Tötungsdelikt Buchs

«Alltagsstruktur vermittelt Sicherheit»: Wie man über das Unsagbare spricht

Bei schlimmen Vorfällen wie dem Tötungsdelikt in Buchs kommt der Schulpsychologische Dienst zum Einsatz – aber auch die Eltern. Katrin Gossner, Sektionsleiterin Schulpsychologie beim Departement Bildung, Kultur und Sport, erzählt was dann passiert.

Als der Geschäftsleiter der Kreisschule Aarau-Buchs am Montag die Vermutung hatte, dass möglicherweise einer seiner Siebtklässler Opfer des Tötungsdelikts in Buchs geworden war, bat er den Schulpsychologischen Dienst des Kantons um Unterstützung. Dieser besteht neben der Leitung in Aarau aus sechs Regionalstellen. Rund 70 Schulpsychologinnen und -psychologen in 43 Vollzeitstellen kümmern sich um alle Kinder und Jugendlichen der Volksschulen.

Das Tagesgeschäft besteht aus Einsätzen im Zusammenhang mit Lernbesonderheiten, Verhaltensschwierigkeiten sowie Kindern mit Behinderungen oder aus allgemeinen Beratungen für Schulen, Schüler oder Eltern. Daneben gibt es Krisen­einsätze, die eine ganze Klasse, respektive Schule oder auch nur einzelne Schülerinnen und deren Familie betreffen können. Beispiele für solche Krisen sind zum Beispiel der – versuchte oder erfolgte – Suizid eines Schülers oder der schwere Unfall einer Mutter. Eine Schülerin, die dem Lehrer droht, oder ein Schüler, der Radikalisierungstendenzen zeigt. Auch bei häuslicher Gewalt oder bei Kinderschutzfragen kommt der Schulpsychologische Dienst zum Einsatz.

Idealerweise wird er von den Schulen möglichst frühzeitig einbezogen – so, wie es auch im Fall Buchs geschehen ist. Und was passiert dann? Katrin Gossner, Sektionsleiterin Schulpsychologie beim Departement Bildung, Kultur und Sport, erzählt – und gibt Eltern Tipps.

Wie gehen die Mitarbeitenden des Schulpsychologischen Diensts konkret vor, wenn sie einer Klasse eine schlimme Nachricht überbringen müssen?

Katrin Gossner: Oft wissen die Schülerinnen und Schüler schon davon, bevor sie offiziell informiert werden – sie sehen es in den sozialen Medien oder in Klassenchats. Wenn unser Notfallteam aufgeboten wird, gehen wir in die betroffene Schule und besprechen gemeinsam das Vorgehen mit der Schulleitung, der Klassenlehrperson, der Schulsozialarbeit und dem Careteam Aargau, sofern es vorgängig einbe­zogen wurde. Entscheidend ist unter anderem, ob eine Klasse direkt betroffen ist oder nur indirekt. In der Regel ist es die Klassenlehrperson, die den Schülern und Schülerinnen erzählt, was passiert ist – möglichst sachlich und unaufgeregt, auf keinen Fall dramatisierend. Bei Bedarf begleiten wir die Lehrperson dabei. Die Schüler sollen Fragen stellen und ihre Betroffenheit äussern dürfen. Anschliessend stehen wir für Gruppen- oder Einzelgespräche zur Verfügung.

Welche Rolle spielt das Alter der Kinder?

Das Ereignis zu thematisieren, ist in jeder Altersgruppe nötig, aber der Zugang und die Methodik sind anders. Bei kleineren Kindern kann man beispiels­weise ein Erlebnis spielerischer oder im Rahmen von Geschichten ansprechen. Für Jugendliche ist oft das Gespräch mit Gleichaltrigen sehr wichtig. Bei allen sind aber auch die Eltern gefragt.

Inwiefern werden die Eltern einbezogen?

