Analyse
Abstimmung über die Alte Reithalle: Lassen wir uns von der Euphorie anstecken

Soll die Alte Reithalle für knapp 20 Millionen Franken totalsaniert werden? «Die Risiken sind kalkulierbar, die Chancen gross», schreibt Urs Helbling, Leiter Aargau West der Schweiz am Wochenende, in seiner Analyse zur bevorstehenden Abstimmung.

Urs Helbling
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Das Cinzia Catania Collective am Melody Festival, das am Pfingstwochenende in der Alten Reithalle stattfand.
23 Bilder
 Die portugiesische Fado-Sängerin Carminho mit dem Argovia Philharmonic unter der Leitung von Douglas Bostock in der geschmackvoll beleuchteten Alten Reithalle Aarau.
 Der blinde amerikanische Sänger und Gitarrist Raul Midón (52) war der Höhepunkt des Festivals.
 Es folgen weitere Bilder des Melody Festival Aarau.
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Kopie von Das Festival «Melody Aarau»
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau Melody Festival in der Reithalle Aarau mit Akkordeonist Srdjan Vukasinovic und dem Aarauer Klassik Nuevo Orchestra, Vivaldi Nuevo.
Melody Festival Aarau Akkordeonist und künstlerischer Leiter Srdjan Vukasinovic und seine Frau, die Violinistin Sira Eigenmann.
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau
Melody Festival Aarau

Das Cinzia Catania Collective am Melody Festival, das am Pfingstwochenende in der Alten Reithalle stattfand.

Andre Albrecht

Ein Kulturprojekt elektrisiert Aarau. Es ist eine Euphorie zu spüren. Am letzten Wochenende das Festival «Melody Aarau», am Freitagabend die Performance «Ross Teilete», am Sonntag eine Volksmusik-«Stubete». Es geht ab in der Alten Reithalle seit der Saisoneröffnung anfangs Mai mit dem Tanzfestival. Das Interesse an den Anlässen ist gross, die Stimmung, so sagen die meisten Besucher, gut. Das Publikum entdeckt und geniesst das Flair einer vor fast fünfzig Jahren ausrangierten militärischen Infrastruktur. Die Kavallerie reitet noch einmal. Man spürt sie in den unebenen Mauern, auf den ausgetretenen Brettern, unter dem imposanten Dachstuhl. Das einzigartige Raumgefühl wird verstärkt durch die kulturellen Darbietungen. Ein Genuss. Ein einzigartiger Genuss, wie er, so sagen die Fans, nur in der Alten Reithalle möglich ist.

Um diese Reithalle geht es in der städtischen Volksabstimmung vom 10. Juni. Sie soll bis Oktober 2020 für 20,45 Millionen Franken totalsaniert, vom improvisierten Saison- in einen definitiven Ganzjahresbetrieb umgewandelt werden. Sie soll sich zum Leuchtturm mit nationaler Ausstrahlung entwickeln. Nicht nur ein Aarauer, sondern ein Aargauer Projekt sein. Eine Chance, für alle, die kulturell interessiert sind, sei es als Konsumenten oder als Produzenten. Eine willkommene Ergänzung zu einer anderen kulturellen Grossinvestition im Kanton: der nach jahrelangem Kampf eben begonnenen, 34 Millionen Franken teuren Sanierung des Kurtheaters Baden.

Ein Kulturprojekt elektrisiert Aarau. Tut es das wirklich? Oder elektrisiert es nur eine vergleichsweise kleine Teilstadt, ist es einem grossen Teil der Bevölkerung egal? Der Verlauf des Abstimmungskampfs macht stutzig. Denn es gibt ihn faktisch nicht. Vielleicht, weil das Projekt so überzeugend ist. Fest steht: Die Alte Reithalle hätte es verdient, auch in dieser Phase des Entscheidungsprozesses erkämpft, erstritten zu werden.

Die Frage der Finanzierung des Investitionskredites steht dabei nicht im Vordergrund. Die Stadt muss nur 7,725 Millionen an den Gesamtkredit von 20,45 Millionen Franken beisteuern – sie bekommt also die Alte Reithalle vordergründig fast geschenkt. Hintergründig geht sie gewisse Risiken ein: Sie müsste für eine allfällige Kreditüberschreitung geradestehen. Sie hätte ein Problem, wenn die Akustik nach dem Umbau – entgegen den Prognosen der Experten – als ungenügend empfunden würde. Und sie hätte vor allem dann ein Problem, wenn die Betriebskosten aus dem Ruder laufen sollten. Allerdings hätte das Volk dann wieder Gelegenheiten, die Notbremse zu ziehen, muss es doch dem städtischen Budget jeweils Ende Jahr zustimmen.

Das Reithallen-Projekt wird von allen Parteien, die im Einwohnerrat vertreten sind, unterstützt – abgesehen von der SVP. Letztere rasselte ein bisschen mit dem Säbel, aber sie ist nicht bereit, so richtig zu kämpfen. Vielleicht, weil sie kaum eine Chance für einen Erfolg sieht. Sicher ist, ihre grünen Plakate wirken reichlich hilflos. Das «defizitär»-Argument ist zu dünn – Kultur kostet immer etwas. Diskutieren müsste man allenfalls darüber, wie viel Geld Aarau für die Kultur ausgeben soll. Dabei würde sicher auch eine Rolle spielen, dass die Kleinstadt die Ambitionen hat, grösser zu werden (Zukunftsraum). Und dass sie in diesem Bereich das Geld nicht mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen hat. Im Gegenteil. Sie ist als Kantonshauptstadt eigentlich immer vergleichsweise günstig zu kulturellen Einrichtungen gekommen: An die Erweiterung des Naturamas (Eröffnung 2002) steuerte sie fünf Millionen Franken bei, an den Neubau des Kunsthauses (Eröffnung 2003) zwei Millionen Franken. Am teuersten war das Stadtmuseum (Einweihung 2015), für das der Souverän 14 Millionen Franken bewilligen musste. Das geschah 2009 mit 54 Prozent Zustimmung – nach einem sehr intensiv geführten Abstimmungskampf. Die SVP versuchte damals sogar, das Projekt mit einer Abstimmungsbeschwerde zu Fall zu bringen – erfolglos.

Auf den Plakaten werben die Freunde der Alten Reithalle mit einem grossen «Ja». Aus ihrer Sicht gibt es keine Grautöne, kein «Ja, aber». In der Tat ist das Projekt in vielerlei Beziehungen überzeugend. Es hat die Zustimmung verdient, selbst wenn es am Schluss nicht ganz so herauskommen sollte, wie es jetzt durchgedacht ist. Wenn die Alte Reithalle für die kleinen Veranstalter doch zu teuer würde. Oder wenn das Argovia Philharmonic, das im Moment – zu Recht – extrem im Trend ist, etwas ausser Mode geraten sollte. Wenn ... – Selbst im extremsten Fall bliebe der Stadt Aarau eine multifunktionale Halle an zentralster Lage. Eine Halle, die prädestiniert ist für eine attraktive Nutzung. In der weite Kreise der Bevölkerung verkehren können und die der ganzen Stadt etwas bringen wird. Die Risiken sind kalkulierbar, die Chancen gross. Ein Ja zur Alten Reithalle macht Sinn.