Vierfachmord von Rupperswil
Als erste am Tatort: Wie die AZ-Journalistin den 21.12.2015 erlebte

Rennende Feuerwehrleute, Polizisten, die aufgeregt in Funkgeräte sprechen, fragende Blicke von Umstehenden und Kerzen am Strassenrand – das erlebte die az-Reporterin vor Ort.

Andrea Weibel
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Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute
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Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: An diesem Tag kommt es in diesem Haus zum Vierfachmord.
Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in diesem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Diesen Rucksack mit Tatutensilien für den nächsten Mord hat die Polizei im Haus von Thomas N. sichergestellt.
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
Ein Jahr nach der Tat gab es in Rupperswil keine Gedenkfeier. Ammann Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute

Fotos: HO und Sandra Ardizzone / Montage: az

«In Rupperswil brennt ein Haus, die Lokalsender melden, es seien bereits Leichen gefunden worden, das ist aber noch nicht offiziell bestätigt. Wir brauchen Fotos, um sie sofort online stellen zu können», hiess es heute vor einem Jahr, am 21. Dezember 2015, im Newsroom der Aargauer Zeitung.

Und: «Es tut uns leid, alle anderen sind im Einsatz, du musst einspringen.» In meinem Kopf stellt sich bei solchen Sätzen alles auf Gegenwehr: Man braucht sofort Bilder von einem Brand, bei dem Menschen gestorben sein könnten? Aber ich bin hingefahren. Ins Spitzbirrli-Quartier in Rupperswil.

Ich habe vom Parkplatz aus mit meinem veralteten Handy ein Foto des Quartiers samt Feuerwehrautos ans Online-Team geschickt. Pflicht erfüllt. Vielleicht war ich ja die Richtige für diesen Job, gerade weil ich nicht auf Sensationen aus war, dennoch aber wusste, dass die Leute informiert sein wollten.

Menschen in Sorge

Letzteres wurde sofort deutlich: Was mich erwartete, nachdem ich Dutzende am Feldweg geparkte Autos hinter mir gelassen hatte, waren viele Menschen, die an einer Absperrung warteten und jeden mit Sorgenfalten und fragendem Blick anschauten, der die Szenerie betrat oder verliess.

Niemand wusste, was geschehen war. Viele bangten um Bekannte und Nachbarn. Ich wurde von einem Polizeibeamten an den Absperrungen vorbei bis zu Kantonspolizeisprecher Roland Pfister geführt, der mich ernst, aber freundlich empfing.

Ich erinnere mich an die weihnachtlich geschmückte Eingangstür eines Hauses, vor dem wir auf den Pflastersteinen und unter dem Carport warteten, während Polizei, Feuerwehr, Spurensicherung und Care-Team das kleine Quartiersträsschen auf und ab rannten, gingen oder fuhren.

Wir warteten mehrere Stunden. Etwa alle 45 Minuten kam Roland Pfister von Stabsbesprechungen zurück und informierte uns. Es gehe um die weisse Doppeleinfamilienhaushälfte mit den blauen Rollläden, sagte er. Anfangs konnte er nicht bestätigen, ob Menschen darin umgekommen seien – später sagte er uns, es seien vier.

Langsam wurde es Abend, dunkel, kalt. Die Spekulationen waren in vollem Gang, das erfuhr ich telefonisch aus dem Büro. Die Lokalsender befragten die Umstehenden, was passiert sein könnte, ob Vermutungen da seien, ob jemand etwas wisse. Immer wieder musste Pfister vor die eine oder andere Kamera treten. Aber mehr erfuhr niemand.

Kerzen am Strassenrand

Irgendwann musste ich zurück ins Büro. Die meisten anderen Medienschaffenden taten dasselbe. Wieder kam ich an den Absperrungen der Polizei vorbei. Die fragenden Gesichter der Nachbarn waren noch nicht verschwunden.

Und bereits standen Kerzen am Strassenrand. Ich war erstaunt darüber, denn man wusste noch gar nicht, wer die Opfer waren. Aber es gab erste Vermutungen. Auf dem Weg zurück zum Auto wurde ich von zwei Leuten angesprochen. «Was ist denn passiert?», fragte eine Frau mit Kinderwagen. Ich schilderte kurz, was man bereits wusste, und sie hielt sich erschüttert die Hand vor den Mund.

Einige Schritte weiter fragte mich ein junger Mann, ob ich wisse, welches Haus es sei, denn er habe Freunde in dem Quartier und mache sich Sorgen. Gemeinsam konnten wir seine Angst entkräften, es schien ein anderes Haus gewesen zu sein.

Er bedankte sich erleichtert. Leider konnten nicht alle an diesem Abend aufatmen. Und was die Ermittlungen am Ende ergeben haben, war ein grosser Schock auch für uns alle, die wir die Opfer nicht gekannt haben.

Andrea Weibel ist az-Redaktorin im Freiamt. Sie war vor einem Jahr temporär im Ressort Aargau tätig und als erste az-Reporterin in Rupperswil.