Herr Hilfiker, Politiker sprechen gerne über ihre Erfolge. Was war der grösste in Ihrem ersten Amtsjahr?

Hanspeter Hilfiker: Gesamtpolitisch war sicher am wichtigsten, dass wir die neue Bau- und Nutzungsordnung (BNO) durch den Einwohnerrat brachten und es anschliessend kein Referendum gab.

Und?

Dass die Reithalle im Juni in der Volksabstimmung durchgekommen ist. Bedeutend war sicher auch, dass es gelungen ist die neue Kreisschule Aarau-Buchs ohne grössere Probleme zu lancieren. Und natürlich die Eröffnungen des neuen Swissgrid-Hauptsitzes, der Bahnhof-Erweiterung oder des Aeschbach-Areals. Diese neuen Areale und Nutzungen sind gegen innen und gegen aussen wichtig.

Was ist mit dem Stadion?

Da sind wir nun auf einem guten Weg. Die Vorverträge sind unterschrieben. Wir sind im Zeitplan – auch wenn es bei der Abstimmung gewisse Verzögerungen gibt.

Wann haben Sie so richtig verflucht, dass Sie Stadtpräsident geworden sind?

Eigentlich nie. Ab und zu gibt es etwas Gefrotzel, aber richtig negative Erfahrungen habe ich keine gemacht.

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen?

Im Grossen und Ganzen haben wir gegenwärtig eine relativ entspannte Situation. Wir haben keine ganz heissen Themen. Aber wir haben pendente Geschäfte, die umstritten sind: etwa das Kinderbetreuungsregelement oder das Verfahren mit den Nachtwachen in den Altersheimen.

Es muss Sie richtig genervt haben, als der Einwohnerrat am Montag das Kinderbetreuungsreglement an den Stadtrat zurückgewiesen hat.

Ich finde es einfach schade. Es gab eine lange Vorbereitungszeit, wir haben alle involviert. Und dann wurde aus heiterem Himmel zwölf Stunden vor der Sitzung ein Rückweisungsantrag eingebracht.

Welches Thema hat am meisten Bürgerreaktionen hervorgerufen?

Im Fall der Keba-Bussen bekam ich viele Reaktionen – vorwiegend unterstützende. Immer wieder für grosses Echo sorgt das Stadion.

Wie nehmen Sie die Stimmung bezüglich Stadion wahr?

Man spürt die Vorbehalte gegenüber Hochhäusern und Investoren. Aber es gibt eine breite, im Grundsatz positive Unterstützung – die ist immer auch abhängig vom sportlichen Erfolg des FCA.

Spüren Sie eigentlich, dass Sie im Stadtrat als Bürgerlicher in der Minderheit sind?

Bürgerlich oder nicht – das ist kaum ein Thema. Ich bin froh, dass wir ein gutes Gremium haben mit sieben Personen, die sachlich politisieren. Wir haben keinen Dogmatiker. Ich denke, deshalb macht der Stadtrat gegen aussen auch einen geschlossenen Eindruck.

Das Regieren ist einfacher als auch schon, weil sich die Stadt finanziell erholt hat.

Bei dauernden Sparprogrammen verhärten sich die Fronten. Heute ist den Meisten klar, dass man nicht nur sparen kann. Gleichzeitig müssen wir aufmerksam bleiben, und dürfen keine grossen Löcher produzieren.

2018 war das Jahr des City Märt. Haben Sie dessen Revitalisierung in diesem Ausmass erwartet?

Nein, wir freuen uns, dass viele stark investiert haben. Wir streben beim Detailhandel ein Angebot an, dass sich positiv weiterentwickelt. Leerstände gilt es zu verhindern. Da läuft es für Aarau im Moment gut. Wir haben eine tolle Kombination aus Detailhandel, Gastrobetrieben, Kultureinrichtungen, und einer attraktiven Altstadt.

Welches Geschäft hätten Sie am liebsten noch in Aarau?

Wir wünschen uns qualitativ hochstehende Anbieter sowie Frequenzbringer. Vor 15 Jahren wünschte sich die Bevölkerung in einer Umfrage den H&M. Den haben wir heute in der Telli. Jetzt wären kleinere Formate von bekannten Marken gut: etwa ein Zara Home oder ein Innenstadt-Ikea.

Warum nicht Zara selber?

Die Flächenbedürfnisse der grossen Ketten sind erheblich. In der Innenstadt sehe ich gegenwärtig kaum eine Option; aber man weiss nie.

Am Montag war im Rahmen einer Bürgermotion im Einwohnerrat der Veloverkehr ein Thema. Stossrichtung: Es sei eine Katastrophe in Aarau. Wo klemmt es am meisten?

Sicher noch nicht optimal ist die Veloverbindung vom Bahnhof nach Rohr. Da gibt es sichtbare Lücken.

Und?

Verbesserungspotenzial gibt es überall bei der Querung der grossen Achsen.

Wieder im Gespräch ist auch der Bus in der Altstadt.

