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Aargauer Förster: «Der Wald wird in 50 Jahren nicht mehr so aussehen, wie wir ihn heute kennen»

Roger Wirz arbeitet schon seit zehn Jahren als Stadtförster von Aarau – die Kettensäge hat er immer im Kofferraum dabei.

Roger Wirz arbeitet schon seit zehn Jahren als Stadtförster von Aarau – die Kettensäge hat er immer im Kofferraum dabei.

Seit zehn Jahren ist Roger Wirz als Aarauer Stadtförster tätig. Obwohl mittlerweile ein Grossteil seiner Arbeit nicht mehr im Wald stattfindet, denkt er noch lange nicht ans Aufhören.

Es ist noch dunkel draussen. Dicke Nebelschwaden hängen über dem Boden, der Atem ist in der kalten Morgenluft gut sichtbar. Um diese Zeit zieht es eigentlich noch kaum jemanden in den Aarauer Wald. Ausser Roger Wirz: Der 52-Jährige ist Stadtförster der Region Aarau. Sein Arbeitstag beginnt jeweils um 7 Uhr im Forstwerkhof Distelberg, während der Rest des Waldes noch schläft. «Perfektes Wetter», findet Wirz, als er aus dem Werkhof tritt.

Sobald es dämmert, verlässt Wirz den Werkhof und fährt los. Einige Vögel beginnen zu zwitschern, wie er ins Auto steigt. Sein erster Halt des Tages: Ein Waldstück, das vom Sturm Burglind zerstört wurde. Insgesamt mussten Wirz und sein Team im Forstrevier aufgrund des Sturms rund 4000 Kubikmeter Holz schlagen. «Erlaubt sind jährlich 8000 Kubikmeter», erklärt Wirz im Auto. Er fährt durch den Wald, als wäre es seine Wohnung. Er kennt jeden Weg, jede Ecke, jede Kurve des Waldes. 900 Hektaren umfasst das Gebiet, für das Wirz zuständig ist. 60 Kilometer Strasse führen durch die Wälder.

Stirbt die Fichte aus?

Einige Minuten später hält er an und steigt aus. Vor ihm ist eine riesige Fläche zu sehen, die Bäume niedergewalzt vom Sturm. Zwischen den vereinzelten Bäumen, die stehen geblieben sind, blitzen langsam erste Sonnenstrahlen durch. Mit grossen Schritten geht Wirz über die Sträucher und Baumstümpfe. «Ein Sturm ist für den Wald nie ein Schaden», sagt er, als er einen jungen Baum betrachtet. «Nur wir Menschen sehen das so. Für den Wald ist es immer eine neue Chance.»

Noch klein Jahr ist der Sturm her, und schon wachsen auf der Fläche neue Pflanzen und Bäume. Diese will Wirz stehen und wachsen lassen. Zusätzlich ist geplant, die Fläche neu zu bepflanzen. Er holt ein Handbuch und eine Karte aus der Hosentasche und erklärt, welche Baumarten sich für dieses Waldstück besonders eignen. Schon bald werden hier mehrere hundert junge Fichten gepflanzt und in einigen Jahren wird der Wald wieder nachgewachsen sein. Wirz macht sich auf der Karte einige Notizen und geht zurück zum Auto.

Mittlerweile findet ein Grossteil seiner Arbeit nicht mehr im Wald statt. «Administration und Arbeitsvorbereitung machen sicher die Hälfte aus», erklärt er. Trotzdem gefällt ihm der Job immer noch. «Ich wusste schon im Chindsgi, dass ich mal im Wald arbeiten würde», so Wirz. Er erzählt von Lernenden, die den Beruf oft nach einem Jahr schon aufgeben. «Ungefähr ein Drittel», schätzt Wirz. Weitere 30 Prozent verliere man nach drei Jahren im Beruf. «Dieses Verlangen hatte ich nie. Ich gehe jeden Tag gerne arbeiten», sagt der Stadtförster, und man glaubt ihm.

Doch auch wenn sich Wirz im Wald wohl fühlt, sieht auch er, dass er in Zukunft mit Problemen konfrontiert wird. «Die Klimaerwärmung macht auch vor unseren Wäldern nicht Halt», sagt er. In 50 Jahren werde der Wald nicht mehr gleich aussehen wie heute. «Die Fichte wird verschwinden», prophezeit er.

Holzmarkt läuft nicht

Auf der Heckscheibe des Werkhof-Autos ist «Sämi», das Maskottchen der Waldinitiative, aufgedruckt. «Ja für euse Wald» steht neben dem Eichhörnchen geschrieben. Für die Förster ist die Initiative besonders wichtig. Ohne Auftragsarbeiten für Privatpersonen und Firmen könnte der Forstbetrieb kaum finanziert werden. «Der Holzverkauf läuft im Moment aber gar nicht gut», sagt Wirz. Wie er erklärt, liegt dies ebenfalls an Burglind, da der Markt nach dem Sturm mit gerodetem Holz überflutet wurde. «Jetzt ist die Nachfrage nach Nadelholz kaum noch da.»

Im Schachen in Aarau trifft Wirz ein komplett anderes Bild an, als noch einige Minuten zuvor im ruhigen Wald. Die Vögel zwitschern hier nicht mehr, sie wurden wahrscheinlich schon vor Stunden vom Lärm der Kettensägen und Bagger verscheucht. Zu dritt arbeiten Männer aus seinem Team daran, ein grosses Stück Wald komplett zu roden. «Es ist ein abwechslungsreicher Beruf», sagt Wirz und lacht. Ein Schützenhaus habe hier früher gestanden, der Boden sei verseucht vom Blei. Nach der Rodung wird der Waldabschnitt wieder aufgeforstet.

Oft seien Spaziergänger beunruhigt, wenn sie sehen, dass sein Team Bäume fällt. Wirz sei es wichtig, sich dann einige Minuten Zeit zu nehmen und zu erklären, weshalb eine Rodung dem Wald auch hilft und nicht nur schadet. «Ich sehe mich auch immer als Vermittler», erklärt er. «Zwischen Bikern und Spaziergängern, Naturschützern und natürlich dem Wald», fügt er an. «Es gibt viele verschiedene Ansprüche an den Wald, denen wir versuchen, gerecht zu werden.»

Alte Bäume bleiben erhalten

Wirz steigt am letzten Stopp des Morgens aus: ein Waldabschnitt in der Nähe von Gränichen. Heruntergefallene Eicheln knacken unter jedem Schritt, als er den Waldweg hinaufgeht. Dieser liegt im Schatten der zu nahe wachsenden Bäume. «Ungefähr 1,5 Meter müssen wir hier roden», so Wirz. Die alten, starken Bäume werden jedoch stehen gelassen. Wie Wirz erzählt, stammen die ältesten Fichten und Eichen in der Region aus dem Jahr 1790. Er blickt in den Wald, der in der mittlerweile hoch stehenden Sonne in Herbstfarben leuchtet. «Ist das nicht einfach der schönste Arbeitsplatz?», fragt er.

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Autor

Kelly Spielmann

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