Wenn man steht beim Telefonieren, hat man mehr Saft. Das hatte ihr eine Kollegin geraten. Wenn man steht, wachsen die Haare auf den Zähnen, da wird man für den am anderen Ende der Leitung gross und mächtig. So mächtig, dass die Herrschaften in Indien ganz schön staunten, als sie Franziska Carnevale (35) zum ersten Mal in Fleisch und Blut vor sich sahen. «Sie haben mit einem Schlachtross gerechnet», sagt Carnevale, diese zarte Frau, und lacht lauthals. Doch den Respekt, den hatte sie sich verschafft, auf immer und ewig. Und aus den Unbekannten am anderen Ende der Telefonleitung und am anderen Ende der Welt sind Freunde und Nachbarn geworden.

Seit über vier Jahren lebt die Textildesignerin aus Küttigen in Indien. Sie bleibe nur bis Weihnachten, hatte sie ihren Eltern im April 2012 gesagt. «Nur zur Beruhigung der Gemüter», sagt Carnevale, schon nach zwei Monaten sei eigentlich klar gewesen, dass sie bleibe. Es war nicht die erste Reise nach Indien, als Produktmanagerin für die Schweizer Textilfirma Remei war sie viele Male quer durchs Land gereist. Aber es war die wohl die Reise, die ihr Leben am meisten veränderte.

«Dann platze ich fast vor Stolz»

Den Bekannten, Damian, den sie damals besuchen wollte, hat sie inzwischen geheiratet und zwei Kinder mit ihm. Gemeinsam führen sie in der 8-Millionen-Stadt Bangalore die Firma «beyond textiles» und das höchst erfolgreich. Sie verkaufen ihre Heimtextilien, Lederartikel und Bekleidung an grosse Namen wie Interio, Pfister, Globus, Zimtstern, Safari, Changemaker, Coop und Manor. «Wir haben eine kleine, feine Marktlücke gefunden», sagt Carnevale zu ihrem Erfolg: «Wir kennen den Geschmack der Schweizer.» Damit würden sich die Inder noch etwas schwertun. «Was ein Inder aussucht, ist immer sehr farbig.»

Obwohl oder gerade weil Damian und Franziska Carnevale in Indien produzieren, legen sie grossen Wert auf nachhaltige und ressourcenschonende Produktion. Es ist kein riesiger Betrieb, den sie führen. Da gibt es Sachbearbeiter, zwei Künstler, einen Ledermaster, Buchhalter und Qualitätskontrolleure. Und manchmal kommt für ein paar Tage eine ganze Horde Stickerinnen, die mit Franziska Carnevale im Atelier sitzt, von Hand stickt und es lustig hat.

Eine wunderbare Arbeit, sagt Carnevale. «Aber auch eine sehr intensive.» Die Verträge mit den grossen Namen fliegen einem nicht zu, sie sind hart verdient. «Man wirft alles in die Waagschale, kann keine halben Dinge machen. Und Klinkenputzen gehört dazu.» Und doch ist das alles vergessen, wenn sie ihre Artikel in den Katalogen sieht. Oder wenn sie bei einem Besuch in der Stube ein von ihr designtes Kissen auf dem Sofa entdeckt oder ein Küchentüechli am Haken hängt. «Dann platze ich fast vor Stolz.»

Franziska Carnevale entwickelt ständig neue Prints. «Ich arbeite viel mit Wasserfarben und lasse mich von Blumen oder Mustern inspirieren, die ich neu zusammensetze.» Neben der Arbeit für «beyond textiles» hat sie seit 2010 aber noch ihr eigenes Ding, ihr Herzblut-Projekt: das Label «Lili Pepper». «Ich arbeite so viel für andere, da muss ich mir manchmal die Zeit nehmen, etwas nur für mich zu machen.» Etwas für sich, das sind handgemachte Stücke; Ledertäschchen, Portemonnaies, Halstücher, Körbe und Necessaires zum Beispiel. Hübsche, kleine Herzensangelegenheiten eben, alle mit Liebe zum Detail und von Hand gefertigt. Bei ihrem Label kann sie sich austoben, hier muss sie keine Vorgaben erfüllen und keinen Kunden überzeugen – mit Ausnahme von sich selbst. «Das macht es nicht immer einfacher», sagt sie und lacht. «Ich bin eine Perfektionistin.»

An Käse denkt sie nicht

Zwei Mal im Jahr kommt die Familie Carnevale in die Schweiz, besucht Familie, Freunde, Bekannte und Kunden. «Ich geniesse das extrem», sagt Franziska Carnevale. Nicht nur die Besuche, sondern auch die Stille, die Gelassenheit, die saubere Luft. Und dass man Wasser vom Hahnen trinken kann, dass die Leute beim Anstehen einem nicht auf die Fersen trampen. «Ich mag das indische Gewusel, diese Nähe. Aber ich mag auch das schweizerische Gegenteil.» Sie geniesse einfach das, was ihr gerade zur Verfügung stehe. Also kein Käse in Indien? Sie schüttelt den Kopf. «Bei 40 Grad Celsius denkt man beim besten Willen nicht an Raclette.»