Hohl-Ski
Als in einer Suhrer Schreinerei noch «Holzlatten» produziert wurden: «Ski sind eine Familiensache»

Einst produzierte die Schreinerei Hohl an der Suhrer Tramstrasse eigene Ski – heute hängen sie in Skihütten.

Katja Schlegel
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Hohl-Ski Suhr

Hohl-Ski Suhr

Chris Iseli
Bis 1975 war die Skiwerkstatt im Wohnhaus an der Tramstrasse in Suhr untergebracht.

Bis 1975 war die Skiwerkstatt im Wohnhaus an der Tramstrasse in Suhr untergebracht.

Chris Iseli

Ein Paar Ski ist geblieben. Dazu klobige Lederschuhe, doppelt geschnürt und an der Ferse gefurcht, die Skischuhe vom Vater. Und eine vergilbte Luftaufnahme des längst abgebrochenen Hauses an der Tramstrasse, oben Wohnhaus, unten Werkstatt, dahinter der Schopf mit dem Holzlager. Mehr hat die Zeit nicht überlebt. Doch was geblieben ist, hütet Richard Hohl (60) in seinem Skikeller unter der Werkstatt an der Gewerbestrasse wie einen Schatz. Kein Wunder; die Ski sind ein Familienerbe.

84 Jahre ist es her, dass Richard Hohls Grossvater Jakob in der Wagnerei an der Tramstrasse die Produktepalette ausbaute. Ab 1933 bekam man nicht nur Wagenräder, sondern auch Holzski, ab 1936 kamen Leitern dazu. 1958 übernahmen Jakobs Söhne Herbert und Eduard die Werkstatt und damit auch die Skiproduktion. «Damals kamen die Leute aus der ganzen Region vorbei, um bei uns ihre Ski zu kaufen», sagt Hohl.

Die kleinen Hände waren gefragt

Er selber erinnert sich noch gut an den kleinen Verkaufsraum im Erdgeschoss des Hauses, an das Ski-Lager im Schopf. Daran, wie er als Bub in der sägemehlverhangenen Werkstatt zwischen Hobel- und Schleifmaschine herumstrolchte oder auf einem Stapel Holz sass und Schiffchen schnitzte. Oder daran, dass seine kleinen Hände bei der Skiproduktion sehr gefragt waren, um die dünnen Eisenkanten aufzuschrauben. «Die Schrauben waren so fein, die konnte ein Erwachsener kaum recht halten. Aber ich mit meinen kleinen Händen konnte das prima.»

Später durfte er auch die rote Farbe auf die Ski-Unterseite aufstreichen, das sogenannte Skigliss. Und selbstverständlich erinnert sich Richard Hohl ans Skifahren an und für sich. Mit den Schulkollegen in der Länzi hinter dem Suhrerkopf, von morgens bis abends, bis die Lippen blau waren. Oder im Engadin, mit der Familie. Skilager? Richard Hohl schüttelt den Kopf. «Nur einmal, dann nie wieder», sagt er. Zwar hatte die Gemeinde Suhr in Madulain ein Lagerhaus, doch war das so weit von jedem Skilift entfernt, dass die Schüler den Hang selber hinaufstapfen mussten. Hohl lacht lauthals. Das habe er, der doch ganz genau wusste, wie viele schöne, bequeme Skilifte es im Engadin gab, nur einmal mitgemacht.

Wie viele Paar Ski der Grossvater, Vater Herbert und Onkel Edi produzierten, weiss Richard Hohl nicht mehr. Die Geschäftsbücher von damals sind längst verschwunden. «Vermutlich um die 100 Paar pro Jahr», schätzt er. Kostenpunkt? Auch da ist er sich nicht mehr ganz sicher, aber 50 Franken dürften es schon gewesen sein. «Das tönt nach wenig, aber das war damals ein Heidengeld.» Aber Qualität kostet.

Richard Hohl nimmt einen der über zwei Meter langen Ski von der Wand, hält ihn unters Licht. «Schönes, feinjähriges Eschenholz, schön gewachsen», sagt er. Feinjährig bedeutet, dass das Holz möglichst viele Jahrringe aufweist. Je mehr Ringe, desto widerstandsfähiger. Wenige Jahrringe würden mehr Wasser im Holz bedeuten, die Ski würden rasch spröde. «Den Spitz musste man über Nacht in einer Schiene im heissen Wasser einlegen, damit er schön krumm wurde.» Drei bis vier Nächte habe das gedauert. Dann wurde das Holz geschliffen, die Unterseite angemalt, die Kanten angeschraubt. «Alles Handarbeit», sagt Richard Hohl. Das Wort «Handarbeit» ist auch auf der Bindung eingeprägt, oben auf dem Ski das Hohl-Logo mit den drei Flaggen, links das Dorfwappen von Suhr, mittig die Schweizer Fahne und rechts die Aargauer Fahne.

Dem Ski noch immer treu

Die letzten Hohl-Ski verliessen vor genau 50 Jahren die Werkstatt. Dann, als Skifahren zum Volkssport wurde, die Produktion mit dem Einsatz von Kunststoff und Metall nicht nur einfacher, sondern auch günstiger wurde. «Da hatten wir keine Chance mehr. Was man da an Maschinen hätte kaufen müssen, um die Produktion weiterführen zu können», sagt Richard Hohl und winkt ab. Doch auch wenn die Produktion vor 50 Jahren eingestellt wurde, so blieben die Hohls den Ski doch treu: Als die Familie das Haus an der Tramstrasse verkaufte, baute sie an der Gewerbestrasse eine Werkstatt mit Laden und Skikeller. Hier werden seither Ski und Ausrüstung verkauft, vermietet und gewartet, nebst dem Hauptgeschäft mit Gartentischen und Festbänken. Das grosse Geld verdiene er damit nicht, sagt Richard Hohl, und es werde von Jahr zu Jahr weniger. «Aber die Ski sind eine Familiensache. Diese Tradition muss ich einfach weiterführen.»