Irgendwie wusste es Daisy (Name geändert) schon im Voraus. Ein wenig Resignation, aber auch Trotz schwang mit, als die Zivilklägerin mit Tränen in den Augen sagte, der Beschuldigte sei einer, «dem immer geglaubt wird».

Von seiner äusseren Erscheinung her könnte der 59-Jährige für eine der Gottvater-Darstellungen, die man in manchen Kirchen findet, Modell gestanden haben. Auch vor Gericht strahlte er die patriarchalische Sicherheit aus, die jenen Männern gesetzteren Alters eigen ist, die sich gewohnt sind, niemanden über sich zu dulden. Das Modell eines erfolgreichen Unternehmers und eines Mannes in Amt und Würden.

Weniger würdig erschien, was ihm die Staatsanwaltschaft vorgehalten hatte: sexuelle Handlungen mit einem Kind und sexuelle Belästigung. Vor drei, vier Jahren habe er Daisy beim Kleideranprobieren in Einkaufszentren, auch als sie noch nicht 16 war, wiederholt in die Hose gegriffen und sie am Gesäss und im Genitalbereich angefasst.

Er habe Daisy SMS geschrieben, in denen er sie zum Beispiel gefragt habe, ob sie rasiert sei. Oder er habe ihr mitgeteilt, dass er ihr «das Geld dann in den BH schieben» werde.

Die Staatsanwaltschaft verurteilte den Mann zu einer bedingt erlassenen Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 600 Franken und einer Busse von 6000 Franken. Der Beschuldigte focht den Strafbefehl an. So kam es zur Hauptverhandlung am Bezirksgericht Aarau. Als Auskunftspersonen waren auch Daisys Mutter und deren heutiger Ehemann aufgeboten.

Sichtbar wurde das Porträt einer Familie, die durch materielle Not in die Abhängigkeit eines Wohltäters – des Beschuldigten – geraten war. Nach der Scheidung stand Daisys Mutter vor rund zwölf Jahren alleine da – mit drei kleinen Kindern.

Und der Ex nahm es offenbar mit den Alimenten nicht so genau. Einmal, als sie «am Lätsche» war, fragte sie der Beschuldigte, was los sei. Als sie es sagte, beschloss er: «Dann gehen wir in die Stadt und kaufen deinen Kindern anständige Kleider!» Das war der Anfang einer Freundschaft und einer materiellen Unterstützung, die bis heute andauert.

Nächstenliebe und Sex

Was ihn bewogen habe, einzuspringen, wollte Gerichtspräsident Reto Leiser vom Beschuldigten wissen. «Ich kann mir das leisten», antwortete dieser. «Ich habe das immer gemacht, zurzeit unterstütze ich drei Familien.»

Er, seine Ehefrau und die erwachsenen Kinder hätten trotzdem genug. 2014 habe er ein Einkommen von mehr als 200 000 Franken versteuert. Fünf Prozent verwende er für karitative Zwecke.

Christliche Nächstenliebe war aber nicht die einzige Triebfeder für das wohltätige Wirken. Daisys Anwalt zitierte aus Aussagen, die ihre Mutter bei der polizeilichen Einvernahme über den Beschuldigten gemacht hatte: «Er steht halt auf gewisse Sachen: Ein bisschen hauen, ein bisschen fesseln – und schon hatte ich 2500 Franken im BH.»

Der Richter kam auch auf die im Badezimmer installierte Kamera zu sprechen. Zum Ärger von Daisys Stiefvater, der brummte, das sei auf seinem Mist gewachsen, «eine Spielerei zwischen mir und meiner Frau».

Nein, mit der Kamera sei nie ein Kind aufgenommen worden. Er habe auch von niemandem einen Auftrag gehabt, die Kamera zu installieren. Der Beschuldigte habe diese nur bezahlt.

Der Polizei hatte Daisys Stiefvater erzählt, er, seine Frau und der Beschuldigte hätten untereinander «ein etwas spezielles Verhältnis». Die Kamera habe er montiert, damit der Beschuldigte Daisys Mutter beobachten könne. Dazu sei es aber nie gekommen.

Mit 17 zog Daisy, nachdem sie schon zweimal davongelaufen war, zu Hause aus und wohnte vorübergehend bei ihrem leiblichen Vater. Das war zu der Zeit, als der Beschuldigte ihr den Geldhahn zudrehte.

Weshalb? Das Mädchen sei in falsche Kreise geraten, habe Drogen genommen und ein ausschweifendes Sexualleben geführt. Offenbar war der Beschuldigte, im Gegensatz zu Mutter und Stiefvater, bis dahin eine Art Vertrauensperson für das Mädchen gewesen.

So liess sich Daisy von ihm auch eine Spirale bezahlen. Spirale hin oder her – die zierliche junge Frau um die 20 hat heute einen Freund und ein Kind, aber keine Lehre.

Der Gerichtspräsident glaubte nicht ihr, sondern dem Mann, «dem immer geglaubt wird». Leiser folgte im Wesentlichen den Argumenten der Verteidigerin und sprach den Freund der Familie in allen Punkten frei.

Der Sachverhalt sei sehr schwammig umschrieben und die behaupteten Straftaten liessen sich zeitlich nicht festmachen. Damit sei das Anklageprinzip verletzt, denn so liessen sich keine Entlastungszeugen aufbieten. Es stehe Aussage gegen Aussage, Beweise fehlten auf der ganzen Linie, folglich gelte das Prinzip: im Zweifel für den Angeklagten.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit

Der Richter zog aber auch Daisys Glaubwürdigkeit in Zweifel: Sie habe fast in jedem erwachsenen Mann in ihrer Umgebung einen sexuellen Belästiger gesehen. Nicht nur sei fraglich, ob sich die angeblichen Übergriffe in der geschilderten Weise zugetragen haben könnten, sondern das Ganze sehe auch nach einem Rachefeldzug aus, denn Daisy habe erst Anzeige erstattet, nachdem der Geldsegen versiegt sei.

Ermutigt wurde sie zu diesem Schritt durch ihren leiblichen Vater. Und dieser, sagte der Beschuldigte, habe ihn gehasst, weil er ihn mehrmals aufgefordert habe, die Alimente korrekt zu bezahlen.

Da nützte es auch nichts, dass Daisy erklärte, sie habe erst so spät Anzeige erstattet, weil sie Angst gehabt habe, dass der Beschuldigte ihrer Mutter kein Geld mehr geben würde.

Auch stimme es nicht, dass sie Mutter und Stiefvater nicht von den Berührungen erzählt habe. «Sie hörten mir nur nicht zu.» Über 4300 Franken kostet der Spass die junge Frau nun, sobald ihre wirtschaftlichen Verhältnisse die Rückzahlung erlauben. Einstweilen schiesst der Staat das Geld vor.