Adventsgeschichten

Als eine Zürcherin der Aarauer Familie Frey das Weihnachtsfest rettete – gleich nach ihrer Verlobung

Wiedersehen zweier alter Bekannter: Irène Frey-Moser und der Ofen.

Wiedersehen zweier alter Bekannter: Irène Frey-Moser und der Ofen.

Beim Rundgang durch das Aarauer Säulenhaus hat Irène Frey-Moser einen besonderen Ofen entdeckt.

An diesem Abend im Säulenhaus, der ersten Gelegenheit seit Jahrzehnten, dieses Haus überhaupt wieder einmal zu betreten, erzählen viele Besucher ihre Geschichten. Von eigenen Entdeckungen, die sie in ihren Häusern gemacht haben.

Von Kachelöfen in der Stube des Grossvaters, die genauso aussahen wie der Empire-Ofen in einem der Zimmer der Beletage. Von Lampen, genau die gleichen wie die hier im Flur des Säulenhauses, die sie im Estrich des gekauften Hauses entdeckt haben. Geschichten, die sie mit Mitgliedern der Familie Frey, der das Säulenhaus während fünf Generationen gehörte, erlebt haben oder vom Hörensagen kennen. Aber eine Geschichte ist anders.

Die Dame steht in der Küche. Draussen ist es bereits stockdunkel, der Anlass geht seinem Ende zu. Der Besucherstrom im zwischen 1836 und 1838 erbauten Haus ist merklich abgeklungen. Aber auch mit einem Dutzend Besucher wäre es nicht eng gewesen in dieser Küche, nein. Diese Küche ist riesig. Erst recht jetzt, da ausser der originalen Einbauschränke aus den Fünfzigerjahren und einem alten Elektroofen nichts im Raum steht.

Aber die Dame zeigt auf den weissen Elektroofen, über dem sich ein gigantischer Dampfabzug wölbt, und sagt: «Das muss er sein, der Ofen. Hier habe ich an Weihnachten 1972 das Schinkli im Teig gemacht.»

Die Laborantin macht Nägel mit Köpfen

Die Dame ist Irène Frey-Moser, Witwe von Urs-Peter Frey, dem früheren Oberrichter und Grossrat. Er war eines der letzten Frey-Kinder aus fünf Generationen, die in diesem Haus, eines er schönsten Häuser Aaraus, aufgewachsen sind. Anno 1972 feierte die Familie hier ein besonderes Weihnachtsfest.

Urs Peter Frey und die Zürcher Laborantin Irène Moser hatten sich verlobt, es sollte das erste offizielle Weihnachtsfest «en famille» werden. Doch dann wurde die Mutter und künftige Schwiegermutter, Gertrud Frey-Bally, krank. «Das Weihnachtsfest war in Gefahr», erinnert sich Irène Frey.

Also habe sie vorgeschlagen, bei Globus ein Schinkli im Teig zu kaufen - das Schinkli, damals der Hit des Jahres bei Globus. «Das habe ich dann auch getan und den Schinken hier in genau diesen Ofen geschoben. In dieser feudalen Küche; ich war mir so etwas überhaupt nicht gewohnt.»

Wo ist der Weihnachtsschmuck verstaut?

Doch das war nicht alles. Auch der Weihnachtsbaum stand zwar prächtig, aber grün im Wohnzimmer. «Keiner wusste, wo der Christbaumschmuck aufbewahrt wurde», sagt Irène Frey und lacht.
Um all das hatte sich doch immer die Mutter gekümmert. Schliesslich fanden sie den Schmuck im Estrich und trugen ihn in den Salon.

Weil sie selbst nicht schwindelfrei war und sich nicht traute, auf die Leiter zu steigen, schickte sie ihren künftigen Schwiegervater Gustav Frey auf die Leiter - damals schon stolze 74 Jahre alt - und reichte ihm die Kerzen hoch. «Das hat wunderbar geklappt», sagt sie. Der Rest der Familie aber habe doch recht entgeistert reagiert, als sie vom Balanceakt erfuhren.

Sie selbst habe dann leer geschluckt, als ihre künftigen Schwägerinnen alle im bodenlangen Kleid zur Weihnachtsfeier auftauchten. «Mein Verlobter fragte mich noch, ob ich nicht auch etwas Bodenlanges dabei hätte - aber woher auch!» Irène Frey lacht. «Das war mein unvergesslicher Einstieg in die Familie.»

«Das Haus wirkt heute ganz anders als früher»

1976 zogen Gustav und Gertrud Fey aus dem Säulenhaus aus. Am 30. Januar, just dem Tag, als Urs Peter und Irène Frey Eltern eines Buben wurden, dem Stammhalter. «Das Schönste und das Schlimmste kommen zusammen», habe der stolze Grossvater gemeint, als er die Nachricht erfuhr. 1978 wurde das Haus an den Kanton Aargau verkauft. «Wir konnten es nicht übernehmen», sagt Irène Frey. «Das Haus nach fünf Generationen abzugeben, war für alle schlimm.»

Jahrzehntelang hat Irène Frey keinen Fuss mehr in das Säulenhaus gesetzt. Als Sitz der militärischen Verwaltung war das Säulenhaus bis 2017 Sperrgebiet. Bis letzte Woche, als die Kantonale Denkmalpflege als künftige Nutzerin das frisch restaurierte Haus erstmals wieder öffentlich zugänglich machte. Eine Chance, die sie sich nicht entgehen lassen wollte.

«Es sieht so anders aus», sagte sie nach dem Rundgang. Sie stehe hier mit gemischten Gefühlen. Viele Erinnerungen kämen gerade hoch, Dutzende Geschichten. Und das Haus wirke ganz anders. Früher sei es ein düsteres Haus gewesen, vollgestellt mit Biedermeiermöbeln, die Fenster mit dicken, dunklen Vorhängen versehen. Aber jetzt gefalle es ihr sehr. «Das Haus hat an Freundlichkeit gewonnen.»

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