Herr Hürzeler, der Aargauer Profifussball steht sportlich so schlecht da wie noch nie. Dazu die leidige Stadionverzögerung in Aarau und die Flutlicht-Posse in Wohlen. Nationale Medien spotten über die «Krise im Rüebliland». Wie gross ist der Ärger des Aargauer Sportministers?

Alex Hürzeler: Die Ernüchterung ist gross. Der Sport ist ein Aushängeschild und derzeit macht der Aargauer Profifussball keine gute Werbung. Die Fussballkrise spiegelt ein Problem, das der Sport und genauso die Kultur im Aargau haben: Wir sind geografisch zwar ideal gelegen, aber es fehlen die grossen Zentren und so auch die grossen Firmenhauptsitze, die Sport und Kultur unter die Arme greifen. Sportlich sind wir im Nachwuchs und in der Breite gut aufgestellt und erfolgreich, aber an der Spitze, wo die Post abgeht, können wir je länger, je mehr nicht mithalten.

Wenn das grosse Zentrum fehlt, wäre eine Lösung die Fusion der Fussballklubs in Aarau, Wohlen und Baden, um mit geballten Kräften national mithalten zu können.

Bis anhin ist der Wille zur Fusion bei keinem Verein spürbar. Aber die wirtschaftlichen und reglementarischen Anforderungen werden grösser. Möglich, dass dies früher oder später zu einem Umdenken führt und dass man sich zusammenrauft, um den Profifussball im Aargau gemeinsam zu erhalten.

Hinter vorgehaltener Hand spürt man die Missgunst zwischen Aarau und Wohlen. Es soll für Spieler schon Verbote für Wechsel zum Kantonsrivalen gegeben haben.

Ich habe von diesen Reibereien gehört. Als Sportminister wünsche ich mir einen partnerschaftlichen Umgang zum Wohl des Sportkantons Aargau. Gerade im Nachwuchsbereich müssen die Kräfte gebündelt werden, um die Talente behalten zu können.

Der Kanton fördert mit dem Swisslos-Sportfonds das Team Aargau, die Gruppierung der besten Talente aus dem Aargau. Die Pipeline in die Profiteams von Aarau und Wohlen war zuletzt verstopft.

Der Ertrag aus dem Team Aargau ist definitiv nicht in meinem Sinn, da erhoffe ich mir eine Veränderung und habe das bei den Verantwortlichen platziert. Es darf nicht sein, dass die grössten Talente mangels Perspektiven in Basel, Bern oder Zürich landen. Gegen diesen Trend kann eine klare Hierarche zwischen den Fussballklubs helfen: Ein Aushängeschild mit nationaler Wettbewerbsfähigkeit in der Super League, ein Klub in der Challenge League und die Basis in der 1. Liga. Das ist ein Wunschszenario und mir ist klar, dass im Sport nicht alles planbar ist.

Eine Variante für schnellen Erfolg wäre der Verkauf an einen Mäzen aus dem Ausland.

Das halte ich für wenig hilfreich. Ich bin den Verantwortlichen in Wohlen und Aarau dankbar, dass sie diesen Verlockungen widerstehen.

Der FC Aarau als grösster Aargauer Sportklub gibt seit Monaten auf und neben dem Rasen ein trauriges Bild ab. Wie konnte es soweit kommen?

Über die Gründe möchte ich nicht spekulieren. Ich kenne nicht alle Hintergründe, aber von aussen betrachtet haben die Verantwortlichen zuletzt teilweise ungeschickt kommuniziert. Wahrscheinlich hat man auch die sportlichen Ziele zu hoch angesetzt.

Eine Fangruppe hat beim letzten Aarauer Heimspiel mit einem Plakat den Rücktritt von Vizepräsident Roger Geissberger gefordert.

