Unterwegs
Aargauer Familie auf Weltreise: «Wir wissen nicht, was wir morgen tun, und geniessen es»

Die Familie Meier-Wullschleger reist mit zwei kleinen Kindern um die Welt – was das für die Beziehung, für die Route und für verlorene Plüschtiere bedeutet.

Katja Schlegel
Drucken
Teilen
Weltreise Familie Meier-Wullschleger
23 Bilder
Foz do Iguaçu
Paddeln im Yoho Nationalpark
Die Wassershow in Las Vegas
Die Wasserfälle von Clearwater
Ein tanzendes Paar in Buenos Aires
Wer braucht da schon eine Bank. Florida Keys
Bär in Canada
Mit den Steinfiguren unverkennbar, die Osterinseln
Strand auf Moorea
Abenteuerliches Mobil in Santa Monica
Ein Riesenbaum in Vancouver
Salta
San Francisco aus der Luft
Ohne Schafe kein Neuseeland
Ranch in Canada
San Francisco mit Nebel und roter Brücke
Purmamarca
Foz do Iguaçu
Impression aus Neuseeland
Orkas bei Bremer Canyon
Impression aus Hongkong

Weltreise Familie Meier-Wullschleger

Tobias Wullschleger

Am Abend fehlten Biber und Esel. Beide Rucksäcke waren ausgeräumt und ausgeschüttelt, aber die beiden Stofftiere blieben verschwunden. Sie waren liegengeblieben. In einem Hotelzimmer, am Morgen vor der Busfahrt der Küste Uruguays entlang, Hunderte Kilometer weit weg von der Unterkunft der Vornacht. Und Mael war untröstlich. Seit seiner Geburt ist der Biber sein ständiger Begleiter. Auch auf der Reise rund um die Welt.

«Wir sind für die zwei Stofftiere durch ganz Uruguay zurückgereist», sagt Tobias Wullschleger und lacht. Heute kann er darüber lachen, im Moment selber wars schwieriger. Gut 400 Franken hatte er davor mit dem Prepaid-Handy verbraucht und doch nichts erreicht, weil die Dame an der Rezeption kein Wort verstand. Doch Susanne Meier sagt: «Das war es uns wert.» Das sind die Probleme, wenn man mit Kindern um die Welt reist.

Vorbehalte zu hören bekommen

Seit Mitte Juni sind die beiden Aarauer Tobias Wullschleger (39) und Susanne Meier (38) mit ihren Kindern Mael (4) und Nila (2) unterwegs. Sie haben ihre guten Jobs gekündigt, den Sohn im Kindergarten abgemeldet, das Haus vermietet und die Katzen einer Freundin übergeben, haben allen Adieu gesagt und sind mit den Around-the-world-Tickets im Sack aufgebrochen. Ein Jahr lang reisen sie herum, frei wie die Vögel, lassen sich treiben, immer gen Westen. Sie tun das, was sich viele junge Eltern erträumen und doch nicht zu tun getrauen: eine Auszeit mit ihren Kindern. «Das Leben ist zu kurz, um es mit Arbeiten zu verbringen», sagen sie.

Eine Reise um die Welt ist auch ohne Kinder ein Abenteuer. Verständigung, medizinische Versorgung, Kriminalität, unbekömmliches Essen; lauter Dinge, die selbst Erwachsene schrecken können. Vorbehalte, die auch die Familie Meier-Wullschleger zu hören bekommen hat. «Ärzte legten uns beispielsweise nahe, mit den Kindern nicht über 2700 Höhenmeter zu reisen. Wir waren auf bis 5000 Meter über Meer und den Kindern ging es besser als uns», sagt Tobias Wullschleger. Reisen mit Kindern sei wohl langsamer, die Suche nach Kindersitzen für den Mietwagen mal lange und das Leben in der Natur deutlich stressfreier als in der Stadt. Aber keinen Moment lang so, dass die Familie ihren Entscheid angezweifelt hat. «Seit wir reisen, merken wir, dass wir den Kindern viel mehr zumuten können, als es Daheimgebliebene tun.»

Noch nicht einmal Nachrichten

Eine Gelassenheit, die Tobias Wullschleger selbst überrascht. Er, den eine Arbeitskollegin einmal einen «Perfektionisten» genannt hat. «Das Reisen hat uns verändert», sagt er. Früher hätten sie sich über alles informiert, sich für alles rückversichert. Heute würden sie sich einfach treiben lassen, ausprobieren, was ihnen gefällt. «Wir wissen nicht, was wir morgen tun, und geniessen es.» Dazu gehöre auch der Luxus, sich nicht um das Weltgeschehen zu kümmern. «Wenn man Medien konsumiert, muss man sich um Dinge wie Kriege, Bomben und Krankheiten kümmern. Solange ich nichts lese, bin ich frei davon.» Nur von drei Sachen hat die Familie seit ihrer Abreise erfahren: Vom Brexit, von Trump und von Portugal, das die Fussball-EM gewonnen hat.

Ballast abschütteln gilt auch für das Gepäck: Zwei Hosen und zwei kurze Hosen pro Kopf, ein paar T-Shirts, Socken, Unterhosen, eine dünne Jacke und eine gegen den Regen, dazu die Stofftiere und ein paar Spielsachen, mehr hat in den beiden Rucksäcken nicht Platz. 33 Kilogramm Gepäck insgesamt – so viel, wie locker auch für einen Wochenendausflug an Gepäck zusammenkommt, wenn man mit kleinen Kindern verreist. «Das geht prima», sagt Susanne Meier. Dreckige oder geflickte Kleider stören sie längst nicht mehr.

Zweisamkeit gibt es nicht

Es gibt sie doch auch, die schattigeren Seiten einer solchen Reise. «Freunde und Familie fehlen zeitweise», sagen die beiden. Weihnachten haben sie deshalb ausfallen lassen, den Kindern gar nicht erst davon erzählt. Und dann ist da die inexistente Zweisamkeit: «Die Kinder sind immer da, schlafen meist mit uns im gleichen Bett.» Meist gehen alle vier gleichzeitig in die Federn. «Mehr als eine Umarmung ist kaum drin. Da vermisst man es schon, auch mal einen Abend für sich zu haben.» Tauschen wollen die beiden aber auf keinen Fall. «Wir geniessen es jeden Tag, mit den Kindern aufzuwachen, mit ihnen zusammenzusein. Diese Nähe ist unbezahlbar, wir verpassen keine Minute.»

Die Rückkehr in den Alltag – die wird happig. «Jemals wieder in Hemd und Jeans zu schlüpfen, ist schwer vorstellbar», sagt Tobias Wullschleger. «Und die Rückkehr in den Aarauer Nebel erst recht.» Auswandern sei noch immer eine Option, so, wie es das schon vor der Reise war. Bloss hat sich der Entscheid für das Ziel deutlich erschwert. «Wir waren an so vielen, tollen Orten, an denen wir uns ein Leben vorstellen könnten, dass wir uns mit einer Entscheidung schwertun.»