Aarau
Als die Aarauer Altstadt noch nach Kaffee roch

Ein Pack Narok-Kaffee gehörte früher zur eisernen Reserve in den Aarauer Küchenschränken. Geröstet wurde er in der Milchgasse in der Aarauer Altstadt – Jacqueline Gantner-Rohr erinnert sich.

Katja Schlegel
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Jacqueline Gantner-Rohr in ihrer Stube an der Milchgasse 37, wo im Hof die Kaffeerösterei ihres Vaters stand.

Jacqueline Gantner-Rohr in ihrer Stube an der Milchgasse 37, wo im Hof die Kaffeerösterei ihres Vaters stand.

Mario Heller

Wenn die Funken aus dem Kamin an der Milchgasse 37 stoben, rannte sie ins Rathaus. So schnell wie möglich, damit die Feuerwehr nicht alarmiert wurde und vergebens mit Geheul durch die Stadt kurvte. Und Funken stoben oft. Jedes Mal, wenn sich die Silberhäutchen von den Kaffeebohnen lösten und vom Luftstrom nicht in den Sammelbehälter, sondern hinauf durchs Kaminrohr gesogen und glimmend in die Luft gespuckt wurden. Gefährlich war es nie so richtig.

Rund 70 Jahre ist das her, seit das Mädchen regelmässig ins Rathaus flitzte, als sie in der Kaffeerösterei ihres Vaters Jakob «Köbi» Rohr gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester die Lehre machte. Das mit dem Rennen ist etwas schwierig geworden, das eine Bein macht Schwierigkeiten. Doch noch heute marschiert Jacqueline Gantner-Rohr zügig die Treppen hoch. Und auch sonst ist sie gut im Schuss für ihre 87 Jahre. An so viele Anekdoten und Geschehnisse kann sie sich erinnern, hüpft so schnell von einem zum andern, dass man manchmal kaum nachkommt.

Das Haus zum Adler an der Rathausgasse anno 1929 mit dem «Kafi-Rohr» im Erdgeschoss (heute Body Shop).Stadtmuseum Aarau

Das Haus zum Adler an der Rathausgasse anno 1929 mit dem «Kafi-Rohr» im Erdgeschoss (heute Body Shop).Stadtmuseum Aarau

Stadtmuseum Aarau

Knisternd in Dampfschwaden

Jacqueline Gantner steht im Hof ihres Daheims, damals wie heute die Milchgasse 37. Hier habe der Kamin gestanden, sagt sie und zeigt an die eine Hauswand, hier war der Kohlenschuppen, hier der schmale Durchgang zum Haus, wo der Kaffee im Parterre abgefüllt wurde, und da oben, Gantner zeigt hoch, da hätten die Gewürze in Jutesäcken gelagert. Pfeffer, Lorbeer, Nägeli, alles musste von Hand aus den grossen Säcken aufs Gramm genau in Briefchen abgefüllt werden. Und hier, Gantner breitet vor der Mauer des Nachbarhauses die Arme aus, stand die Kaffeerösterei mit der grossen Trommel, in die die Bohnen mit einem hellen Rasseln hineinschlitterten, hinein in die Dampfschwaden, bis sie in der Hitze knackten und knisterten und der Röstduft selbst den Leuten auf dem Kirchplatz in die Nase stieg. «Der Pfarrer hat sich einmal beim Grossvater beklagt, er fände den Geschmack grauenhaft», sagt Gantner und lacht. «Da hat der Grossvater erwidert, er fände die Predigten des Pfarrers mindestens genauso schlimm.»

Fünf Bohnen-Sorten rösteten die Rohrs, darunter den Narok-Kaffee aus Tansania. «Nie zu lange», sagt Gantner und hebt den Mahnfinger, «damit die ätherischen Öle nicht austraten und die Bohnen zum Glänzen brachten.» Damit sein Geschmacksinn nicht beeinträchtigt wurde, trank der Vater nur Milchkaffee. «Seinen Kaffee schmeckte er bei jeder Degustation heraus», sagt Gantner. Dafür plagte ihn das Asthma, nach den vielen Jahren mitten im Röst-Dampf.

