Ratlose Gesichter sind ein wunderbarer Anblick. Da standen die Leute an der Bushaltestelle und lasen es einmal, zweimal, was da auf dem neongelben Plakat stand. «Was ist denn mit der Realness?», im Hintergrund das Bild des versprayten Kunsthauses. Ja, was soll denn mit der Echtheit sein, fragten sich die Leute und blieben ratlos. Die Antwort und die Autoren fehlten. Und das gab zu reden.

Die anonymen Fragesteller haben sich derweil ganz gehörig ins Fäustchen gelacht: Lorin Segrada und Benno Tuchschmid. Die beiden Aarauer stecken hinter der Plakataktion, sie haben Anfang März die Stadt mit 500 Plakaten gepflastert und ein paar Tage später noch einmal, diesmal mit der Antwort: Der Einladung zur «Blockparty», die heute rund um den Club «Schlaflos» in der Telli stattfindet. «Wir hatten diebische Freude daran, dass das Plakat so zu reden gegeben hat», sagt Segrada. Ziel erreicht.

Als Aarau Drehscheibe war

In bestimmten Kreisen sorgte das Plakat nicht für verständnisloses Kopfschütteln, sondern für heftiges Nicken: in der Hip-Hop-Szene. Für sie ist das Strassenfest auch bestimmt: für Rapper, Skater, Beat-Produzenten und Graffiti-Künstler, für alle, denen Hip Hop etwas bedeutet. Am Nachmittag dürfen sie rund um das «Schlaflos» ihr Können zeigen, am Abend wird gefeiert. Alle zusammen. So wie früher, in den Anfangszeiten des Hip Hop. Und so, wie es das in Aarau noch nie gegeben hat.

Segrada und Tuchschmid sind in der Aarauer Hip-Hop-Szene aufgewachsen. Sie erinnern sich an die Zeit, in der Hip Hop populär wurde und Aarau eine Drehscheibe der Schweizer Rap-Musik war. An eine Phase, in der in Aarau wichtige Aufbauarbeit für die Szene geleistet wurde.

«Aarau hat noch immer eine grosse, aktive Hip-Hop-Szene, wenn auch etwas versteckter», sagt az-Kulturredaktor Tuchschmid. Und abgeschotteter: Die Sparten blieben alle unter sich, die Skater bei der Anlage im Schachen, die Rapper in ihren Studios, die Graffiti-Maler an den wenigen Orten, an denen sie legal sprayen dürfen. «Wir schaffen mit dieser Party einen Ort, an dem alle zusammenkommen. So, wie es der Grundgedanke in den Anfangszeiten war», sagt Segrada.

Eine Nostalgie-Party aber, ein Lobgesang auf die guten, alten Zeiten soll es nicht werden. «Bloss nicht», sagen die beiden. Natürlich habe sich die Szene verändert, das sei der Lauf der Dinge. Die ständig schwelende Diskussion über die «Realness», die Echtheit im Hip Hop, finden die beiden aber müssig. Das Raue, Wüste, das Ding von der Strasse sei genauso Hip Hop wie die Champagnerduschen und Brillantohrringe. «Wir sind nicht die Hohepriester der Realness, wir entscheiden nicht, was cool ist und was nicht», sagt Tuchschmid. «Bei uns hat alles Platz.» Ausserdem sei das Event auch für Leute gedacht, die mit der Szene nichts am Hut haben und einfach neugierig sind.

Die Reaktionen auf die gemeinsame Party waren jedenfalls positiv: «Alle sind durstig nach etwas Neuem», sagt Tuchschmid. Schliesslich eine alle das Gleiche, egal ob Rapper, Skater oder Graffiti-Künstler: Sie alle lieben das Spontane, Kreative, das Unstrukturierte. Strassenkultur eben.

Blockparty Heute Samstag im und um den Club «Schlaflos», Tellistrasse 118, ab 13 Uhr mit verschiedenen Events inklusive Schlechtwetterprogramm, Eintritt frei. Ab 21 Uhr Party mit DJ Redrum und E.K.R., Eintritt 15 Franken.