Ein Knall hallt über den Pausenplatz der Bezirksschule Aarau. Dann herzhaftes Lachen. Die Frau, die den Müllcontainer gerammt hat und deshalb gestürzt ist, setzt sich wieder aufs Velo und fährt weiter. Den Schmerz schluckt sie runter und strahlt über das Gesicht.

Die etwa 30-jährige Mutter aus Syrien ist eine von 15 Frauen, die an diesem Abend Velofahren lernen. Seit vier Jahren führt der Verein Pro Velo Region Aarau spezielle Kurse für Frauen durch, die vor allem von Migrantinnen genutzt werden. «Velofahren ist wichtig für die Integration», sagt Initiantin Isabelle Zutter aus Biberstein. «Die Frauen haben kaum Geld für den Bus und ein Velo hilft, an einem Tag Einkaufen, Kochen und Deutschkurs unterzubringen.»

Der interkulturelle Velokurs ist beliebt. Viele Migrantinnen haben in ihrer Heimat nie Velofahren gelernt oder dieses verlernt – sei es, weil es sich als Frau nicht schickt, auf einem Sattel zu sitzen, oder man sich als Erwachsener nur noch mit dem Auto zeigt.

Ein Kissen hilft gegen Schmerzen

In der Schweiz ist das anders, weshalb auch ausländische Frauen diese Freiheit leben wollen. Wie die junge Mutter aus Syrien: Schon als Kind wollte sie Velo fahren, durfte aber nicht. Jetzt will sie es bei Pro Velo lernen, und zwar schnell. Die Mutter ist ungeduldig und will schon am ersten von drei Kursabenden sattelfest sein, um mit den Kindern auf Tour gehen zu können. «Achtung, bremsen!», ruft ihr Isabelle Zutter immer wieder zu. Meistens zu spät. Die Bäume auf dem Pausenplatz müssen viel ertragen. Die Frau, die zum ersten Mal auf einem Velo sitzt, steht auf und lacht. Nächste Runde.

Ähnlich motiviert sind die anderen Frauen, die unsicher auf dem Pausenplatz ihre Runden drehen – die blutigen Anfänger noch ohne Pedale, um die Balance zu finden. Die einen lernen nach 20 Minuten Velofahren, andere brauchen drei Kursabende. «Ich staune immer wieder, wie hart die Frauen kämpfen», sagt Isabelle Zutter. «Sie wollen Velofahren lernen – auch wenn sie am nächsten Kursabend ein Kissen mitnehmen müssen, das sie wegen Schmerzen auf den Sattel binden.»

Die meisten Teilnehmerinnen des heutigen Kurses wohnen in Suhr. Die Gemeinde subventioniert den Velo-Kurs für Migrantinnen aus dem eigenen Dorf. In Gränichen unterstützt der Verein Integraeniche das Angebot. Isabelle Zutter wünscht sich, dass weitere Gemeinden mitmachen. Das müsse nicht finanziell sein. «Ich wünsche mir, dass Gemeindevertreter uns besuchen und hier über eigene Angebote für Ausländer informieren», sagt die frühere Präsidentin von Pro Velo Region Aarau.

Nach dem Velo das Schwimmen

Einige Frauen auf den Velos stammen aus muslimischen Ländern. Haben Ehemänner mit patriarchischem Weltbild keine Probleme damit, dass ihre Frauen plötzlich Velo fahren? «Das spüren wir nicht», sagt Isabelle Zutter. Ab und zu komme es vor, dass ein Ehemann vorbeischaut. Diese schicke man weg. «Es gab auch schon Männer, die vor Rührung in Tränen ausbrachen, als sie ihre Frau auf dem Velo sahen.»

In der Pause kommen die Frauen ins Gespräch. Über die Kursabende hinweg entwickeln sich Freundschaften, ein paar Teilnehmerinnen beschliessen, sich beim Kinderhüten zu unterstützen. Für andere ist der Velokurs erst der Anfang: Sie haben Lust auf mehr und wollen jetzt Schwimmen lernen.