Desensibilisierung

Allergien: Warum auch Hunde präventiv wirken könnten

Felix Bertram mit drei seiner elf Hunde. Er fand nur mit Mühe ein Hotelzimmer und musste eine Reinigungs-End-Pauschale zahlen.

Felix Bertram mit drei seiner elf Hunde. Er fand nur mit Mühe ein Hotelzimmer und musste eine Reinigungs-End-Pauschale zahlen.

Dr. Felix Bertram klärt in seinem Gastbeitrag über die Irrtümer rund um Allergien auf.

Wenn sich vor unserem Allergielabor wieder Schlangen bilden, weiss ich, dass der Frühling gekommen ist. Frühling bedeutet Allergiesaison. Pollen und Blüten fliegen liebestoll durch die leicht aufgewärmte Luft und plagen einen zunehmenden Anteil der Bevölkerung. Glücklicherweise kann einem Grossteil der Betroffenen mittels einer Hypo- bzw. Desensibilisierungstherapie geholfen werden. Dabei wird entsprechend dem Allergieprofil eine individuelle Lösung hergestellt, die dann zunächst in Kleinstmengen, im weiteren Verlauf aber in sich steigernden Dosen unter die Haut gespritzt wird. Einfach erklärt: Das Immunsystem soll sich an die Allergene gewöhnen und dann irgendwann nicht mehr darauf reagieren.

Im Frühjahr findet jeweils auch ein Dermatologen-Kongress statt. In Frankenthal, Deutschland. Glücklicherweise liegt Frankenthal in der Nähe von Heidelberg und dort lässt es sich wahrlich aushalten. Kultur, gute Gastronomie und Grünflächen. Um mir mein Kongresswochenende familiär und angenehm zu gestalten, habe ich mich entschlossen, zwei meiner elf Hunde mitzunehmen. Paula und Tamba sollen es sein. Voller Euphorie und Freude rief ich beim ersten Hotel an und musste mir gleich eine Abfuhr einhandeln. Man akzeptiere keine Hunde! Auf meine Frage «warum» kam die seit Jahren in solchen Fällen immer gleiche Begründung: Man müsse Rücksicht auf Gäste mit einer Hundehaarallergie nehmen.

Was die Hunde- von der Katzenhaarallergie unterscheidet

Nun ja, ich hätte Verständnis, wenn Hunde an gewissen Orten nicht akzeptiert werden, weil man hygienische Bedenken hat oder schlechte Erfahrungen machen musste. Aber die gerne als Begründung vorgeschobene Hundehaarallergie gibt es so als generelles Phänomen nicht. Auf Hundehaare kann man natürlich allergisch sein, ist es dann aber praktisch nur auf den eigenen Hund bzw. eine sehr begrenzte Anzahl an Hunden mit einem ähnlichen Allergenprofil. Während also die Pferde- und Katzenhaarallergie ein rasseübergreifendes Phänomen ist, ist die Hundehaarallergie nur auf eine sehr begrenzte Anzahl von Hunden anwendbar.

Beim dritten Hotel hatte ich dann Glück. Gegen Zahlung einer beachtlichen Reinigungs-End-Pauschale darf ich meine Hunde mitnehmen. Den Kongress konnte ich geniessen und gleichzeitig nutzen, um mich in Sachen Allergien auf den neuesten Stand zu bringen. Allergien liegen im Trend und nehmen zu. Dennoch gibt es kaum einen Bereich innerhalb unseres Fachgebietes, der von so vielen Missverständnissen und Falschinformationen begleitet wird.

Richtig ist, dass bereits nahezu 15 Prozent aller Kinder eine allergologische Diagnose gestellt bekommen haben. Bei Erwachsenen ist es bereits jeder Vierte, also 25 Prozent. Würde es allerdings nach den Patienten gehen, wäre die Allergiequote deutlich höher. Denn Allergien führen die Liste der von den Patienten selbst gestellten Diagnosen an, knapp gefolgt von Pilzbefall. Beides kommt allerdings nicht so häufig vor, wie von den durch Dr. Google diagnostisch vorgebildeten Patienten angenommen. Innerhalb der vermuteten und selbstdiagnostizierten Allergien sind es dann die Nahrungsmittel, die gerne für jede Art von Hautekzem verantwortlich gemacht werden; gefolgt vom häufig im Verdacht stehenden Übeltäter «neues Waschmittel».

