Plötzlich lagen da menschliche Skelette. Wo niemand sie vermutet hätte, auf der Anhöhe ein paar Meter weg vom Aareufer, unter einer dicken Schicht von groben Steinen. Die Arbeiter gruben über 20 Tote aus. Ohne Überreste von Särgen, ohne Grabbeigaben. Dicht an dicht lagen sie, Frauen, Männer, auffallend viele Kinder, in wannenförmige, mit kleinen Kieseln ausgebettete Gruben gelegt.

Das war vor 80 Jahren, als die Gruben für die beiden Einfamilienhäuser entlang dem Philosophenweg, im Abschnitt zwischen Sengelbachweg und Johann-Rudolf Meyer-Weg, ausgehoben wurden. Erst dachte man an ein Massengrab aus der Pestzeit oder an eine vergessene Gräberstätte für Krieger, wie Paul Steinmann in den Aarauer Neujahrsblättern von 1935 schreibt.

Doch davon kam man rasch ab. Nebst den Skeletten stiess man auf Mauerreste. Knapp 60 Zentimeter hoch, rund eineinhalb Meter dick. Zwar vermutete der Bezirkslehrer und spätere Kantonsarchäologe Reinhold Bosch, dass es sich um das Fundament einer Grabkirche mitsamt frühmittelalterlichen Gräbern handeln könnte. Doch Historiker Walther Merz, der die Grabung begleitete, war ganz anderer Ansicht.

Ungeheure Fragen?

Eine Kirche, von der niemand etwas wusste, die in keiner Sage, keiner Legende auftauchte? Eine Kirche, die womöglich bewies, dass die ersten Bewohner Aaraus nicht etwa im Gebiet Hammer lebten, sondern auf der Aueninsel in der Telli? Eine Kirche, vielleicht noch deutlich älter als die Suhrer Urkirche? Eine sensationelle Entdeckung – und doch ging man all den drängenden Fragen nicht nach. Vielleicht war es den Experten damals ungeheuer, dass sich die Funde nicht eindeutig datieren liessen und die Kirche nirgends schriftlich erwähnt war. Vielleicht passte die Aarauer Kirche auch einfach nicht in die bekannte Einteilung mit Suhr als Urpfarrei und wurde deshalb nicht weiter beachtet, wie der ehemalige Stadtarchivar Martin Pestalozzi in einem Artikel in den Neujahrsblättern 2011 vermutet. Oder vielleicht beschäftigten die Leute Mitte der Dreissigerjahre die Entwicklungen im Nachbarland und die hohe Arbeitslosigkeit einfach mehr.

Es sollte ein Vierteljahrhundert dauern, bis die Siedlung wieder die Aufmerksamkeit der Experten auf sich zog: Im April 1960 wurde die Fläche nach einer ersten Notgrabung wegen weiterer Bauarbeiten unter der Aufsicht des Aarauer Historikers Alfred Lüthi systematisch untersucht. Dabei wurden fünf weitere Gräber entdeckt. Auch die einstige Vermutung, dass es sich bei den Mauerresten um das Fundament einer Kirche handelt, wurde bestätigt. Lüthi datierte das Gotteshaus samt Friedhof in die Spanne des späten 5. oder frühen 6. Jahrhunderts, also irgendwann um das Jahr 500. Mit knapp 27 auf 13 Meter war die Kirche erstaunlich gross. «Sie muss eine weitreichende Bedeutung gehabt haben», schreibt Lüthi.

Der Zürcher Anthropologe Erik Hug, der die Schädel untersuchte, bestätigte die These der frühmittelalterlichen Kirche. In seinen Bemerkungen, erschienen 1964 in der Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, führte Hug aus, der Friedhof sei spätestens ins 7. Jahrhundert zu datieren. Seine Belegdauer habe höchstens 150 bis 200 Jahre betragen. Hug ging davon aus, dass die damaligen Bewohner von «Aarau» eine bunte Mischung aus der ursprünglich helvetorömischen Ur-Bevölkerung und später zugewanderten Alemannen darstellten.

Alfred Lüthi glaubt in der 1978 erschienenen «Geschichte der Stadt Aarau», es könnte sich bei der Telli-Kirche aufgrund der einfachen Wohnplätze am Rande des Gräberfeldes um «eine frühe Form eines Chorherrenstifts oder um ein Missionsklösterchen» handeln. Auch der Lokalhistoriker Paul Erismann vermutet in seiner Geschichte «700 Jahre Aarau» von 1948 «ein Fischerdorf in der Au», das wohl von einer Überschwemmungskatastrophe oder einem Brand heimgesucht und danach aufgegeben worden war.

