Turn-Serie (1)
Als die Frauen noch separat turnten: Am letzten Eidgenössischen Turnfest war vieles ganz anders

Dieses Jahr findet das Eidgenössische Turnfest erstmals seit 47 Jahren wieder in Aarau statt. Am letzten Eidgenössischen Turnfest in Aarau anno 1972 war vieles ganz anders als heute. In einer kleinen Serie wirft die Aargauer Zeitung einen Blick auf die damaligen Ereignisse, Eigenarten, Modeerscheinungen und Herausforderungen.

Katja Schlegel
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Die turnenden Frauen hinterliessen bei den Aarauern einen prägenden Eindruck.
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Eine Gymnastik-Wettkämpferin absolviert strahlend ihre Übung.
Die Frauen vom TV Prilly an den Schaukelringen.
Wer lässt sich denn schon von ein bisschen Regen die Stimmung vermiesen?
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Die turnenden Frauen hinterliessen bei den Aarauern einen prägenden Eindruck.

Aargauer Tagblatt/Archiv

Vor 47 Jahren kamen sie letztmals aus allen Landesteilen nach Aarau, die Turnerinnen und Turner. Im Juni 1972 fand das letzte Eidgenössische Turnfest in Aarau statt. Mit rund 28 000 Männern in verwegen kurzen Höschen und ärmellosen Schweisshemdchen, mit Frottee-Stirnbändern und langen Matten.

Doch nicht nur modisch waren die Zeiten ganz andere. Auch was die Verpflegung anbelangt, sind die Unterschiede gross, ganz zu schweigen von der Organisation oder dem Einsatz von Freiwilligen.

Der grösste Unterschied liegt aber woanders: 1972 nahmen Frauen am Eidgenössischen Turnfest als Aktive nicht teil. Für sie gab es ein Wochenende früher ein separates Fest, die Schweizerischen Frauenturntage. Immerhin hatte man – im Jahr nach Einführung des Frauenstimmrechts – erstmals «das Experiment von Wettkämpfen auch bei den Frauen gewagt», wie es im Schlussbericht des Organisationskomitees heisst.

Erstmals also durften sich auch die Frauen in den Sparten Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen und Schaukelringturnen sowie im Faust- und Korbball in Wettkämpfen mit Ranglisten und Siegerinnen messen. Ausserdem wurden die Frauenturntage erstmals von einer Frau geleitet, nämlich von Anna Grob.

Eingeführt worden waren die Frauenturntage notabene 1932 ebenfalls in Aarau, anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Eidgenössischen Turnvereins. Die zeitliche Trennung war damals gar Wunsch der Frauen: Der Vorstand des Schweizerischen Frauenturnvereins (bestehend aus Männern) befürchtete, dass die Turnerinnen sonst «unter all den Männern nicht richtig zur Geltung kämen.»

Erstmals ETF-Luft schnuppern hatten die Frauen aber bereits 1912 in Basel dürfen; damals durften sie während einer Stunde ihr Können präsentieren. 1922 in St. Gallen waren es bereits zwei Stunden.

«Aber umso herzlicher»

Was heute unvorstellbar klingt, störte anno 1972 keine und keinen. Man freute sich einfach über das Fest und feierte die rund 15 000 Turnerinnen genauso enthusiastisch wie die Männer. Auch die Frauen zogen blumenbeladen in einem eigenen Festumzug durch die Stadt, auch für sie wurden 22 Böllerschüsse abgefeuert. Ein Umzug, «nicht sehr gross, aber umso herzlicher», wie das «Aargauer Tagblatt» tags darauf schreibt, quer durch eine festlich geschmückte Stadt.

Stadtammann musste stehen

Das Nachsehen hatten die Frauen einzig beim Wetter: Zum Auftakt der Frauenturntage goss es wie aus Kübeln. Verschiedene Leichtathletik-Wettkämpfe mussten abgesagt werden, andere wurden in die Zelte verschoben. Die Turnerinnen aber hätten sich die Laune nicht verderben lassen, marschierten einfach barfuss und mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch Pfützen und Matsch. Und das in einer Fröhlichkeit und Unbeschwertheit, die viele Zuschauer nachhaltig beeindruckte.

Liess sich die Sonne gegen Freitagmittag blicken, brachen dann am Abend, bei den Kür-Wettkämpfen im Rahmen der 1. Schweizer Meisterschaft im Frauenkunstturnen, erneut alle Dämme – diesmal aber nicht wetterbedingt. Die Halle war mit 11 000 Zuschauern nicht nur brechend voll, auch der Applaus wollte nicht mehr enden.

Die in der Regel doch recht zurückhaltenden Aarauer seien sogar so aus dem Häuschen gewesen, dass selbst Stadtammann Willy Urech (die Halle war so überfüllt, dass ihm noch nicht einmal ein Sitzplatz vergönnt war) über seine «Schäfchen» gestaunt habe, so der Bericht im AT. Highlight des Abends war dabei der Auftritt der «Martschini-Girls», der Kunstturnerinnen-Nationalmannschaft.

Mitunter diese Begeisterung liess den Autor im Bericht des Organisationskomitees zur Schlussbemerkung hinreissen, man habe das «Wagnis Frauenturntage» bestanden. «Die Turnerinnen unseres Landes sind auf einem zuversichtlichen und zielbewussten Weg unterwegs zu dem grossen Ziel der Gleichberechtigung.»

Diese Gleichberechtigung existiert notabene erst seit 1996: Am 75. «Eidgenössischen» in Bern turnten Frauen und Männer erstmals gemeinsam – mehr als zehn Jahre nach der Fusion des Eidgenössischen Turnvereins und des Schweizerischen Frauenturnverbandes zum Schweizerischen Turnverband, kurz STV.

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