Aarau

Als wäre man aus Wolle gestrickt: Die Besucher werden zur Punktewolke

Kuratorin Laura Aellig, FHNW-Professor David Grimm und Karlheinz Münch von der Arbeitsgruppe Kern (v.l.).

Kuratorin Laura Aellig, FHNW-Professor David Grimm und Karlheinz Münch von der Arbeitsgruppe Kern (v.l.).

Im Stadtmuseum Aarau wurde gestern die Ausstellung «Kern exakt 200! Vom Zirkel zum 3D-Scanner» eröffnet. In erster Linie soll damit ein Laienpublikum angesprochen werden.

55640. So viele Punkte zählt das 3D-Porträt aus dem Laserscanner, die Punktewolke. Ein Bildnis, als wäre man aus Wolle gestrickt, aber durchaus mit Wiedererkennungswert. Und vor allem ein Bildnis, das die Essenz zeigt. Die Essenz dessen, was vor genau 200 Jahren in Aarau seinen Anfang nahm: die Geschichte der Firma Kern, die Geschichte der technischen Entwicklung vom Zirkel zum 3D-Scanner und damit die Geschichte der Geomatik.

Dieser Scanner ist das Herzstück der Foyerausstellung im Stadtmuseum Aarau mit dem Titel «Kern exakt 200!». Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Der Scanner befindet sich in der Ausstellungsbox, auf deren Aussenwänden die Geschichte des Unternehmens dargestellt wird. Gestern feierte die Ausstellung Vernissage.

Jeden Schritt der Industrialisierung begleitet

«Wir wollen aufzeigen, was die Firma Kern geleistet hat, wie eng ihre Instrumente jeweils mit der Aktualität verknüpft waren», sagt Laura Aellig vom Stadtmuseum, die die Ausstellung gemeinsam mit Dominik Sauerländer kuratiert hat. Seit dem Verkauf 1988 befindet sich die Sammlung der Firma Kern und Co. AG im Depot des Stadtmuseums, wo sie von ehemaligen Mitarbeitern betreut wird.

Von der Landesvermessung bis zum Tunnelbau und der ersten Mondlandung: Die Kern-Instrumente haben jeden Schritt der Industrialisierung begleitet, national wie international. Aufgezeigt wird diese Verknüpfung stellvertretend mit drei Objekten: Einem Bordakreis von 1835, der für die erste umfassende Landesvermessung gebraucht und von Henri Dufour bei Kern bestellt wurde, einem Theodoliten von 1898, der beim Bau des Simplon-Tunnels eingesetzt wurde, sowie einem seriell gefertigten, kompakten Theodoliten von 1938, der während des Baubooms weltweit eingesetzt wurde.

Das Erstaunliche: Zwar haben die Geräte im Laufe der Jahre ihre Form verändert. «In Bezug auf die Präzision aber hat keine wesentliche Verbesserung mehr stattgefunden», sagt Karlheinz Münch von der Arbeitsgruppe Kern.

Extra für Laien-Publikum gemacht

Aufgezeigt wird natürlich auch die Firmengeschichte, eingebettet ins Themenjahr «#ZeitsprungIndustrie». «Kern erzählt ein wichtiges Stück der Aargauer Industriegeschichte», sagt Laura Aellig. Was einst als Reisszeugmanufaktur gegründet wurde, mauserte sich über die Jahrzehnte zum Global Player mit bis zu 1300 Angestellten und 120 Auslandvertretungen.

Immer aber blieb Aarau der Sitz des Unternehmens, bis es 1988 verkauft und 1991 geschlossen wurde. Heute lebt die Tradition der Schweizer Vermessungskunst in den Geräten von Leica Geosystems (Teil von Hexagon) weiter; sie hat unter anderem auch den 3D-Scanner entwickelt. «Der Scanner ist die Fortführung dessen, was Kern entwickelt hat», konstatiert Karlheinz Münch.

Das Themenfeld der Geomatik ist komplex. Um nicht nur ehemalige «Kernianer» für die Ausstellung zu begeistern, wurde die Ausstellung bewusst reduziert. «Wir möchten in erster Linie ein Laienpublikum ansprechen», sagt Laura Aellig. Für zusätzliche Informationen finden verschiedene Veranstaltungen statt.

So wie gestern, dem Tag der Geomatik: Experten der ETH Zürich und der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) boten in Aarau 280 Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die Vielseitigkeit der Geomatik. Ortungsdienste, Messungen bei Sportanlässen, Wanderkarten, Augmented Reality; nichts würde ohne Geomatik funktionieren. «Die Schüler staunten, wie realitätsnah und aktuell Geomatik ist», sagt David Grimm, Professor an der FHNW. Sie waren damit nicht die Einzigen.

«Kern exakt 200!»
Foyerausstellung im Stadtmuseum Aarau bis 17. Mai 2020.

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