Aarau
Acht Nationalitäten und ein Buch auf Deutsch

Im Kindergarten Damm gibt es mehr Sprachen als Kinder. Das hielt die Kindergärtnerin Sabrina Andrea Gempeler und Monika Koch, Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ), nicht davon ab, mit den Kindern ein Märchen zu erfinden.

Sabine Kuster
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Kinder vom Kindergarten Damm machen Bilderbuch
8 Bilder
Die Kinder im Kindergarten Damm
Dann wird das Bilderbuch «Die gestohlene Krone» von einer Kindergärtnerin vorgetragen
Seite aus der Geschichte: Nach dem Bad im Ententeich ist das Krönchen der Prinzessin weg.
Die Krone
Prinz und Prinzessin auf der Wiese

Kinder vom Kindergarten Damm machen Bilderbuch

«Der Prinz und die Prinzessin wohnen in einem Schloss. Sie heissen Marcus und Sara. Sie sind sehr glücklich.» – So beginnen alle Märchen. Doch dieses Märchen ist ein spezielles: Die Kinder vom Kindergarten Damm haben es erfunden. Als sie zu Beginn des Kindergartenjahres im August das Projekt anpackten, sprachen manche von ihnen noch kein Wort Deutsch.

Der Kindergarten Damm besteht nur aus acht Kindern, und nur eines spricht als Muttersprache Mundart. Die anderen reden zu Hause Türkisch, Persisch, Rumänisch, Slowakisch, Arabisch, Französisch, Kroatisch oder Tamil. Viele wachsen so-gar zweisprachig auf, weil die Eltern aus unterschiedlichen Ländern kommen. Und so gibt es im Kindergarten Damm mehr Sprachen als Kinder.

Deutsch als gemeinsamer Nenner

Das hielt die Kindergärtnerin Sabrina Andrea Gempeler und Monika Koch, Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ), nicht davon ab, mit den Kindern ein Märchen zu erfinden. Die beiden Kindergärtnerinnen sprechen – um das Sprachenwirrwarr der Kinder nicht noch zu vergrössern – konsequent Hochdeutsch. Auch wenn im Kindergarten die Regel eigentlich lauten würde: halb Hochdeutsch, halb Mundart.

Am Donnerstagabend war der Kindergarten im Damm voller stolzer Eltern: Die Buchvernissage wurde gefeiert, die Lehrerinnen hatten für jedes Kind ein Buch angefertigt. Und wenn wohl nicht alle Eltern die vorgelesene Geschichte genau verstanden, so merkten sie doch, dass ihre Kinder etwas Wichtiges für ihre bald beginnende Schullaufbahn gelernt hatten: Wie eine Geschichte funktioniert. Die beiden wichtigsten Worte dafür: «Und dann». «Und dann gehen die beiden zusammen in den Hexenwald. Es wird Nacht. Und die Prinzessin beginnt wieder zu weinen.»

Und sie haben gelernt, zu beschreiben: «Das Schloss ist schön und überall hat es viel Glitzer.» Wort für Wort haben sich die Kinder ihre Geschichte erobert. Als erstes musste die Hauptfigur gefunden werden und die Freunde. Dann erfanden sie ein Problem und die Lösung dazu.

Hexenhaus durfte nicht kaputt sein

Das Ende geht so: «Alle trinken am langen Schlosstisch eine warme Schoggi und essen Kekse. Nachher gehen sie schlafen, aber vorher putzen alle ihre Zähne.» Das Zähneputzen war einem Mädchen wichtig, also wurde es in die Geschichte integriert. Ein anderes wollte das Wasser; so kommt ein Ententeich vor, in dem die Prinzessin und der Prinz schwimmen gehen. Doch dann stiehlt die Hexe am Ufer unterdessen die Krone der Prinzessin. Das Hexenhaus musste unbedingt ein Baumhaus sein, aber kein kaputtes. Also heisst es in der Geschichte: «Das Haus ist alt und ist ein bisschen schief, aber nicht kaputt.»

Auf dem Weg zum eigenen Buch zeichneten die Kinder zuerst eine eigene Geschichte, später lernten sie eine richtige Kinderbuchautorin kennen (Doris Lecher), und schliesslich stimmten sie ab, welche ihrer Zeichnungen für die gemeinsame Geschichte «Die gestohlene Krone» gewählt werden sollen.

Selbstgebackenes als Dankeschön

Schliesslich lasen die Kindergärtnerinnen den Eltern die Geschichte vor, die Kinder untermalten sie musikalisch. «Ich habe meine Tochter nach der Geschichte gefragt», sagte eine türkische Mutter beim anschliessenden Festessen, «aber sie wollte mir noch nichts verraten.» Auf den kleinen Kindergartentischen war ausgebreitet, was die Mütter an Spezialitäten aus ihren Heimatländern gebacken hatten – keine Seltenheit im Kindergarten Damm. «Es ist die Art, wie sich die Eltern bei uns bedanken», sagte Sabrina Gempeler, «die Kinder bringen oft ein Znüni für alle mit.»

Elternkontakt ist aufwändig

So herzlich der Elternkontakt auch ist: Er ist schwierig und aufwändig. Die Kindergärtnerinnen rufen oft zu Hause an, um sicher zu gehen, dass eine Mitteilung verstanden wurde. Dass am Donnerstag am Schluss von jedem Kind mindestens ein Elternteil anwesend war, ist deshalb keine Selbstverständlichkeit.

Kindergärtnerin Sabrina Gempeler und DaZ-Kindergärtnerin Monika Koch sind froh, dass sie an zwei Morgen in der Woche im Team-Teaching arbeiten können – so viele DaZ-Stunden kriegt der Dammkindergarten wegen des hohen Anteils fremdsprachiger Kinder. Die beiden Lehrerinnen arbeiten mit Leidenschaft. «Hier liegt der Fokus immer auf der Sprache», sagten sie, «das muss man mögen.» Deutsch wird selbst beim Spielen gelernt. Da geht es plötzlich um das schleimige Tierchen mit dem Häuschen, das ein Kind vom grossen Garten draussen mitgebracht hat, der Kindergärtnerin entgegen streckt, und fragt: «Was ist das?»

Und auch wenn es manchmal scheint, die Kinder würden keine Fortschritte machen – sie wissen: Lernen verläuft nie linear. Und indem sie das Geschichten- und Bildverständnis der Kinder fördern, tragen sie zur Chancengleichheit der Schulanfänger bei – denn nicht alle Eltern erzählen den Kindern zu Hause Geschichten.