Vor zehn Tagen waren es noch Gerüchte, jetzt steht fest: Der Chefarzt Angiologie am Kantonsspital Aarau (KSA) muss gehen. In einer kurzen Mitteilung, die am Donnerstagnachmittag verschickt wurde, heisst es: «Das Kantonsspital Aarau trennt sich vom Chefarzt der Angiologie.» Und weiter: E. G.* verlasse das KSA per 30. April 2019. «Das KSA dankt ihm für seine geleisteten Dienste und wünscht ihm für seine Zukunft alles Gute.»

G. war seit 2001 als Chefarzt Angiologie am Kantonsspital Aarau tätig, in den letzten Monaten geriet er wegen einer Honoraraffäre in die Kritik. Laut externen Untersuchungsberichten hat er im Spitalsystem insgesamt 507-mal medizinische Leistungen auf seinen Namen erfasst, aber gar nicht selber erbracht. Die Spitalleitung wertete dies als Sorgfaltspflichtverletzung, erteilte dem fehlbaren Chefarzt einen Verweis und verpflichtete ihn zu einer Rückzahlung von knapp 6000 Franken. Das ist die Summe, die aus einem Honorarpool der Angiologie ungerechtfertigt an den Chefarzt floss.

Eröffnung eines Strafverfahrens?

Als die Affäre publik wurde, hielt Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals, in einem Interview fest, der Chefarzt habe sich strafrechtlich nichts zuschulden kommen lassen und sich nicht bereichern wollen. Mit der Verwarnung und der Rückzahlung sei der Fall für das KSA abgeschlossen. Doch der politische Druck stieg: Der Regierungsrat prüfte zusätzliche Spitalakten und die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rates verlangt bis Weihnachten einen vollständigen Bericht.

Vor zwei Wochen hat der Regierungsrat die Staatsanwaltschaft gebeten, die Eröffnung eines Strafverfahrens gegen den KSA-Chefarzt zu prüfen. Darauf verdichteten sich die Informationen, dass dieser nicht mehr am Kantonsspital arbeite oder entlassen worden sei. Als die AZ am 12. November beim Spital nachfragte, antwortete der stellvertretende Spitalsprecher Ralph Schröder knapp: «Wir kommentieren grundsätzlich keine Gerüchte.»
Nun kommt es also doch zur Trennung – allerdings nicht sofort, sondern erst in gut fünf Monaten. Die Formulierung in der Mitteilung, das KSA trenne sich vom Chefarzt, lässt darauf schliessen, dass die Spitalverantwortlichen das Arbeitsverhältnis kündigten.

Eher unwahrscheinlich scheint aufgrund des Wortlauts, dass der Abgang im gegenseitigen Einvernehmen oder sogar auf Wunsch des Chefarztes erfolgt. Isabelle Wenzinger, Mediensprecherin des KSA, sagt auf Anfrage lediglich: «Wie in der Medienmitteilung festgehalten ist, trennt sich das KSA vom Chefarzt Angiologie.»

«Unternehmerischer Entscheid»

Regierungssprecher Peter Buri sagt auf Anfrage: «Der Regierungsrat hat das vom Kantonsspital Aarau kommunizierte Ausscheiden des Chefarztes Angiologie zur Kenntnis genommen.» Die Regierung werde diesen Vorgang aber nicht weiter kommentieren, da es sich um ein laufendes Verfahren handle.

Naheliegend ist die Vermutung, dass die neuen Erkenntnisse des Regierungsrats und die mögliche Eröffnung eines Strafverfahrens gegen den Chefarzt beim Entscheid der Spitalverantwortlichen eine Rolle gespielt haben. Sprecherin Wenzinger hält dazu fest: «Dass sich das KSA vom Chefarzt trennt, ist ein unternehmerischer Entscheid, mehr kann ich zu den Gründen nicht sagen.»

Fiona Strebel, Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft, hält auf Anfrage fest, die Eröffnung eines Strafverfahrens werde geprüft. Dass sich das KSA nun vom Chefarzt trenne, habe keinen Einfluss auf den Entscheid der Staatsanwaltschaft, ob es zu einem Verfahren komme oder nicht. Anfang September hatte KSA-Chef Rhiner auf die Frage, wo die Grenze liege, dass ein Chefarzt entlassen werde, noch gesagt: «Wenn etwas strafrechtlich Relevantes vorgefallen ist und das bekannt ist, dann kommt eine solche Person als Chefarzt nicht infrage.» Dies ist beim Chefarzt Angiologie derzeit nicht der Fall, dennoch trennt sich das Spital vom Angiologen.

Spitalleitung will aufräumen

Weshalb nun dieser Sinneswandel bei den KSA-Verantwortlichen? «Es gibt nicht nur strafrechtliche Gründe, um sich von jemandem zu trennen, sondern, wie gesagt, auch unternehmerische», sagt Spitalsprecherin Wenzinger. «Solche Vorfälle führen natürlich zu einem Imageschaden», hielt KSA-Chef Rhiner Anfang September fest. Der Spitalleitung sei alles daran gelegen, hier aufzuräumen. «Wir können aber beim bestehenden Fachkräftemangel solche Chefärzte nicht einfach auswechseln», gab er zu bedenken. In einer solchen Situation gelte es sorgfältig abzuwägen.

Möglich also, dass die KSA-Verantwortlichen die Trennung vom Chefarzt Angiologie schon länger planten, diese aber nicht rasch vollziehen konnten, weil die Suche nach einem Nachfolger schwierig ist.

Nicht zur Trennung äussern möchte sich der Chefarzt selber. Sein Anwalt Stefan Semela teilt auf Anfrage lediglich mit: «Der Abgang wird nicht kommentiert.»

*Name der Redaktion bekannt