Solche Aktionen gibt es im Sport, aber sie bringen nichts. Ich bin überzeugt, dass Roger Geissberger und die anderen Mitglieder der Klubführung sich der Situation bewusst sind und im Austausch mit Experten die richtigen Schlüsse gezogen haben. Ich hoffe, man ist sportlich und mental bereit, auch im Abstiegskampf zu bestehen.

Ein Verschwinden des FCA aus dem Profifussball wäre katastrophal.

Für den Verein und vor allem für das Stadionprojekt: Ich hätte bei meiner Wahl zum Regierungsrat nie gedacht, dass in meinem neunten Amtsjahr das Stadion immer noch nicht steht, geschweige denn, dass ich dessen Eröffnung nicht als amtierender Sportminister erleben könnte. Das Warten lähmt den Verein. Andere Beispiele in der Schweiz beweisen, dass eine moderne Infrastruktur für wirtschaftlichen und sportlichen Fortschritt zwingend ist.

Die Warterei auf das Stadion ist ein trauriges Kapitel und imageschädigend für den Sportkanton Aargau.

Die Enttäuschung ist gross, dass es scheinbar nicht möglich ist, eine moderne Sportinfrastruktur in der Kantonshauptstadt auf die Beine zu stellen. In anderen vergleichbaren Städten ist dies gelungen. Ich denke an Thun, Neuenburg, Biel oder Schaffhausen.

Hand aufs Herz: Glauben Sie noch an ein Stadion im Torfeld Süd?

Ja. Nach der leidigen Sache mit den Beschwerden ist nun das Finanzierungsproblem aufgetaucht. Aber: Es braucht in nächster Zeit zwingend einen Befreiungsschlag, ansonsten sehe ich schwarz. Das Projekt ist existenziell für den Verbleib des FC Aarau im Profifussball. Kommt das Stadion nicht, wird Aarau in absehbarer Zeit – ähnlich dem FC Wohlen – nur noch ums Überleben auf der nationalen Fussballbühne kämpfen können. Nationaler Spitzenfussball im Aargau würde unerreichbar werden. Und das wäre ein Armutszeugnis für unseren Kanton.

Wie beurteilen Sie die neusten Pläne mit drei Hochhäusern neben dem Stadion?

Ich war gelinde gesagt ziemlich erstaunt, dass man nach dem Überstehen der Beschwerden gegen das ursprüngliche Projekt ganze sechs Monate gebraucht hat, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass mit der Mantelnutzung die Finanzierung nicht zu bewerkstelligen ist. Jetzt sind die Trägerschaft, vornehmlich die Investoren und die Gemeinde Aarau, in der Pflicht, eine umsetzbare Lösung zu präsentieren.

Können Sie als Sportminister den Stadionbau beschleunigen?

Der Kanton ist nicht Teil der Trägerschaft. Wie überall im Kanton leisten wir lediglich subsidiär via Swisslos-Sportfonds namhafte Investitionsbeiträge. Ich kann nur den Aufruf machen, dass sich die Verantwortlichen mit anderen Investoren zusammentun, die Interesse an einer Stadionrealisierung haben. Weiter gibt es sicherlich Möglichkeiten zur Projektoptimierung, auch die Finanzierung ist überdenkbar.

Wissen Sie mehr?

Nein. Aber ich halte meine Ohren offen und habe dadurch die Erwartungshaltung, dass die Verantwortlichen alle Möglichkeiten ausloten und den Auftrag zu einem positiven Ende führen. Die Aarauer Bevölkerung hat mehrmals Ja gesagt zum Stadion, der Fussballkanton wartet darauf. Wichtig ist, dass zeitnah der Befreiungsschlag erfolgt. Und zwar für ein Projekt auf dem Standort Torfeld Süd. Ein neues Projekt an einem neuen Standort würde mindestens weitere zehn Plan- und Bewilligungsjahre in Anspruch nehmen.

Der Kanton hat 2007 sechs Millionen Franken für den Stadionbau in Aussicht gestellt. Angesichts der Querfinanzierung der 20 Millionen, die fehlen: Wäre der Kanton bereit, den Betrag zu erhöhen?