Jahre später ist alles anders

Weil ausser dem Fundament kein weiteres Gestein mehr gefunden wurde und auf Darstellungen Aaraus aus dem 14. Jahrhundert keine Kirche zu sehen ist, geht Lüthi in seiner wissenschaftlichen Abhandlung, erschienen 1962 in der «Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte», davon aus, dass das Baumaterial abgetragen und anderorts verbaut worden war. Es falle auf, so Lüthi, dass im Schlössli-Turm zwischen den Kalkfindlingen zahlreiche Kieselbollen, wie sie auch im Telli-Fundament gefunden wurden, vermauert sind. Möglicherweise habe man beim Bau des Schlösslis und bei der Gründung der Stadt «das aus dem Boden ragende Mauerwerk abgetragen und die Steine wieder verwendet», so Lüthis Ausführungen. Lüthi datierte das Schlössli damals noch ins 11. Jahrhundert. Heute geht man davon aus, dass es um 1236 gebaut wurde.

55 Jahre nach Lüthis Forschung sieht aber nicht nur das Alter des Schlösslis anders aus: «Stimmt so nicht», kommentiert Peter Frey, Bereichsleiter für Bauuntersuchungen und Mittelalterarchäologie bei der Kantonsarchäologie, Lüthis Ausführungen – weder die Datierung von Kirche und Skeletten noch die Geschichte mit den im Schlössli verbauten Steinen. Gegen die Datierung der Kirche ums Jahr 500 würden allein schon die Mauerdicke und die Grundrissform sprechen: «Spätantike Mauern sind viel dünner als die in der Telli gefundenen», sagt Frey. Eine genaue Untersuchung habe zwar bis heute nicht stattgefunden, der in der Telli gefundene Kirchentypus sei aber gemäss heutigem Wissensstand aus der Zeit um die Jahrtausendwende. Somit verfalle die Annahme Lüthis, nicht die Suhrer, sondern die Aarauer hätten die erste Kirche gebaut. «Womöglich handelt es sich bei der Aarauer Kirche um eine Filialkirche der Suhrer Urpfarrei», so Frey.

Damals seien von den Adeligen sehr viele Kirchen gebaut worden. Nicht, um sich in erster Linie einen Platz im Himmel zu sichern, sondern, um die Untergebenen an sich zu binden. Viele dieser Kirchen wurden rasch wieder aufgegeben und verschwanden. Frey ist denn auch nicht irritiert darüber, dass die Telli-Kirche über die Jahre hinweg schlichtweg vergessen wurde. Er kann sich vorstellen, dass die Siedlung in der Aue im 11. Jahrhundert aufgegeben wurde und die Bewohner in die sichere und grössere Siedlung im Hammer umzogen, wo auch der Burgfried, das spätere Schlössli, stand. Sicher ist das alles nicht, schliesslich wurde die Siedlung seit der Grabung vor 55 Jahren nicht mehr untersucht. Sicher sei aber eines, sagt Frey: «Die Siedlung in der Aue beweist, dass Aarau deutlich älter ist als lange angenommen.»

Antworten bleiben aus

Trotzdem spielt die Kirche im allgemeinen Aarauer Geschichtsbewusstsein keine Rolle. In der 2001 edierten Broschüre zur Stadtentwicklung («Aarau Stadt Architektur») wird die «zerstörte frühchristliche Kapelle oder Kirche» lediglich mit einem Satz erwähnt. Erst der ehemalige Stadtarchivar Martin Pestalozzi griff das Thema 2011 erneut auf. Gestützt auf zwei St. Galler Urkunden aus dem Jahre 861, in denen der Schreiber bei einem Tausch- und Schenkungsgeschäft nahe Langenthal «im Aargau» eine Kirche «Auuue» (im Original mit drei u) als Ort einer Zinszahlung nennt, datiert er das Alter Aaraus ebenfalls weit zurück.

Für Pestalozzi ist das ein «gewichtiger Grund», den Begriff «Aue» auf die Aarauer Telli-Kirche zu beziehen, denn im damaligen Aargau gab es keine andere Kirche, die infrage käme. «Damit stammt die erste Erwähnung Aaraus nicht von 1248, sondern von 861, Aarau ist somit über 1150 Jahre alt», so Pestalozzi. Dass im 9. Jahrhundert lediglich die Lokalität «Aue» und nicht das heute bekannte «Aarau(e)» Verwendung fand, widerspreche dem nicht. Ähnliches kenne man von Schönenwerd, das in ersten Urkunden schlicht als «Werd» bezeichnet wurde.

Noch liegt die Geschichte der Kirche in der Aue im Halbdunkel – ob die Aarauer Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssen, bleibt unklar. Antworten und zumindest eine auf 200 Jahre genaue Datierung könnte eine Untersuchung der Skelette mit der teuren
C14-Methode (Radiokohlenstoffdatierung) bringen. Laut Frey plant die Kantonsarchäologie aber keine entsprechende Untersuchung.