Alte Kantonsschule Aarau, zweiter Stock, Zimmer 30. Zwei Menschen werden dieses Zimmer, das mit allem ausgerüstet ist, was es für einen guten Musikunterricht braucht, bald vermissen: Musiklehrer Thomas Baldinger geht nach 35 Jahren Unterricht in Pension, Anne Auderset war seine Schülerin im Schwerpunktfach Musik und wird nach den Maturaprüfungen weiterziehen, Medizin oder Pharmazie studieren, möglicherweise in Neuchâtel.

Diese beiden Menschen verbindet die Musik. Anne Audersets Augen leuchten, wenn sie vom Unterricht mit Thomas Baldinger erzählt. Das sei immer spannend gewesen, abwechslungsreich. Die Vorbereitung auf die Konzerte, wie jüngst die Aufführung einer Messe von Joseph Haydn, habe sie bereichert: «Eine wunderbare Zeit», betont sie. Anne weist zudem darauf hin, dass ihr Lehrer Verantwortung abgegeben hat. So hat sie in den Registerproben für Haydns Messe die Männerstimmen gecoacht, darauf ist sie stolz.

Sich treu bleiben

Thomas Baldingers Credo ist einfach formuliert, aber anspruchsvoll in der Umsetzung: sich treu bleiben, sich an niemanden verkaufen. Sein Ziel sei es auch nie gewesen, den Schülern ein Freund zu sein. Was denn? «Ich hatte einen Auftrag, musste etwas vermitteln, das nachhaltig wirken kann.» Das klingt plausibel, aber es kann Basis für ein Burnout sein. Baldinger hat, wie er sagt, aufgepasst, dass das nicht geschieht.

Er hat nie daran gedacht aufzuhören, nicht nur, weil es schwierig wäre, eine Alternative zum Lehrerberuf zu finden. Er war mit Leib und Seele Musiklehrer, Vermittler zwischen Kunst und Alltag, hat an sich und seine ihm anvertrauten Schülerinnen und Schüler hohe Ansprüche gestellt. Nur so war es möglich, dass für den Kantichor, unter Mitwirkung von Berufsorchestern, auch grosse Konzertaufführungen machen konnte.

Baldingers Wirken hinterlässt Spuren, so auch die von ihm aus der Taufe gehobene musicfactory, in denen Schüler ihre Eigenkompositionen zur Uraufführung bringen durften, oder die Singwochen in Santa Maria im Val Müstair.

Nicht alles lief reibungslos

Natürlich lief nicht immer alles rund und reibungslos. «Die Konstanz ist ein nicht zu unterschätzendes Problem. Es gibt so viele Alternativen zum Proben im Chor, die jungen Leute sind mit allem Möglichen beschäftigt», sinniert der beliebte Musikpädagoge.

Auch etwas anderes hat den abtretenden Musiker ab und zu geärgert: der administrative Aufwand, der immer grösser wird. «Alles muss dokumentiert werden», klagt Baldinger.

Natürlich war immer wieder auch die Projektfinanzierung ein Thema – ein grundsätzliches Problem jeder kulturellen Institution. Immerhin macht Baldinger die vom Volk angenommene Initiative «Jugend und Musik» Hoffnung.

Anne Auderset wird Thomas Baldinger vermissen – und umgekehrt. Beide haben sie eine Wegstrecke des Lebens gemeinsam zurückgelegt, jetzt werden sich ihre Wege trennen. Thomas Baldinger wird mehr Zeit haben zum Lesen. «Nicht nur Fachliteratur», betont er, und er geht gerne auf Reisen. Den Garten kann er künftig dann pflegen, wenn es Zeit dafür ist, nicht erst, wenn alle Prüfungsarbeiten korrigiert oder die nächsten Chorproben vorbereitet sind. Dem Collegium Vocale Lenzburg bleibt er treu, alle anderen Chöre legt er in neue Hände. Er ist glücklich, dass mit Michael Schraner ein Nachfolger zur Verfügung steht, der mit Liebe und hoher Professionalität das Begonnene weiterentwickeln wird.

Anne Auderset nimmt wunderschöne Erinnerungen an die Musikstunden mit Thomas Baldinger mit. Die Schule entlässt ihn in den Ruhestand, sein Werk aber wird weiter bestehen.

Die Tür geht auf. Erwartungsvolle Schülerinnen und Schüler betreten Zimmer 30. Thomas Baldinger begrüsst sie mit einem freundlichen Lächeln.