Gränichen
Als Amici noch «Tschingge» waren: Wie die Italiener nach Gränichen kamen

In einer Ausstellung wollen Italiener ihre eigene Geschichte ausarbeiten. Dazu planen sie unter anderem, eine Baracke originalgetreu nachzubauen und mit authentischen Gegenständen einzurichten.

Hubert Keller
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Sie stöbern in Erinnerungen und Fotoalben: (v.l.) Silvano Bardoscia, Brigitt Lattmann, Giuseppe Mazzei, Elio Modugno. Kel

Sie stöbern in Erinnerungen und Fotoalben: (v.l.) Silvano Bardoscia, Brigitt Lattmann, Giuseppe Mazzei, Elio Modugno. Kel

«Als ich 1964 mit 15 in die Schweiz kam, hatte es einen halben Meter Schnee», erinnert sich Elio Modugno, «am liebsten wäre ich in meinen Kartonschuhen wieder zurückgekehrt.» Nach Lecce in Apulien, dem Absatz des Stiefels.

Elio Modugno ist jedoch geblieben, wohnt noch heute in Gränichen, hat zwei Töchter und vier Enkelkinder. Und setzt sich gerade besonders intensiv mit den ersten Jahren in der Schweiz auseinander.

Zusammen mit Brigitt Lattmann und zwei Freunden kramt er in Erinnerungen, stöbert in alten Fotoalben, sucht Gegenstände, die an die alten Zeiten erinnern, sucht alte Koffer, solche aus Karton wie die Schuhe, die dem Klima in der neuen Heimat damals keinen echten Widerstand bieten konnten.

«Der Schweiz sehr dankbar»

Heimat? Wurde sie denn zur Heimat, die Schweiz? «Wir leben sehr wohl in der Schweiz und sind sehr dankbar», sagt Modugno. Und Silvano Bardoscia, der 1963 ebenfalls aus Lecce nach Gränichen gekommen war, um Arbeit zu finden, meint: «Unsere Mentalität haben wir nicht abgelegt, wir sind im Herzen Italiener geblieben, aber in der Schweiz ist es uns wohl.»

Beide, Modugno und Bardoscia, haben denn auch nur einen Pass, den italienischen. Die Doppelbürgerschaft haben ihre Kinder erworben. Silvano Bardoscia hat zwei Söhne.

Italienisch-schweizerischer Doppelbürger ist der dritte im Bunde, der Kalabrier Giuseppe Mazzei. 1967 kam er in die Schweiz, arbeitete in verschiedenen Fabriken, machte sich Mitte der 70er-Jahre selbstständig und eröffnete ein Malergeschäft, das heute sein Sohn führt.

In den Sechzigern schimpften wir sie «Tschingge», heute sind sie unsere Amici. Heimat ist dort, wo man geboren ist, heisst es. Ist der Ort, für den das Herz schlägt. Für viele Italiener ist Heimat der Ort, wo sie Arbeit fanden und wo sie sich eingelebt, Familien gegründet und auch Wurzeln geschlagen haben, auch wenn das Herz noch immer für Italien schlägt.

Die «Tschingge» sind unsere Lieblingsausländer, die uns gelehrt haben, dass man während dem Chrampfe auch pfeifen und singen kann, und die uns in den Pizzerias und Trattorias Italianità und Dolcefarniente beigebracht haben.

Doch wir, die Waschechten, sollten nicht vergessen, unter welchen Bedingungen die Italiener damals hausten und schufteten. Elio Modugno, der Hobbyfotograf, zieht ein Foto aus dem Durcheinander auf dem Tisch im Atelier der Gränicher Fotografin Brigitt Lattmann, es gewährt den Blick in eine Baracke, menschenunwürdig wohl nicht erst aus heutiger Sicht.

Auch davon soll die Ausstellung, die im September im «Chornhuus» in Gränichen eröffnet wird, berichten – sowie von Herkunft und Anreise, von Arbeit, Familie, Kindern und Schule, von Heirat, Freundschaften und Heimweh.

«Wir sassen im Restaurant Postillon zusammen, als wir ins Berichten kamen, alte Erinnerungen auffrischten, bis in uns die Idee reifte, Zeitzeugnisse zu sammeln, um die Geschichte der Italiener in Gränichen in einer Ausstellung darzustellen», erklärt Brigitt Lattmann. Aus der Idee ist eine Mordsarbeit geworden.

Viele der frühen Italiener sind bereits gestorben. Es sind nur noch wenige, die auch aus den Fünfzigerjahren berichten können. Für den fotografischen Teil der Ausstellung war deshalb aufwendige Sucharbeit notwendig. Nun müssen die eindrücklichen Bilder ausgewertet und aufbereitet werden.

Auf Videos sind Interviews festgehalten, in denen Italiener und Schweizer, Frauen und Männer, von Begegnungen und Freundschaften berichten.

Bierflaschen mit Bügelverschluss

Die vier Ausstellungsmacher, zu denen auch der Mann von Brigitt Lattmann, Silvio Ronchetti – kein Italiener – gehört, planen, eine Unterkunft, eine Baracke, nachzubauen und mit Utensilien aus der damaligen Zeit zu möblieren. Dafür suchen sie noch Gegenstände wie Kartonkoffer, verbeulte Alu-Pfannen oder Salmenbier-Flaschen mit Bügelverschluss. Es sind präzis die Utensilien, die eine Fotografie von damals in aller Schäbigkeit zeigt.

Die Ausstellungsmacher suchen aber nicht nur Objekte, sondern auch Geld. Dafür sind Giuseppe Mazzei, der Malermeister mit den guten Beziehungen, und Brigitt Lattmann zuständig.

«Die Ausstellung wird viel grösser, als wir uns das ursprünglich vorgestellt haben, es kommt so viel interessantes Material zusammen», sagt Brigitt Lattmann. Dafür wird die Ausstellung auch lange genug dauern, nämlich von September 2014 bis Ende Juni 2015.

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