Um 1965 grasten in der hinteren Telli in Aarau noch Kühe, im mittleren Teil dominierten die Gebäude der Schokoladenfabrik Frey und der Färberei Jenny, ein bescheidener Fahrweg führte gegen die Suhrenbrücke in Richtung Rohr, an dem auch das Restaurant Telli mit einer lauschigen Gartenwirtschaft und einer Voliere lag. Gewohnt wurde in der Aargauer Kantonshauptstadt noch vorwiegend im weitgehend geschützten historischen Kern und in der charakteristischen Gartenstadt. Dank dem damals noch florierenden Industriestandort und durch das stetige Bevölkerungswachstum wuchs der Druck auf den Wohnungsmarkt und damit auch auf die Baulandreserven auf Stadtgebiet.

Wegweisend für die weitere Entwicklung auf dem gesamten Stadtgebiet waren die neue Bauordnung und der erstmalige Zonenplan von 1959, der über eine Ausnützungsziffer ein verdichtetes Bauen erlaubte, unter anderem auch für Hochhäuser. Erste sichtbare Zeichen solcher «Block-Überbauungen» fanden sich im Tannengut, im Binzenhof- und Goldernquartier oder am Wöschnauring. Parallel dazu eröffnete der Stadtrat 1970 die politische Debatte über die «Gesamtentwicklungsplanung». Unter dem Titel «Aarau morgen?» standen drei Modelle zur Wahl, von der Kleinstadt über die Zentralstadt bis zur Regionalstadt, wobei letztere nach harten Diskussionen im Einwohnerrat letztlich obsiegte. Nun richtete sich der Blick auf die grasenden Kühe in der Telli und auf das Jenny-Areal, das zum Verkauf stand.

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1400 Aarauer segneten es ab

Vorerst allerdings musste der Souverän über eine entsprechende Abänderung des Zonenplans «für das Gebiet der unteren Telli» befinden. Er tat dies am 9. Dezember 1969, an der allerletzten Einwohner-Gemeindeversammlung. Damit konnte das Areal optimal in einen arrondierten Wohnbereich und in eine Industriezone aufgeteilt werden. Die rund 1400 Stimmberechtigten segneten im Saalbau den stadträtlichen Vorschlag «mit sehr grosser Mehrheit» ab und machten damit den Weg frei für eine städtebauliche Entwicklung, von der wohl zu diesem Zeitpunkt die wenigstens zu träumen wagten, die aber sehr bald einsetzen sollte.

Bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1970 fiel in der Telli der Startschuss für die Projektierung einer Grossüberbauung mit den Grundeigentümern, zur Hauptsache die Generalunternehmung Horta Holding AG von Josef Wernle und die Färberei Jenny, die ihr Areal wenig später der Horta verkaufte. Den restlichen Viertel des betroffenen Landes teilten sich die Einwohner- und Ortsbürgergemeinde Aarau und der Kanton Aargau. Aus einem Wettbewerb, an dem sechs eingeladene Architekturbüros teilnahmen, ging der Vorschlag von Hans Marti und dessen Kompagnon Hans Kast als Sieger hervor. Der Zürcher Marti war in Aarau kein Unbekannter, hatte er doch bereits bei der neuen Bauordnung von 1959 mitgewirkt und sich als Ortsplaner im Aargau einen Namen gemacht. Die konkrete Gestaltung des Projektes in der Telli überliess er aber Hans Kast, dem stillen Schaffer im Hintergrund.

Und plötzlich ging es rasend schnell

Nun ging es rasend schnell vorwärts. Das Baugesuch für die erste Wohnzeile wurde nach einer äusserst kurzen Vorbereitungszeit bereits im Juli 1971 eingereicht. Noch im gleichen Jahr erteilte der Stadtrat die Bewilligung samt einem Teilzonenplan für die Realisierung dieses für Aarau gewaltigen Vorhabens. Denn in vier Etappen sollten südlich des Auenwaldes der Aare insgesamt 1258 Wohnungen entstehen, wobei man damals optimistisch von einem Wachstum der Einwohnerzahl von rund 4500 Personen ausging. Zur Infrastruktur der Aarauer «Satellitenstadt» zählte auch ein Einkaufszentrum (bezogen 1973) und ein Bürohochhaus, das nach dem Konkurs der Firma Horta vom Kanton Aargau 1976 als Verwaltungsgebäude käuflich erworben wurde.

Die Überbauung Telli sei, so der ehemalige Aarauer Stadtbaumeister Felix Fuchs in einem Beitrag in den Neujahrsblättern 1998, «ein gewichtiger Beitrag im schweizerischen Wohnungsbau der Nachkriegszeit», der auf «Trennung der Funktionen, Durchgrünung der Siedlung sowie Industrialisierung des Wohnungsbaus» basiere.