Leben in Aarau
Abstimmung über bezahlbares Wohnen: der Raum-Wolf im Schafspelz

Martina Suter (53) ist Unternehmerin, FDP-Einwohnerrätin und -Fraktionspräsidentin. In ihrer Kolumne schreibt sie dieses Mal über die bevorstehende Abstimmung über günstigen Wohnraum.

Martina Suter
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Eine 5,5-Zimmer-Wohnung in der Aarenau kostet über 3500 Franken. Ob in Aarau mehr günstiger Wohnraum entstehen soll, entscheiden die Stimmbürger an der Urne.

Eine 5,5-Zimmer-Wohnung in der Aarenau kostet über 3500 Franken. Ob in Aarau mehr günstiger Wohnraum entstehen soll, entscheiden die Stimmbürger an der Urne.

Ueli Wild

Wo würden Sie in Aarau lieber wohnen: Am Puls des Geschehens in der Altstadt oder eher in einem ruhigen Quartier? In einem günstigeren Altbau oder in einer neu gebauten Bleibe? Ob der Preis einer Liegenschaft oder die Lage für die Wahl eines Wohndomizils den Ausschlag gibt, ist bislang sehr individuell und von verschiedenen Faktoren abhängig. Ende November werden wir über eine Vorlage abstimmen können, die verlangt, dass allen preisgünstiger, moderner Raum zur Verfügung stehen soll. Die Stadt wäre gezwungen, unbegrenzt Wohn- und Gewerberaum zu erwerben und unter der Marktmiete zu vermieten. Gut gemeint.

Schon am Tag nach der Abstimmung würden sich eine Vielzahl von Studenten, jungen Familien, Alleinerziehenden, Rentnern für eine Wohnung bewerben. Bei wem sie sich melden müssten? Die neu dafür geschaffene Abteilung der Stadtverwaltung sei zuständig, stünde wohl auf der Aarauer Internetseite. Die durch die Initiative generierte Nachfrage nach günstigem Wohnraum würde das Angebot auf ewige Zeiten übersteigen. Neue Häuserreihen können nicht umgehend aus dem Boden gestampft werden. Also müssten bestehende Projekte gekauft werden – das Beste, was den Immobilienhändlern passieren könnte. Das nötige Geld für die städtische Grossinvestition in Wohn- und Gewerberaum müsste wohl Jahr für Jahr dem Kässeli von der Kultur, vom Sozialbereich, von der Volksschule oder vom Stadtmuseum entnommen werden. Sonst wäre es noch beim Steuerzahlenden zu holen.

Nehmen wir an, dass die Bewerbung meiner alleinerziehenden Freundin nun auf dem grossen Stapel im Rathaus läge. Leider gehöre sie nicht zu den Glücklichen, würde ihr einige Wochen später mitgeteilt. Ihr Einkommen liege über dem festgelegten Maximum. Raum für alle, hiess es doch. Wie ist das Argument der sozialen Durchmischung gemeint? Jung und Alt, Arm und Reich und alles dazwischen. Zu einer dieser Schichten gehören wir alle. Aussicht auf eine Zuteilung für eine dieser subventionierten Wohnungen hätten aber nur wenige.

Aber wenigstens einen kleinen Gewerberaum in der Altstadt möchte meine Freundin bekommen. Seit langem wünscht sie sich einen kleinen Laden, in dem sie Bündner Spezialitäten feilbieten könnte. Neu im Geschäft würde sie sicher als Jungunternehmerin zählen. Bei der Vergabe von preisgünstigen Geschäftsräumlichkeiten würden andere Kriterien gelten, hiesse es im Rathaus. Sie könne sich bei einer Kommission bewerben. Diese würde auswählen, welches Start-up-Unternehmen am besten in die Altstadtgasse passen würde. Da sie niemanden von der Kommission kennt, stehen ihre Chancen auf einen Zuschlag eher schlecht. Und so müsste sie das herzige, kleine Lokal nebenan mieten. Leider nicht in städtischem Eigentum. Leider nicht mit Steuergeld subventioniert. Und darum leider teurer. Wer wohl den günstigen Laden neben ihr erhalten würde?