Um sechs Uhr in der Früh knallt es. Markus Eichenberger fasst sich an die Brust und malt sich im Geiste die Schlagzeile aus, «Fotograf mit Hirsch verwechselt – erschossen». Doch da tut nichts weh. Die Kugel hat nicht ihn getroffen, sondern den liebestollen Hirschen, der die Nacht hindurch so inbrünstig geröhrt hat, dass es Eichenberger die Haare aufstellte. Und so sacken im Morgengrauen beide ins feuchte Laub, Eichenberger vor Erleichterung, der Hirsch zum Sterben. So viel Aufregung für einen siebenminütigen Film – nicht etwa über die Jagd, sondern über Sterne.

Markus Eichenberger (46) ist Fotograf und Filmemacher. Mit Langzeitbelichtung oder Zeitraffer hält er fest, wie das Firmament über unsere Köpfe zieht. Dafür muss er da hin, wo es dunkel ist, wo keine Lichtverschmutzung das Bild erhellt. Am besten bei Neumond. Hoch hinauf, auf die schönsten und einsamsten Gipfel, nächtelang bei Minustemperaturen. Oder in die abgelegensten Wälder, wo man – wenns blöd läuft – zwischen Flinte und Hirsch gerät. «Wer als Fotograf überleben will, muss Ungewöhnliches machen», sagt Eichenberger. Das zahlt sich aus: In der Schweiz kennen ihn wenige. Doch an internationalen Filmfestspielen hat er in den letzten Monaten einen Preis nach dem andern gesammelt.

Goldene Figuren auf dem Ofen

In seiner Wohnung in der Aarauer Altstadt stehen die sechs goldenen Figuren auf dem Sims des Kachelofens, dazu zwei Diplome. Sie kommen aus Vancouver, Toronto Auckland, Atlanta, Hollywood, London, Mumbai und Houston. Das alles ging ohne Schaulaufen auf dem roten Teppich, ohne Frack und Fliege über die Bühne. Gebracht hat sie der Paketbote. Ausser die letzte, die kleine goldene Sphinx. Die hat Eichenberger im Juli selber in Wien abgeholt. Ohne Fliege. «Für Wien hat das Geld gereicht», sagt er und lacht.

Der Fotograf Markus Eichenberger macht Timelaps-Aufnahmen und 360-Grad-Panoramen mit mit Fisheye-Objektiv an Fullframe-DSLR und Nodalpunkt-Adapter (Panoramakopf).

Markus Eichenberger

Der Fotograf Markus Eichenberger macht Timelaps-Aufnahmen und 360-Grad-Panoramen mit mit Fisheye-Objektiv an Fullframe-DSLR und Nodalpunkt-Adapter (Panoramakopf).

Eichenberger ist ein Globetrotter. Über 80 Länder hat er schon bereist, hat sieben Jahre in Asien gelebt, zwei Jahre in London, dann drei Jahre in Barcelona. Bis letzten November. Bis er nach über 30 Jahren wieder einmal nach Aarau kam und erstaunt war, wie schön die Stadt geworden ist.

Die ersten Lebensjahre verbringt Markus Eichenberger im solothurnischen Erlinsbach, seine Mutter führt den Coiffeursalon neben dem «Hirschen». Mit sechs zieht er mit den Eltern nach Wangen bei Olten, geht dort zur Schule. Danach weiss er nicht, was er werden soll. Zahnärzte und Finänzler brauche es immer, rät ihm der Vater, und gut Geld machen lasse sich damit auch. Also wird er Banker, arbeitet in Zürich am Finanzmarkt, zwölf Stunden am Tag, zwei Jahre lang, bis er mit 26 Jahren wohl das hat, was sich heute Burnout nennt. Er lässt sich die Überstunden auszahlen und fliegt nach Kapstadt. Das Geld reicht für einen Rucksack und 15 Monate Reisen. Als das Geld alle ist, steht er in Nepal. Eichenberger fliegt zurück nach Zürich, zieht sich seinen Anzug an und geht zurück an die Börse.

Markus Eichenberger: Demo Reel 2

Doch da bleibt er nicht lange. Zürich langweilt ihn. «Ich wollte nach Asien. Also habe ich meinen Koffer gepackt, mich abgemeldet und bin mit einer Adresse im Sack nach Hongkong geflogen.» Und in Asien bleibt er, arbeitet und lebt in Peking, Südkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur. Per Zufall bekommt er 2008 den Auftrag, die 31 Stadien für die Olympischen Sommerspiele in Peking zu fotografieren. Er, der keinen Fotokurs besucht, sich alles selber erarbeitet und beigebracht hat.

Gezögert trotz Ritterschlag

Die Bilder werden in der chinesischen «Sports Illustrated» als Sonderdruck veröffentlicht. Ein Ritterschlag für einen Fotografen. Doch Markus Eichenberger wartet weitere sechs Jahre, bis er den sicheren Banken-Job kündigt und hauptberuflich auf die Fotografie setzt. «Das Geschäft ist heftig, der Wettbewerb gross», sagt er. «Das braucht schon Biss, Mut und Ideen.» Um Pinguine in der Antarktis fotografieren zu können, verkauft er sein Auto. Um die Fotografie zu vertiefen und der tieferen Lebenskosten wegen lebt er in Spanien.

Die Bilder verkauft er an Magazine und Agenturen, er hält Vorträge. Seit Mai ist Eichenberger Partnerfotograf der Bildagentur Keystone, er arbeitet für verschiedene Auftraggeber aus der Schweizer Tourismusszene, beschäftigt sich mit einer Hommage an den verstorbenen Oltner Grafiker Hans Peter Zünd und plant für Januar eine Ausstellung im Restaurant Einstein in Aarau. Dazu kommen die Sternfotografie-Workshops und Zeitraffer-Kurse, die er anbietet. Rund 100 Personen hat er schon mit hoch in die Aletsch-Arena genommen.

Markus Eichenberger: Mystic Jungfraujoch - Top of Europe

Oft ist er dort oben auch allein. Unter sich die Berge, über sich die Sterne. Mit drei Kameras, die er alle zwei bis drei Stunden neu ausrichtet, mit Kopfweh von der Höhe und gefrorenen Zehen. Aber mit einer Ruhe, einer Kraft, die ihm sonst nichts geben kann. Selbst nach fünf Jahren und unzähligen durchschlotterten Nächten ist es ihm noch nicht verleidet. «Da oben fühle ich mich klein und doch als Teil eines grossen Ganzen. Ein unbeschreibliches Gefühl, wie nicht von dieser Welt.»

Und doch freut er sich jeweils die ganze kalte Nacht hindurch auf etwas durch und durch Weltliches: auf Kaffee und Gipfeli im Bergrestaurant. Er, verschwitzt und müde zwischen den ausgeschlafenen Gästen. «Und mit der Gewissheit, dass ich ihnen mit meinen Bildern das zeigen kann, wofür sie vor lauter Hektik kein Auge mehr haben.»