Richtig, im Einwohnerrat ist ein neuer Vorstoss zum Bus in der Altstadt eingegangen. Wir werden die Situation gewissenhaft prüfen. – Ich gehe davon aus, dass viele Rahmenbedingungen gleich geblieben sind: Für den Bus ist die Erreichbarkeit des Bahnhofs zentral. In Stosszeiten haben wir etwa in der Mühlemattstrasse einen Engpass: Da bringen wir den privaten und den öffentlichen Verkehr nicht aneinander vorbei. Ich bin auf die neuen Erkenntnisse gespannt.

Aarau ist die Stadt der Einsprecher. Konnte das Baubewilligungsverfahren für die Alte Reithalle deblockiert werden?

Das Bauamt wird in den nächsten Wochen Gespräche mit den beiden Einsprechern führen. Ich gehe davon aus, dass wir mit der Behindertenorganisation eine Lösung finden werden. Bei der zweiten Einwendung eines Anwohners hoffe ich, dass uns das Lärmgutachten, das wir in Auftrag gegeben haben, weiterbringt.

Also gehen Sie immer noch von einem Baubeginn im Frühsommer aus?

Damit wir die drei Millionen der Kantonalbank bekommen, müssen wir spätestens Ende Jahr mit dem Bau begonnen haben.

Die vielen Tiefbaustellen nerven. 2019 geht es mit dem Bau der Fernwärme weiter. Zudem wird in der meistbegangenen Strasse, der Igelweid, die Kanalisation saniert. Warum schafft es der Stadtrat nicht, dass es mit all diese Baustellen schneller vorwärtsgeht?

Die Stadt selber ist nur für einen Teil der Baustellen zuständig. Die Eniwa baut das Wärme/Kälte-Netz selbstständig, erhält von der Stadt aber die Aufbruchbewilligungen. Es ist schon so: Die Behinderungen regen die Leute auf. In der Telli und im Gönhardquartier sind nun wichtige Abschnitte geschafft. Und man sieht, dass wir das Strassennetz sehr gut unterhalten.

Wie geht es weiter?

In der Innenstadt haben wir zwei Bereiche, in denen wie in den nächsten Jahren arbeiten müssen: die Vordere Vorstadt und die Igelweid. Diese Strassen sind in die Jahre gekommen und müssen nach 30 Jahren aufgefrischt werden. Im Fall der Igelweid ergänzen wir mit unserem Projekt die Investitionen, die die Detaillisten getätigt haben.

Die Tellistrasse haben Sie nicht erwähnt.

Das ist ein grosses Projekt über mehrere Jahre. Wir haben entschieden, welche Variante weiterbearbeitet werden soll und diese in den Finanzplan aufgenommen. Es geht um den ganzen Strassenverlauf zwischen den Kreiseln Staffeleggzubringer und Tellirain. Diese wichtige Gemeindestrasse ist schon heute stark belastet; durch Neubauprojekte dürfte der Verkehr weiter wachsen; da müssen wir aufmerksam bleiben.

Sie sind seit einem halben Jahr Verwaltungsrat der Eniwa: Die leerstehenden Büroflächen im Neubau an der Industriestrasse und der weitestgehend leerstehende Hauptsitz an der Oberen Vorstadt müssen Sie mächtig ärgern.

Die Angebotssituation bei Büroflächen hat sich stark verändert. Da ist man bei den Neubauprojekten von anderen Möglichkeiten ausgegangen. Wir haben heute eher zu viele Flächen – und bis es Lösungen gibt, dauert es länger als erhofft.

Sind welche in Sicht?

Wir sind schon länger mit dem Kanton im Gespräch. In das ehemalige Hauptgebäude an der Oberen Vorstadt könnten die Gerichte und weitere Ämter einziehen. Das würde das Gebäude füllen und es wäre sinnvoll, weil in unmittelbarer Nachbarschaft beispielsweise das Obergericht ist. Im kommenden Jahr erwarten wir wichtige Schritte zu diesen Geschäften. Klar ist, dass die Eniwa das Gebäude vermieten und nicht verkaufen will. Und dass ein Umbau notwendig werden wird – auch wenn das Haus gut erhalten ist.

Wird die Kantonspolizei an der Laurenzenvorstadt bleiben?

Die Kantonspolizei wird wohl ausziehen, wenn der Neubau in der Telli realisiert ist, das dauert aber noch eine Weile.

Und was passiert mit den Häusern an der Kasinostrasse und der Laurenzenvorstadt?

Beide gehören der Stadt und liegen in einem attraktiven Gebiet. Da eröffnen sich uns neue Chancen.

Wie steht es mit der Vermietung des stadteigenen Gebäudes an der Heinerich-Wirri-Strasse (ex GastroSocial)?

Da fehlt uns Mietertrag. Aber es geht vorwärts. Nach einem kleineren Umbau werden die zusammengelegten Informatikabteilungen von Aarau und Baden einziehen. Zusätzlich sind der Gönhort und das Stadtarchiv dort untergebracht. Es bleiben dann noch zwei Stockwerke, für die wir zwei Optionen haben: eine private Vermietung oder die Unterbringung des Schulsekretariats der Kreisschule – in welcher Grösse auch immer.