Die Schule informiert die Eltern zum Beispiel in einem Brief, damit sie auf demselben Informationsstand sind wie ihre Kinder. Sie dürfen sich aber auch jederzeit mit Fragen an uns wenden. Wichtig ist, dass die Eltern den betroffenen Kindern das Gespräch anbieten, sich aber nicht aufdrängen. Meistens wissen sie, was ihr Kind in schwierigen Situationen braucht. Sie sollen versuchen, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln – etwa, in dem sie die täglichen Strukturen und ­Rituale aufrechterhalten.

Wie weiss ich als Elternteil, ob mein Kind zusätzliche Hilfe braucht, um mit einem Ereignis fertig zu werden?

Zunächst ist es wichtig, zu wissen, dass verschiedene Reaktionen möglich sind. Es gibt Kinder, die weinen, wenn sie ihren besten Freund verlieren, und es gibt solche, die einfach weiterspielen oder zunächst cool bleiben. Die Eltern sollten ihr Kind aber gut beobachten. Wenn es über mehr als ein, zwei Wochen eine Verhaltensänderung zeigt, ist es nötig, zusätzliche Hilfe zu holen. Man darf sich dazu gerne an die Regionalstelle des Wohnortes wenden. Kürzere Begleitungen können wir anbieten, für längere vermitteln wir Fachpersonen.

Macht es bei der Verarbeitung eines Todesfalls einen Unterschied, ob die Freundin bei einem Unfall starb oder Opfer einer Gewalttat wurde?

Ja. Bei einem Unfall ist oft niemand schuld, es ist ein Versehen passiert. Gewalt macht mehr Angst, sie erschüttert unser Vertrauen, lässt uns fragen, ob Menschen gut oder böse sind. Hier spielt in der Verarbeitung das Warum eine Rolle – man soll das im Gespräch thematisieren, aber es ist auch in Ordnung, wenn man als Eltern dann sagen muss: Ich weiss nicht, warum.

In Buchs hat ein Vater mutmasslich seine eigenen Kinder getötet. Darf ich meinem Kind sagen, dass es keine Angst vor mir haben muss?

Das kann man machen und ihm zeigen, dass man es liebt und ihm Sicherheit und Vertrauen geben. Und dass das Kind Fehler machen darf. Man könnte ihm sagen: «Es gibt nichts, was mich so wütend machen könnte, dass ich dir etwas antun würde.»

Tötungsdelikt Buchs: Trauer um die verstorbenen Kinder

Tötungsdelikt Buchs: Trauer um die verstorbenen Kinder

  

Sollen Schulen eine interne Trauerfeier organisieren?

Im Prinzip spricht nichts dagegen, aber man muss das situativ anschauen. Stirbt ein Schüler durch Suizid, dann empfehlen wir zum Beispiel, die Trauerfeier nur im kleinen Rahmen in der direkt betroffenen Klasse abzuhalten und nicht mit der ganzen Schule, weil wir Bedenken bezüglich Nachahmung haben. Ausserdem kann man bei kleineren Gruppen individueller auf die einzelnen Bedürfnisse eingehen. Man kann die Schüler und Schülerinnen fragen, wie sie gerne trauern möchten: Mit einem Gedicht, einer Zeichnung oder einem Brief? Oder lieber einer Ansprache?

Empfehlen Sie den Kindern eine Teilnahme an der offiziellen Beerdigung?

Da kommt es sehr darauf an, was die Angehörigen wünschen – man muss sie auf jeden Fall zuerst fragen. Manche wollen nicht die ganze Klasse, sondern nur die engen Freunde dabei haben – oder gar niemanden. Letzteres kommt vor allem bei Suiziden häufiger vor.

Und danach? Wann geht eine Klasse zurück in den Alltag?

Es wird möglichst gleich wieder die Alltagsstruktur gelebt, da dies Sicherheit vermittelt. Gleichzeitig wird aber auch darauf geachtet, dass die Betroffenen gut begleitet sind. Bei einem grösseren Ereignis gehen wir meist nach ein paar Wochen nochmals zurück an die Schule. Und wir sind jederzeit da, falls Schüler, Lehrpersonen oder Eltern Gesprächsbedarf haben.

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