Aarau
Alt Stadtammann feiert runden Geburtstag – und kritisiert städtische Politik

80 Jahre alt wird Alt Stadtammann Markus Meyer heute. Noch immer hat er die städtische Politik fest im Blick, die zuletzt ihre langfristige Optik aus den Augen verloren habe. Er erinnert sich aber auch an eine Zeit, als Aarau dringend Geld braucht.

Hermann Rauber
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Markus Meyer, Stadtammann von 1974 bis 1987: «Der Stadtrat hat in den letzten vier Jahren eine zunehmend kurzsichtige Politik verfolgt.»

Markus Meyer, Stadtammann von 1974 bis 1987: «Der Stadtrat hat in den letzten vier Jahren eine zunehmend kurzsichtige Politik verfolgt.»

ZVG

«Ich war nie ein Diplomat», bekennt Markus Meyer, der ehemalige Aarauer Stadtammann, der heute Freitag seinen 80. Geburtstag feiert. Im Amt war der gebürtige Lenzburger von 1974 bis 1987, in einer Zeit also, als sich die Kantonshauptstadt «vom Industrie- zum Dienstleistungsstandort entwickelte».

Als schönste Erinnerung bezeichnet Meyer im Rückblick die «Problemlösungen auf sachlicher Ebene». Wie ein roter Faden zog sich über die damaligen Jahre das Ziel, die Innen- und Altstadt vom Verkehr zu befreien.

Dazu gehörten eine zweite Aarebrücke und der Sauerländertunnel ebenso wie der Ausbau der Hinteren Bahnhofstrasse und der Schachenstrasse. Die Vollendung des gesamten Werks konnte der einstige Stadtammann allerdings erst im Ruhestand geniessen.

Eine böse Überraschung erlebte der junge Ammann bereits im ersten Amtsjahr, als die Stadt als Folge der nationalen Konjunkturdämpfungsmassnahmen, die auch Bankkredite betraf, am Rande der Illiquidität stand.

Erst ein Bittgang zur Nationalbank nach Bern brachte die Befreiung aus dem akuten Zahlungsnotstand. Im Zuge der Erdölkrise 1974 setzte Markus Meyer geradezu pionierhaft auf die Nutzung der Fernwärme aus dem Kernkraftwerk Gösgen.

Das Volk gab ihm 1986 an der Urne recht und stimmte der Vorlage Fola zu. Trotzdem verschwand das Vorhaben vor der Realisierung nach dem Rücktritt Meyers in einer Rathaus-Schublade.

Kaserne schon damals Thema

Die städtische Politik stritt sich schon vor vier Jahrzehnten über das Kasernenareal, über den Ausbau von Schulhäusern, über die Brechung des Spitalmonopols durch die private Ami-Klinik im Schachen oder um den städtischen Stellenplan.

«Im Einwohnerrat wirkte die Polarisierung zwischen Freisinnigen und Sozialdemokraten lähmend», sagt Markus Meyer, der an der Spitze der Exekutive von beiden Seiten unter Beschuss geriet und nicht zuletzt auch mit seiner eigenen Partei, der FDP, «Probleme hatte».

Da flogen nicht selten die Späne, denn der Stadtammann und promovierte Jurist war, wie er eingangs betont hat, «nie ein Diplomat», aber bei allem Temperament und rhetorischer Schärfe auch nie «rechthaberisch».

Er hatte stets Sachprobleme und nicht Personen im Visier. Folglich nahm er auch sich selbst nicht wichtig. So konnte er herzhaft lachen, als er an einem Samstagmorgen einen Termin im Schulhaus Scheibenschachen hatte und im Gang von einem gestrengen Lehrer barsch gefragt wurde, was er hier zu suchen habe. «Ich bin euer Stadtammann», stellte er sich vor und hatte seinen Spass an diesem Vorfall.

Und heute? Obwohl er körperlich in seiner Mobilität eingeschränkt ist, nimmt er mit wachem Geist Anteil an den Geschicken der Stadt und äussert sich nicht zuletzt in den neuen elektronischen Medien.

Zur städtischen Politik nimmt Markus Meyer kein Blatt vor den Mund: «Der Stadtrat hat in den letzten vier Jahren eine zunehmend kurzsichtige Politik verfolgt und die langfristige Optik verloren», analysiert er. Diese grosszügige und willfährige «Konsumhaltung» werde sich sehr rasch in teure «Folgekosten» niederschlagen.

«Urech ist eine gute Lösung»

Was hält er von seiner Nach-Nachfolgerin? «Jolanda Urech ist als Stadtpräsidentin eine gute Lösung. Sie ist eine moderne, offene und selbstbewusste Frau, die über politische Erfahrung und damit auch über ein gesundes Stehvermögen verfügt», lobt Markus Meyer.

Diese Wahl sei nach der langen Amtszeit von Marcel Guignard eine willkommene «Übergangslösung», die «für alle Seiten zu einem Gewinn werden kann». Vor allem für die weitere Entwicklung der Stadt, aber auch für die Parteien, «die sich im Einwohnerrat mit praktisch gleich starken Lagern blockieren», was der Sache nicht immer dienlich sei.

Ad multos annos: In diesem Sinne gehen die besten Wünsche zu seinem heutigen runden Geburtstag in die Stube von Markus Meyer im Haus Senevita an der Hinteren Bahnhofstrasse, verbunden mit dem Dank für die geleisteten Dienste zum Wohle der Stadt Aarau.