Nach dem völligen Neubeginn des Planungsverfahrens wollte die Eniwa das zweite Baugesuch für ein neues Kraftwerk noch dieses Jahr einreichen. Das ist nicht passiert. Wo klemmt es?

Eniwa ist mit einer sehr anspruchsvollen Strompreis-Entwicklung konfrontiert. Dem Verwaltungsrat sind genaue Kosten-Nutzen-Abklärungen und eine solide Finanzierung wichtig, sonst verlieren wir später mit jeder Kilowattstunde Strom Geld. Erfreulich ist, dass der Bund Mittel für die Erneuerung von Kraftwerken in Aussicht gestellt hat. Da haben wir einen Antrag gestellt.

Und wo steht das Projekt selber?

Es wurde bereits öffentlich vorgestellt, dass es eine neue Kraftwerk Variante mit einer tieferen Silhouette gibt. Das bestehende Gebäude und das Türmli sollen verschwinden. Wir werden neben der finanziellen auch die optische Situation beurteilen müssen. Eine Lösung wie beim Rüchlig-Neubau wäre in der prominenten Lage des Eniwa-Kraftwerks wohl Kritik ausgesetzt. Da sind weitere Abklärungen nötig.

Sprechen wir von der Keba. Dieses Projekt ist nach Ihrer Verurteilung zu einer Busse von 2000 Franken definitiv ein Tolggen in Ihrem Reinheft. Zahlen Sie die Busse selber?

Ich habe sie schon bezahlt. Bei der Keba ist Verschiedenes schiefgelaufen, die Sache ist für mich jetzt aber erledigt.

Sie bereuen nach wie vor nicht, dass man die Keba eröffnet hat?

Mit der Nichtinbetriebnahme hätten wir zum damaligen Zeitpunkt die Vereine und Schulen vor unüberwindbare Probleme gestellt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Sonderbewilligung kommt – das hat leider nicht funktioniert. Klar bleibt: Es darf nicht mehr zu einer solchen Situation kommen.

Im Moment wird die Keba auf der Basis einer provisorischen Bewilligung betrieben. Geplant war, dass der Gemeinderat der Standortgemeinde Suhr bis Ende Jahr in erster Instanz die definitive Betriebsbewilligung erteilt. Dem Vernehmen nach gibt es Probleme mit dem Lärmgutachten.

Der Gemeinderat Suhr will wohl sicher gehen, dass keine Angriffsflächen bestehen. Wir müssen an weiteren Punkten Messungen durchführen. Dafür haben wir nun eine Frist bis im Februar. Es dürfte Frühling werden, bis wir einen erstinstanzlichen Entscheid haben. Das Gesuch ist im April 2018 eingereicht worden. Theoretisch könnte die Übergangsbewilligung jahrelang weitergeführt werden.

Aber mit einer Einschränkung der Betriebszeiten ...

... ja, wir haben heute weniger, als wir vor der Sanierung hatten. Die Konsequenz wird sein, dass für die Gemeinden höhere Kosten entstehen, weil die Anlagen nicht optimal genutzt werden können.

Stimmt es, dass die Kältesteuerung der Keba wegen zu grossen Stromverbrauchs neu programmiert werden?

Eine neue Anlage muss immer feinjustiert werden. Wir hatten einen deutlich höheren Stromverbrauch als geplant. Nachdem wir die Klimaanlage-Lüftung im Griff haben, braucht es jetzt noch Verbesserungen bei der Kälteanlage. Weil die technischen Sanierungsmassnahmen noch nicht abgeschlossen sind, liegt auch die Kreditabrechnung noch nicht vor. Wir haben uns aber das Ziel gesetzt, die Abrechnung bis Ende 2019 zu erledigen.

Glauben Sie noch daran, dass der Kredit eingehalten werden kann?

Wir werden wegen der Rechtsverfahren, die alle über den Projektkredit abgerechnet werden, sicher eine leichte Überschreitung haben. Wir liegen im Moment bei einem Plus von ein bis zwei Prozent.

Auf was freuen Sie sich als Stadtpräsident im 2019 am meisten?

Das Eidgenössische Turnfest wird für Aarau eine grosse Kiste – grösser als alle Eidgenössischen, die wir in den letzten Jahren hatten. Daneben wird der Start des Neubaus der Kettenbrücke sicher wichtig sein. Vorerst wird die provisorische Ersatzbrücke erstellt. Und dann hoffe ich, dass der Spatenstich für die Reithalle stattfinden kann.

Und der Zukunftsraum?

Da stehen wir vor einem bedeutenden Zwischenjahr. Wir erwarten die Ergebnisse der Fachgruppen, die dann mit der Bevölkerung diskutiert werden sollen. Ich bin gespannt darauf, was, Buchs im Februar entscheiden wird: Persönlich hoffe ich, dass sie in die Abklärungen miteinsteigen. Buchs ist für die Region und für den Zukunftsraum eine wichtige Gemeinde.