Manchmal beschleicht mich sogar das Gefühl, dass es mittlerweile zum guten Ton gehört, eine Allergie zu haben. Mindestens aber eine Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit. Die Diagnose wird auch hier gerne selber gestellt, weil man nach dem morgendlichen Latte Macchiato gelegentlich ein wenig Bauchschmerzen hat. Wer seine Diagnose «beweisen» möchte, erledigt dies durch pendeln beim Heilpraktiker.

Moderne Wohlstandserkrankungen

Mir tat letztens die Küchencrew eines Restaurants leid. Eine Dame am Nachbartisch hatte nämlich – für alle akustisch gut hörbar – eine Laktoseintoleranz, und das gesamte Menü musste umgestellt werden. Als die von der Milchunverträglichkeit betroffene Dame dann zum Dessert einen Cappuccino bestellte, musste ich den Kellner ob seiner Beherrschung bewundern.

Glutenunverträglichkeit ist die zweite Wahldiagnose aus dem Katalog der modernen Wohlstandserkrankungen. In Zeiten, wo das Äussere mehr zählt als Bildung und Charakter und wo der Lebensinhalt allzu oft darin besteht, die Hosengrösse Size Zero zu erreichen (kleine Lifestyle-Kunde: Size Zero ist die Modelgrösse), scheinen mir Laktoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit für einzelne Pseudobetroffene die perfekten Ausreden, um keine «fettigen» Milchprodukte oder kohlenhydratreiche Weissmehl- Ware zu essen. Die Reduktion von Milch- und Weissmehlprodukten kann ernährungswissenschaftlich betrachtet durchaus sinnvoll sein, setzt aber nicht unbedingt eine Intoleranz oder Unverträglichkeit voraus.

Jetzt kommt die Zucker-Vergiftung

Den nächsten Trend möchte ich hiermit gleich ausrufen: die Glycotoxation. Also die Vergiftung durch Industriezucker. Wäre gar nicht so abwegig, denn immerhin nehmen wir gemessen an der Empfehlung der WHO das 4-fache an Zucker zu uns. Die Anzahl an Diabetes mellitus Typ II Erkrankten wird sich in einigen Teilen der Welt innerhalb der nächsten 10 Jahre verdreifachen.

Übrigens: Die von mir erfundene Glycotoxation wäre keine Allergie. Das trifft allerdings auch für Laktose und Gluten zu, denn beim einen handelt es sich um eine Intoleranz und beim anderen um eine Unverträglichkeit. Für die Betroffenen möglicherweise kein relevanter Unterschied, medizinisch betrachtet aber eben schon.

Warum nehmen Allergien eigentlich in unseren entwickelten Industrieländern zu? Dazu gibt es diverse Theorien, aber eine dieser Theorien erscheint mir am logischsten. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kinder, die unter besonders hygienischen Umständen aufwachsen, deutlich häufiger Allergien entwickeln, als Kinder welche zum Beispiel auf einem Bauernhof leben und/oder mit Tieren regelmässig Kontakt haben. Diese Theorie macht für mich deshalb Sinn, da unser Immunsystem nach der Geburt zunächst trainiert werden muss. Erst durch den Kontakt zu Bakterien und Viren entwickeln wir eine Resistenz bzw. Abwehr dagegen. Eine allergische Reaktion ist im Grunde nichts anderes als die Abwehr eines uns unbekannten Eindringlings durch das Immunsystem. Das Immunsystem hatte vielleicht noch keinen hinreichenden Kontakt zu dem im Grunde harmlosen Eindringling und reagiert daher übertrieben stark. Diese Theorie würde dafür sprechen, unsere Kinder wieder ein wenig mehr im Dreck spielen zu lassen, Dinge mal in den Mund nehmen zu dürfen und einen Hund zu streicheln, ohne sich gleich anschliessend die Hände waschen zu müssen.

Statt mir eine Reinigungs-End-Pauschale abzuknöpfen, sollten Hotels eigentlich dankbar sein, wenn Gäste ihre Hunde – oder meinetwegen auch Hamster, Katzen und Pferde – mitbringen. Das trägt zur Allergieprävention bei. Liebe Hotels, wie wäre es in Zukunft mit einem Discount für jedes mitgebrachte Haustier? Spätere allergiefreie Generationen werden es Ihnen danken.

Dr. Felix Bertram (42) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, dem Zentrum für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau. Er lebt im Raum Lenzburg.

fbertram@skinmed.ch

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