Lift trifft. Das viele Licht, der viele Platz, das gefällt den Bewohnern. Hier könnte man Fussballspielen, die Gänge sind so breit. Was die Bewohner freut, ist für die Angestellten nicht nur von Vorteil. Das Haus ist so grosszügig konzipiert, dass die Wege lang sind. Das braucht Zeit. Und Zeit ist das wertvollste Gut.

Plötzlich hornt es. Im Gang blinken Lämpchen, Aufregung bei den Mitarbeitern im Pflegestützpunkt. Das Alarmsystem für den Bewohnerruf wird getestet. Er funktioniert noch nicht so, wie er sollte. «So ist das bei Umzügen, irgendetwas funktioniert immer nicht», sagt Baumann und lächelt. Der Ausnahmezustand der letzten zwei Jahre hat sie Gelassenheit gelehrt. «Aufregen nützt nichts, so lösen sich die Probleme nicht.» Schlaflose Nächte bereitet ihr das nicht – das tun andere Herausforderungen: «Aus Platzgründen mussten wir vor dem Umzug die Bewohnerzahl von 55 auf 47 reduzieren», sagt Baumann. Verschiedene Verträge seien befristet gewesen, für zwei Bewohner musste temporär eine andere Lösung gefunden werden. «Das war nicht einfach, weder für die Bewohner und die Angehörigen noch für uns.»

Heim-Büsi hat sich verkrochen

Eine neue Umgebung, neue Nachbarn, neue Zimmernummern, neue Wege zum Esssaal; das ist für die Bewohner nicht einfach. Veränderung verunsichert. «So viele neue Informationen abzuspeichern, überfordert viele unserer Bewohner, speziell Personen mit einer demenziellen Erkrankung», sagt Baumann. Umso vorsichtiger habe das Team die Bewohner und ihre Angehörigen auf den Umzug vorbereitet.

Es fand eine Infoveranstaltung statt, bei der man ein Musterzimmer besichtigen konnte. «Gewisse Bewohner hat die Aussicht auf ein neues Zimmer so verunsichert, dass sie die Räume noch nicht einmal besichtigen wollten», sagt Baumann. Diese Bewohner bräuchten nun Zeit, viel Zeit. So, wie die mit rund 140 Katzenjahren mit Abstand älteste Bewohnerin: Heim-Büsi Bianca. Sie hat sich nach dem Umzug in ihrem Körbchen im Sekretariat verkrochen.

Auch für Frau Gloor und ihre Nachbarinnen wird es nicht der letzte Umzug gewesen sein: Im Sommer 2017 wird aus dem vierten Stock der geschützte Wohnbereich für Demenzbetroffene, ein letztes Mal müssen die Kisten gepackt werden. Drei Jahre nach Baustart wird endlich wieder Ruhe einkehren.