Aarauer Bahnhofsdrama
«Als Lokführer muss ich damit rechnen, dass ich jederzeit einen Menschen überfahren könnte»

Immer wieder passiert es: Lokführer überfahren Menschen - und können nichts tun. Ein Albtraum für jeden. Christoph Mayer betreut die betroffenen Zugführer, die oftmals ein Leben lang mit einem Unfall zu kämpfen haben.

Maja Sommerhalder
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Christoph Mayer weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, wenn man dem Unausweichlichen nur zusehen kann. Chris Iseli

Christoph Mayer weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, wenn man dem Unausweichlichen nur zusehen kann. Chris Iseli

«Diese Ohmacht ist schrecklich. Man sieht die Person auf dem Gleis und weiss genau: Man kann nicht rechtzeitig bremsen», sagt Christoph Mayer. Der 58-jährige Basler sitzt in einem Café im neuen Aarauer Bahnhofgebäude. Hier ist seine Welt. Schon als Bub wollte er Lokführer werden. Mittlerweile steuert er seit 35 Jahren Züge durch die ganze Schweiz. «Eine schöne, aber auch anstrengende Arbeit.»

Er rührt in seiner Kaffeetasse und sagt: «Als Lokführer muss ich damit rechnen, dass ich jederzeit einen Menschen überfahren könnte – ohne, dass ich es irgendwie verhindern könnte.» So wie das einem Arbeitskollegen im Bahnhof Aarau passiert ist. «Dieser Unfall ist eine Tragödie und bedeutet viel Leid für die Familie der Opfer. Schlimm ist es auch für den betroffenen Lokführer», so Mayer.

«Diese Bilder vergisst man nicht»

Statistisch gesehen erlebt bei den SBB jeder Lokführer in seiner Berufskarriere 1,7-mal einen Personenunfall. Unfälle beim leichtsinnigen Überqueren sind in der Minderheit. Häufiger sind Suizide. «Natürlich behandelt man dieses Thema in der Ausbildung. Trotzdem hofft man, dass es einen nicht trifft.» Mayer traf es schon. Das war ein Suizid in den 80er-Jahren. «Diese Bilder vergisst man nicht. Häufig schauen einen die Personen noch an. Und dann das dumpfe Geräusch beim Aufprall. Wenn möglich, sollte man deshalb beim Bremsen Augen und Ohren zu halten.»

«Man funktioniert einfach»

Ein Lokführer ist in dieser Situation alleine und muss professionell reagieren: Fahrdienstleiter informieren, entgegenkommende Züge warnen und Daten sichern – routinierte Handgriffe, die er sich antrainiert hat: «In diesem Moment funktioniert man einfach. Man steht unter Schock. Viele meinen, dass es ihnen gut geht.» Ein Trugschluss: «Nach kurzer Zeit beginnen plötzlich die Knie zu schlottern, das Herz rast und man kann sich nicht mehr richtig konzentrieren.»

Wichtig sei, dass ein Lokführer dann nicht alleine ist: «Ein Kollege sollte ihn nach Hause begleiten. Danach soll er ein paar Tage frei nehmen.» Als es Mayer passierte, waren Personenunfälle bei den SBB noch ein Tabuthema. «Mit Kollegen konnte man darüber reden. Aber das Unternehmen bot kaum Hilfe.» Heute ist das anders. Die SBB bieten eine Nachbetreuung an. 23 Lokführer wurden zum Nachbetreuer ausgebildet.

Kollegen betreuen Kollegen

Darunter Mayer, der auch für den Kanton Aargau zuständig ist: «Ich habe mich schon in den 80er-Jahren freiwillig für Gespräche mit den Betroffenen zur Verfügung gestellt.» Warum werden keine Psychologen eingesetzt? «Es ist leichter, mit einem Kollegen darüber zu reden. Zudem weiss ich genau, wovon ein Lokführer spricht», so Mayer.

Die Nachbetreuer gehen aktiv auf die Betroffenen zu und kontaktieren sie zwei bis drei Tage nach dem Ereignis: «Wir bieten ihnen ein Gespräch an. Das ist freiwillig und kostenlos.» Normalerweise dauert es je nach Typ Mensch wenige Tage bis einen Monat, bis man ein solches Erlebnis verdaut hat, meint Mayer.

Schlaflosigkeit, Albträume, Schreckhaftigkeit oder Antriebslosigkeit seien in dieser Zeit normal. «Beim ersten Nachbetreuungsgespräch geht es darum, wieder in den Alltag zurückfinden.» Nicht im Bett bleiben, sondern eine angenehme Tätigkeit ausüben, rät Mayer den Betroffenen: «Auch wenn es manchmal Überwindung braucht, sollte man sich aufraffen und seine sozialen Kontakte pflegen.» Auch versucht er seinen Arbeitskollegen die Schuldgefühle zu nehmen: «Viele fragen sich, ob sie den Unfall hätten verhindern können. Das ist natürlich illusorisch. Der Zug braucht mehrere 100 Meter, um zu bremsen.»

«Wut ist in der ersten Zeit normal»

Wie lange diese Verarbeitungsphase dauert, hängt von der Person ab: «Wenn es einem vor dem Unfall gut geht und man stabil ist, steckt man gewöhnlich so ein Ereignis schneller weg.» Deshalb lernen Lokführer bereits in der Ausbildung, dass sie Stressfaktoren möglichst reduzieren sollen: «Es ist beispielsweise besser, einen Streit mit dem Partner zu bereinigen, bevor man zur Arbeit geht.»

Allzu lange sollte man aber nicht unter dem Ereignis leiden. Mayer redet meistens einen Monat nach dem Unfall nochmals mit dem betroffenen Lockführer: «Hat er dann noch Beschwerden, raten wir ihm, psychologische Hilfe zu holen. In ganz seltenen Fällen müssen Kollegen den Beruf aufgeben.»

Mayer selbst hat seinen Personenunfall damals schnell verarbeitet. Nicht zuletzt deshalb, weil er in guter Verfassung war: «Es tauchen keine Emotionen mehr auf, wenn ich daran denke.»

Trotzdem erinnert er sich auch nach fast 30 Jahren immer wieder daran: «Ich fahre häufig an der Unfallstelle vorbei.» Hat er manchmal eine Wut auf die Person, die sich vor seinen Zug stellte? «Wut ist in der ersten Zeit normal. Aber das klingt rasch ab. Mir tun diese Leute leid.»