Aarau
Abstinenz im Restaurant «Goldige Öpfel» in Aarau

Das Restaurant «Goldige Öpfel» an der Kasernenstrasse hat seine Türen wohl für immer geschlossen. Das weckt Erinnerungen.

Hermann Rauber
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Das Restaurant «Goldige Öpfel» ist geschlossen, nicht das Hotel, das den Namen «Argovia» bekam. Kel

Das Restaurant «Goldige Öpfel» ist geschlossen, nicht das Hotel, das den Namen «Argovia» bekam. Kel

Das Lokal samt einem bescheidenen Hotelbetrieb gehörte dem 1906 gegründeten Bund abstinenter Frauen Aarau und hiess bis in die vergangenen 70er-Jahre «Helvetia». Die Führung des Hauses oblag dem Verein, und zwar in Form von Freiwilligenarbeit. In der alkoholfreien Gaststube verkehrten vor allem Familien, aber auch ältere Alleinstehende, die das familiäre Umfeld schätzten. Zu den regelmässigen Gästen zählten auch die Mitglieder der beiden abstinenten Kantonsschulverbindungen, der Iduna und der Humanitas, die heute nicht mehr existieren.

Eine Heimat fanden hier auch die Anonymen Alkoholiker und Randständige, die in den Dachzimmern vorübergehend eine bescheidene Bleibe fanden. In der Stadt legendär waren die Weihnachtsfeiern für einsame und benachteiligte Menschen, an denen jeder Gast eine Mahlzeit und menschliche Wärme erhielt.

Im Säli im ersten Stock war in regelmässigen Abständen eine Gruppe von Frauen im sogenannten Nähstübli am Werk, die Kleider flickte oder änderte und sogar neue entwarf. «Wir hatten untereinander eine gute Kameradschaft», erinnert sich Agnes Riesen an die Zeiten im «Goldige Öpfel».

Vor vierzig Jahren entschieden sich die abstinenten Frauen auf Anregung von Hanny Zschokke und in Anlehnung an ein Volkslied, Hotel und Restaurant in «Goldige Öpfel» umzutaufen. Das passte auch zum benachbarten Apfelhausenweg.

Zum ehrenamtlich tätigen Personal gehörten neben Agnes Riesen auch Alice Koenig, Susi Hunziker-Fretz und Lilotte Bopp aus Suhr. Zusammen mit der Iduna führten die Frauen zur Mittelbeschaffung Basare durch, ein paar Jahre lang betrieb der Bund abstinenter Frauen auch das Restaurant der Kunsteisbahn Keba. Und man trug sich gar mit dem Gedanken, das Haus aufzustocken. Die Absicht scheiterte an den zu schwachen Fundamenten.

Es fehlte den aktiven Frauen nicht an Ideen. So offerierte man nach dem Neubau des benachbarten Vaudoise-Gebäudes dem Arzt Walter Stamm eine räumliche Zusammenarbeit.

Das Experiment gelang, dank einem Mauerdurchbruch konnte man dem Ohren-, Nasen- und Halsspezialisten tagsüber ein Zimmer im dritten Stock vermieten, das als «Warteraum» nach Operationen gute Dienste leistete. Trotz allem Einsatz mussten sich die abstinenten Frauen neben dem eigentlichen Betrieb auch ständig mit Geldsorgen beschäftigen.

Lilotte Bopp erinnert sich an einen Brief von der Kantonalbank, der ein «Aufgebot» zum Gespräch enthielt. So trafen sich rund ein Dutzend Frauen im Direktionszimmer und wurden im Rahmen einer Neueinschätzung der Hypothek vor die Tatsache gestellt, innert nützlicher Frist 100 000 Franken beizubringen. Zur Not könne man ja einen Basar veranstalten, gab der Bankier den Frauen mit auf den Heimweg.

Zum gleichen Zeitpunkt signalisierte der gut betuchte Zürcher Frauenverein Interesse an der Übernahme der Liegenschaft an guter Lage in Aarau.

Dem Bund abstinenter Frauen blieb letztlich keine andere Wahl als der Verkauf, denn nur so konnte der «Goldige Öpfel» vor zwei Jahrzehnten gerettet werden.

Das jetzt geschlossene Restaurant behielt den Namen bis zum Schluss bei, das Hotel erhielt unter dem Gastro-Dach des Zürcher Frauenvereins 2005 die Bezeichnung Argovia und gehört zur Kette der Sorell-Betriebe, zu denen seit bald einem Jahr auch der Aarauerhof gehört. Es bleibt nach wie vor geöffnet.

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