Aarau/Deni Biram Ndao

Aargauer Ehepaar gründet Pflegefamilie in Senegal – mittlerweile sind sie Eltern von fünf Kindern

Vor fünf Jahren wanderten Claudio und Mirjam Steiner in den Senegal aus. Mit Unterstützung der christlichen Organisation Iris Global hat das Aarauer Paar zwei Häuser in der Nähe von Dakar gebaut, um verstossene Kinder und Babys aufzunehmen.

Jedes Kind verdient es, geliebt zu werden und in Würde und Sicherheit zu leben. Claudio und Mirjam Steiner, die in Aarau respektive Buchs aufgewachsen sind, haben diesen Grundsatz in die Tat umgesetzt: Im senegalesischen Dorf Deni Biram Ndao, 50 Kilometer von Dakar entfernt, haben sie Land gekauft und ein Zuhause gebaut für Babys und Kinder, die verstossen oder weggegeben wurden.

«2007 war ich als 23-Jähriger zum ersten Mal in Senegal und arbeitete bei meinem Onkel in einem Sozialprojekt», erzählt Claudio (35), der das Land und die Menschen «enorm zu lieben begann» und jedes Jahr dorthin zurückreiste. Er, der in der Wirtschaftswelt tätig war, verliess seinen Job, begann in Biel Theologie zu studieren und arbeitete in sozialen Bereichen im Töpferhaus und der Freien Christengemeinde Aarau.

Dort lernte er die Primarlehrerin Mirjam (34) kennen, die zuvor ebenfalls in Senegal in einem Projekt mit Alphabetisierung von Strassenmädchen tätig war. «Wir haben bald gemerkt, dass wir die gleichen Vorstellungen haben und dieselbe Berufung im Leben teilen», sagt Claudio. Das Paar heiratete 2011 und schnell wurde ihnen klar, wie sie ihre gemeinsame Zukunft gestalten wollten.

Wer in einer tiefen Beziehung zu Gott steht, könne seine Stimme hören, sagt Claudio. «Ich hatte eine Vision, in der ich sah, wie ich Kinder von der Strasse an einen sicheren, liebevollen Ort bringe.» 2015 wanderte das Paar nach Senegal aus, in den ersten acht Monaten lernten sie die lokale Sprache Wolof. Um zu verstehen, wie Zusammenleben und Erziehung dort funktionieren, wohnten sie bei einer polygam lebenden, muslimischen Familie – die Religion von 90 Prozent der Menschen in Senegal.

Grösste Herausforderung: Die Sicherheiten loslassen

Mit Unterstützung der christlichen Organisation Iris Global, die weltweit humanitäre Hilfe leistet, begannen sie dann unter dem Namen Iris Dakar die sogenannten Family-Homes aufzubauen: Zwei Häuser haben sie inzwischen gebaut, in einem wohnen Claudio und Mirjam mit ihren Pflege- und Adoptivkindern, im anderen eine senegalesische Pflegefamilie. «Wir sind kein Waisenhaus oder grosses Kinderzentrum. Bei uns geht es darum, dass jedes Kind in eine gesunde und stabile Familie kommen kann», sagt Claudio.

Fünf Kinder haben er und Mirjam bei sich aufgenommen: 2016 kam der heute 19-jährige Joseph zu ihnen und kurz danach der damals drei Tage alte Timo­thée (heute 3 Jahre alt). Heute leben noch Yaya (10), Fatoumata (5) und seit neuestem Abdou bei ihnen. Für ihre Arbeit sind sie von Spenden abhängig. «Wir hatten bisher aber immer genug», sagt Claudio respektive «Moussa», wie er in Senegal liebevoll genannt wird. Als grösste Herausforderung nennt er den Entscheid, all die Sicherheiten der Schweiz loszulassen. «Es war wie ein Glaubensschritt: Ich vertraue Gott mehr als den menschlichen Sicherheiten.» Weitere Herausforderungen kamen dann in Senegal hinzu. «Man lernt hier Geduld und Durchhaltevermögen.»

Ein- bis zweimal im Jahr reist das Paar für kurze Zeit nach Aarau, zuletzt waren sie im Januar zusammen mit dem kleinen Timo­thée hier, der die Schweiz erstmals kennen lernte. «Je länger wir weg sind, umso mehr fallen uns positive Dinge auf in Aarau», sagt Claudio. Die grüne Landschaft etwa sei im Kontrast zum sandigen Dakar «sofort wohltuend». Dazu komme das grosse Privileg der perfekten Organisation: Immer funktioniere alles. «In Aarau können wir an einem Morgen so viele Dinge erledigen», in Senegal hingegen müsste man sich schon beim Autofahren enorm konzentrieren und etwa Dinge berücksichtigen wie, ob der Lastwagen, der gerade hinter einem fährt, überhaupt bremsen kann oder nicht.

Auch in der Schweiz brauchen viele Menschen Hilfe

Was könnten reiche Länder machen, um die Welt zu verbessern? «Alle sollten die Augen öffnen und schauen, wer die Notleidenden um einen herum sind. Menschen, die Hilfe brauchen, sind oft sehr nahe», sagt Claudio. «In Senegal sind die körperlichen Leiden offensichtlicher, in der Schweiz sind es wohl eher innere, seelische Nöte wie Traurigkeit oder Sinnlosigkeit im Leben.»

Wir sollten ehrfürchtiger gegenüber Gott leben und dankbarer sein – und dies grosszügig weitergeben, uns Zeit nehmen, anderen zuzuhören. «Wenn alle das Prinzip der Bibel ‹Liebe deinen Nächsten wie dich selbst› umsetzen würde, dann würde es der Welt viel besser gehen.»

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