Nach alle den Rückschlägen in den letzten Jahren braucht es viel Goodwill, um den Optimismus des Aarauer Stadtrates zu teilen. Heute Abend werden sich die Fraktionen mit dem schwierigsten Geschäft der Sitzung vom kommenden Montag befassen: dem Zusatzkredit von 2,7 Millionen Franken für die Sanierung der Liegenschaft Heinerich-Wirri-Strasse 3 (steht zu mehr als der Hälfte leer).

Bisher ist wenig über die Haltung der Parlamentarier durchgesickert: Werden die Bürgerlichen weiteren Millionen für das scheinbare Fass ohne Boden zustimmen? Genehmigen die Links-Grünen 452 000 Franken für den Einbau einer Komfortlüftung in das Gebäude aus dem Jahr 1964? Der Handlungsspielraum des Einwohnerrats ist klein – auch weil zuletzt weitere Sachzwänge geschaffen wurden. Zum Beispiel, indem man das mit Abstand kostbarste Geschoss, das Erdgeschoss, der Informatikzusammenarbeit Aarau Baden (IZAB) zur Verfügung stellte, ohne Vorstellungen zu haben, wie die darüber liegenden Etagen genutzt werden.

Keine Due Diligence gemacht

Im Umgang mit der Liegenschaft Heinerich-Wirri-Strasse 3 waren die Verantwortlichen immer wieder auf einem Auge blind. Der Kauf der Liegenschaft ist auf Antrag des Stadtrates 2011 von den Stimmbürgern genehmigt worden. In der Einwohnerratsvorlage hatte es unter anderem geheissen, mit dem Erwerb könne die Stadt «einen bedeutsamen Arbeitgeber halten». Sprich: Die 7,9 Millionen Franken wurden unter anderem genehmigt, damit Gastro Social (ehemals Wirtepensionskasse) nicht wegzieht. Aufhorchen lässt eine Passage in der aktuellen Botschaft an den Einwohnerrat: «Beim Erwerb der Liegenschaft Heinerich-Wirri-Strasse 3 wurde keine Due-Diligence-Analyse durchgeführt. Damit konnten nicht alle Risiken aufgedeckt werden, welche auf die Einwohnergemeinde zukommen.» Sprich: Man hat die Katze im Sack gekauft. Vielleicht hat man deshalb auch die Bedeutung einer teilweisen Klimatisierung nicht erkannt: «Aus Mietersicht ist die Lüftung ein ‹Killerkriterium› beim Mietentscheid», schreibt der Stadtrat heute. Experten wissen, dass es ausserordentlich anspruchsvoll ist, in einem über 50-jährigen Gebäude eine Komfortlüftung einzubauen.

Rückblickend zweifelhaft ist auch ein im Winter 2017 gefällte Entscheid: Man verzichtete auf die die Verlegung von einigen Verwaltungsabteilungen an die Heinerich-Wirri-Strasse 3. Stadtpolizei (Stapo), Sozial- und Steueramt sind heute in der Hauptpost an der Bahnhofstrasse (teuer) eingemietet. Als Stapo-Sitz wäre die Heinerich-Wirri-Strasse 3 etwa wegen der guten verkehrsmässigen Lage und dem Vorhandensein eines Parkhauses (75 Abstellplätze) gut geeignet. Die Ablehnung des Verwaltungsumzugs wurde unter anderem damit begründet, dass Investitionskosten von bis zu 5,35 Millionen Franken entstanden wären. Mit dem jetzt eingeschlagenen Weg wird die Sanierung der Heinerich-Wirri-Strasse 3 die Stadt auch 4,18 Millionen Franken kosten (zusätzlich zum Kaufpreis von 7,3 Millionen Franken).

Halbe Million Mieteinnahmen?

In der Botschaft an den Einwohnerrat gibt sich der Stadtrat optimistisch, dass das Gebäude nach der Sanierung wird vermietet werden können. Aktuell seien rund 60 Prozent vermietet – inklusive der Zusagen eines Privatschule und eines Treuhandbüros für Teilfläche im 2. Obergeschoss. Nicht mehr die Rede ist von einer Einquartierung der Geschäftsstelle der Kreisschule Aarau-Buchs, die bis zum Stopp durch den Kreisschulrat die ganze dritte Etage mieten wollte.

In der Botschaft für den 2,7-Mio.-Kredit schreibt der Stadtrat: «Mit der durchgängigen Anpassung an die Mehrmieterfähigkeit und abschliessenden Umsetzung des Grund- und Mieterausbaus ist das Gebäude wieder komplett marktfähig. Alle Mietflächen sind vermietbar und bezugsbereit.» Und: «Die Abteilung Liegenschaften und Betriebe rechnet mit einem realistischen (real case) Brutto-Mietertrag bei 5% Leerstand von 522 500 bis 570 000 Franken.»

Übrigens: Wer auf der städtischen Homepage den Mietpreis pro Quadratmeter (letzte bekannte Zahl: vergleichsweise hohe 190 Fr.) sucht, stösst auf folgenden Eintrag: «Das Geschäftshaus Heinerich-Wirri-Strasse 3 befindet sich in gutem baulichem Zustand und eignet sich für diverse Dienstleistungsnutzungen.»