Ein knappes Kilo Mensch

Jacqueline Gantner und ihre Schwestern Eva und Margrit wuchsen im «Haus zum Adler» an der Rathausgasse auf, in dessen Erdgeschoss sich der «Kafi-Rohr» befand (siehe Box). Die Zwillinge Jacqueline und Margrit kamen 1928 zur Welt, nur je gut ein Kilo schwer. «Zähe Würmchen», sagt Gantner und lacht, «zäher, als die Ärzte glaubten.» Und weil kein Bub die Jakob-Reihe fortführen konnte, habe man sie halt einfach Jacqueline getauft.

Als die Zwillinge aus der Schule kamen, war klar, dass sie eine kaufmännische Ausbildung im väterlichen Betrieb machen würden. Das Rohrsche Imperium war inzwischen auf vier Geschäfte angewachsen, nebst dem Laden in der Rathausgasse hatte der Vater Filialen hinter dem Bahnhof (heute Senevita), beim Restaurant Kreuz ennet der Kettenbrücke und am Gönhardweg.

Das Rösten und Abfüllen, das war Sache des Vaters. Da durften die Mädchen nicht ran. Sie füllten Hörnli und Gewürze ab, mahlten Mandeln und Haselnüsse, bereiteten die Papiertüten für den Kaffee vor und erledigten die Formalitäten auf dem Zollamt. Jacqueline hotterte mit einem kleinen Lieferwagen zwischen den Filialen hin und her, verteilte die bestellte Ware. Eine gute Chauffeuse sei aus ihr deswegen aber nicht geworden, sagt sie und lacht. Randsteine habe sie ab und zu gestreift, einmal habe sie auf dem Kreuzplatz zwei Harasse Mineralwasser verloren. Und ihr Mann habe noch heute Angst, bei ihr einzusteigen.

Als der Vater Mitte der Fünfzigerjahre aus Altersgründen die Rösterei einstellte und die Lebensmittelgeschäfte abgeben wollte, wollten die Mädchen nicht übernehmen. Eva und Jacqueline führten inzwischen den Zigarrenladen neben dem «Kafi-Rohr», der heute von Christine Maurer, der Tochter von Zwillingsschwester Margrit, betrieben wird. «Das Lebensmittelgeschäft war nicht so mein Ding», sagt Gantner, sie wollte etwas anderes tun. Doch dann machte ihr die Liebe einen Strich durch die Rechnung: Ihr Auserwählter, Hans Gantner, von allen nur Ian genannt, war Metzger. 1979 übernahm das Ehepaar die väterliche Metzgerei an der Kasinostrasse (heute Metro-Boutique).

An der Theke versteckt

Die Arbeit in der Metzgerei war eine Sache, die sie zu Beginn viel Überwindung gekostet hat. Gedrückt habe sie sich vor der Arbeit mit dem Fleisch, wo sie nur konnte. Brauchte es eine helfende Hand, habe sie mit Schaudern mitgearbeitet. «Wenn immer möglich, habe ich mich an die Theke gestellt oder die Buchhaltung gemacht», sagt sie. «Aber man gewöhnt sich an alles. Mit der Zeit habe ich die Arbeit geliebt.» Anfang der Neunzigerjahre übergaben die Gantners ihr Geschäft an Michele Ricci, der später damit an die Kronengasse zog.

Woran man sich gewöhnt hat, das hat sich auch tief in die Erinnerung gefressen. So wie der Röstduft, dieser betörende, sinnenvernebelnde Geschmack. Noch heute, sechzig Jahre nach der Schliessung der Kaffeerösterei, erkennt ihn Gantner über Hunderte Meter Entfernung. «Das ist der Duft der Kindheit, der Duft der Milchgasse.»