Der Kanton würde ein konkretes, aktualisiertes und auf einem baureifen Projekt beruhendes Beitragsgesuch prüfen und gemäss geltender Swisslos-Sportfonds-Verordnung ausloten, was maximal machbar wäre. Ein Beitrag von 20 Millionen ist aber undenkbar. Man kann es auch so sehen: Verschiedene zusätzliche Beiträge ergeben irgendwann auch 20 Millionen – es muss ja nicht ein einzelner Grossinvestor sein.

Engagieren Sie sich eigentlich persönlich beim FC Aarau? Oder «nur» als Matchballspender vor Wahlen?

Seit meiner Jugend bin ich Fussballfan, seit den 80er-Jahren auch Supporter des FC Aarau, als Matchbesucher, als Vereinsmitglied und als Kleinaktionär. Kurz nach meinem Amtsantritt als Regierungsrat bin ich zudem Mitglied im Club 100 geworden und leiste meinen jährlichen Sponsoringbeitrag. Privat wie auch als Sportminister interessieren mich aber auch viele andere Sportarten. Gerne besuche ich etwa Handballspiele, wo der Aargau bekanntlich wieder mit zwei Klubs in der Nationalliga A vertreten ist. Mein Fussballherz freut sich derzeit aber besonders an meinem «Heimklub», dem FC Frick, der an der Tabellenspitze in der 2. Liga mitspielt – Bravo!

Wie beurteilen Sie den FC Wohlen, plakativ gesagt ein auf Ehrenamt aufgebauter Dorfklub, der seit 15 Jahren erfolgreich ums Überleben im Profigeschäft kämpft?

Ich habe grossen Respekt davor, was in Wohlen geleistet wird. Aber kraft des Einzugsgebiets und des Umfelds kann der FC Wohlen wohl nie die Rolle als kantonales Aushängeschild einnehmen. Es wird Jahr für Jahr schwieriger, sich zu behaupten. Schweizweit drängen Vereine in den Profifussball, die wirtschaftlich und strukturell besser aufgestellt sind. Bekanntlich steht im Aargau das regionale Denken, nicht nur im Sport, gegenüber dem Auftritt als Kanton im Vordergrund. Die Verantwortlichen der Aargauer Fussballklubs müssen sich wohl früher oder später partnerschaftlich über ihre Rollen im Klaren werden. Das würde die Aargauer Wirtschaft und private Mäzene zu zusätzlichen und namhaften Beiträgen ermuntern.

Liegt Sponsorenpotenzial brach, weil die Firmen keinen Plan sehen?

Davon bin ich überzeugt. Genauso gilt das für die Kultur. Sponsoren wollen Identifikation, positive Werbung und ein Vertrauensverhältnis, wenn sie sich mit viel Geld engagieren. Dazu gehören eine moderne Infrastruktur und zeitgemässe Führungsstrukturen. Sowohl der FC Aarau als auch der FC Wohlen haben diesbezüglich Aufholbedarf und ich hoffe auf Besserung.

Die Vereine leiden aber auch unter der zunehmenden Regulierung seitens der Verbände.

Die Bürokratie und Juristerei hat auch im Sport Einzug gehalten. Eine Entwicklung, die ich sorgenvoll verfolge. Gleichzeitig schützt uns die penetrante Kontrolle vor Korruption. Das ist die gute Seite. Ich verstehe, wenn sich ein Klub wie Wohlen die Frage stellt, wie lange er das Spiel mit den stetig steigenden Auflagen noch mitmachen will.

Ihr Tipp für das heutige Derby zwischen Aarau und Wohlen?

Beide Mannschaften brauchen Punkte, daher eine realistische Einschätzung: Nach einem harten Abnützungskampf ein 1:1, das beiden Teams kurzfristig nicht viel bringt, aber die Basis für eine erfolgreiche Aufholjagd sein soll.