Fast 120 Jahre alt
Aaraus alte Bahnhofsuhr ist noch immer im Exil – aber wenigstens zurück im Aargau

Viele Aarauer wollten beim Abbruch der Bahnhofsanlage, dass die Bahnhofsuhr erhalten bleibt. Ein Plätzchen hat sie gefunden, wenn auch nicht in der Kantonshauptstadt.

Hermann Rauber
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So haben viele Aarauer die alte Bahnhofsuhr in Erinnerung. Sie wurde 2008 entfernt, ist heute in Windisch eingelagert und funktioniert noch.archivRaphael Hünerfauth

So haben viele Aarauer die alte Bahnhofsuhr in Erinnerung. Sie wurde 2008 entfernt, ist heute in Windisch eingelagert und funktioniert noch.archivRaphael Hünerfauth

Raphael Hünerfauth

Vor elf Jahren, im Frühling 2008, begann der Abbruch der historischen Aarauer Bahnhofsanlage, um einem Neubau Platz zu machen. Die Aufregung hielt sich in Grenzen, die Vorfreude auf einen modernen «Zugsterminal» überwog sentimentale Wehmut bei weitem.

Mit einer Ausnahme: Das Verschwinden der alten Bahnhofsuhr an der Nordfassade bewegte die Volksseele, unter Federführung der einstigen «Buffet»-Wirtin Erika Pauli baten etliche Zeitgenossen den Aarauer Stadtrat, das gute Stück als Erinnerung an frühere Zeiten «der Nachwelt zu erhalten, allenfalls in den neuen Bahnhof zu integrieren oder an einem andern Ort wieder aufzustellen», ohne Erfolg.

Aus einer Schuttmulde geklaut

Der Zeitmesser muss kurz nach der Betriebsaufnahme der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) anno 1900 montiert worden sein und diente sowohl den Zugreisenden als auch den Passanten auf dem Bahnhofplatz. Das Zifferblatt mit römischen Zahlen wurde einst von löwenköpfigen, geflügelten Chimären mit Drachenschwänzen stilvoll beschützt, bevor die steinerne Garnitur dem Abbruchhammer «aus Kostengründen» zum Opfer fiel. Die somit nackte Uhr geriet im Juli 2008 beim Rückbau des alten Aufnahmegebäudes noch einmal in die Schlagzeilen, wurde sie doch aus einer Schuttmulde bei Nacht und Nebel gestohlen, nach drei Tagen und nach einer Strafanzeige der SBB gegen Unbekannt aber am gleichen Ort wieder unversehrt deponiert.

Vorübergehend in Erstfeld

Weil die Stadt keine Anstalten machte, den Zeugen der Bahngeschichte in Aarau zu halten, landete dieser vorerst bei der Fachstelle für Denkmalpflege der SBB im Eisenbahnerdorf Erstfeld. Dort verstaubte die Uhr mit einem Durchmesser von 106 Zentimetern zusammen mit ein paar anderen Reminiszenzen des alten Aarauer Bahnhofs, unter anderem ein Tisch und zwei Stühle aus dem ehemaligen «Buffet».

2016 war das Innerschweizer Exil beendet, wurde doch die Sammlung in Erstfeld aufgelöst und in die Stiftung Historisches Erbe der SBB (SBB Historic) überführt. Die alte Aarauer Bahnhofsuhr ist damit wieder in den Aargau zurückgekehrt, allerdings nicht in die Kantonshauptstadt, sondern nach Windisch. Dort hat sie an der Lagerstrasse im Magazin von SBB Historic eine neue Bleibe gefunden. Diese Sammlung ist laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Andrea Kuratli «leider nicht frei zugänglich, wir bieten aber private Führungen an», mit einer vorgängigen Terminabsprache.

Eine Dauerleihgabe?

Als die Wogen bei der Demontage des über hundert Jahre alten Zeitmessers im Sommer 2008 hochgingen, beruhigte der damalige Stadtbaumeister Felix Fuchs die Gemüter mit der Versicherung «Die alte Bahnhofsuhr ist nicht vergessen». Passiert ist seitdem nichts, eine allfällige Rückführung dürfte auch nicht ganz einfach sein. «Wir können keine Objekte aus unserer Sammlung herauslösen», erklärt Andrea Kuratli von SBB Historic.

Anbieten könne sie mindestens, die alte Bahnhofsuhr «als Leihgabe abzugeben, zum Beispiel an das Stadtmuseum». Dieses Vorgehen sei sowohl für die Dauer einer Ausstellung, aber auch auf längere Sicht möglich. «Dauer»-Leihgaben regle man normalerweise auf fünf Jahre hinaus, mit Option auf Verlängerung. SBB Historic jedenfalls bezeichnet in ihrem Inventar die alte Aarauer Bahnhofsuhr als «funktionsfähig» und deren Erhaltungszustand als «einwandfrei».

Der Bahnhof Aarau in Bildern:

Der Bahnhof Aarau.
10 Bilder
Ein Hingucker: Die Uhr am Bahnhof Aarau ist die zweitgrösste Uhr in ganz Europa.
Das Dach über dem Aarauer Bahnhofplatz ist ebenfalls ein Hingucker.
Das Luftkissendach über dem Bushof wird «Wolke» genannt und wurde mit dem «Award 2014 für Marketing und Architektur» prämiert.
Die Tulpensitze am Aarauer Bahnhof sind Kult, sollen aber wieder abgeschafft werden.
Der Neubau Gebäude Bahnhof Aarau Ost wurde 2017 bis 2018 erstellt.
Der Aarauer Bahnhof bei Nacht.
Eine mobile Brandschutzwand im Bahnhof Aarau, die bei einem Brandalarm ausgefahren wird – in diesem Fall war es ein Fehlalarm.
Auch einige Überwachungskameras befinden sich am Bahnhof Aarau. Die Aarauer haben sich schon seit Jahren daran gewöhnt.
So sah der Bahnhof Aarau vor fast 100 Jahren aus – die Postkarte stammt von zirka 1925.

Der Bahnhof Aarau.

Annika Buetschi / AZ