H. Rüetschi AG
Aarauer Glockengiesser schreiben seit 650 Jahren Geschichte: «Unsere Giesserei gehört in die Stadt»

Die «H. Rüetschi AG» aus Aarau ist der Inbegriff für Glockenguss. Von Glocken alleine kann die Firma am Rain aber nicht mehr leben.

Katja Schlegel
Drucken
Jari Putignano und René Spielmann (r.) haben die «Rüetschi» umgekrempelt.

Jari Putignano und René Spielmann (r.) haben die «Rüetschi» umgekrempelt.

Sandra Ardizzone

Hinten in der Halle steht ein Korpus in einem langen Gewand, gut vier Meter hoch, mit Seilen zusammengeschnürt, ohne Kopf. Rund um den Körper stehen niedrige Podeste aus Backsteinen, auf Werkbänken stehen kleinere Glocken im Rohguss, den Wänden entlang ziehen sich Stahlträger, alles überzogen mit einer Patina aus Staub und Sand.

In der Kunstgiesserei laufen Öfen heiss. Glocken werden selten gegossen.

In der Kunstgiesserei laufen Öfen heiss. Glocken werden selten gegossen.

Sandra Ardizzone

Das ist sie, die Glockengiesserei der H. Rüetschi AG. Hier drin ist es kalt, eiskalt. Wohlig warm ist es in der Halle nebenan, in der Kunstgiesserei. Über 1000 Grad Celsius ist die Legierung heiss, welche die Giesser gerade in die Formen fliessen lassen. Eiskalt und heiss – das ist sinnbildlich.

Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Die Belegschaft der Rüetschi liefert 1923 Glocken nach Appenzell.
20 Bilder
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Aufnahme aus den Sechzigerjahren: Pietro am Schleifen.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Zwei Generationen, Joseph Spielmann (vorne) Gerhard Spielmann.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Blick in die Giesshalle 1927.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Stimmen der Glocke mit der Stimmgabel.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Giessereimeister und Betriebsleiter Gerhard Spielmann in den Siebzigerjahren.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Guss einer grossen Glocke in der Grube.
Rüetschi Aarau Impressionen aus dem heutigen Betrieb.
Rüetschi Aarau Heute werden in Aarau hauptsächlich Kunstgusse gemacht.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Direktor Dr. Peter Amsler beim Guss.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Das technische Hirn Albert Isler 1962.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Fabrikation von Glocken, Stahlbau Herstellung von Glockenstühlen und mechanische Ausrüstungsteile Wetzikon, St. Peter und Paul Zürich, St. Gallen Linsenbühl.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Direktor Dr. Peter Amsler und Betreibsleiter Gerhard Spielmann
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Rorschach 1904 Glocke in Zier in Gussgrube.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Besitzerin Anny Amsler mit Betriebsleiter Adolf Wernli 1958 mit der grössten Glocke Gossau.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Hermann Rüetschi 1911 in der Putzhalle.
Rüetschi Aarau Zurück in die Gegenwart, Bildhauerin Silvie Gorath arbeitet an einer Skulptur.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Der alte Direktor Amsler mit Betreibsleiter Wernli (1940-1960).
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Rüetschi in der Giessereihalle Oehler 1933.
Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Aaraus letzter gelernter Glockengiessermeister 1962 mit der Glocke von Düdingen.

Glockengiesserei H. Rüetschi AG Aarau Die Belegschaft der Rüetschi liefert 1923 Glocken nach Appenzell.

H. Rüetschi AG Aarau

Seit 650 Jahren schreiben die Aarauer Glockengiesser Geschichte. Und kein Name ist bis heute so eng mit dieser Geschichte verknüpft, wie der Name Rüetschi. Die Giesserei, die seit 410 Jahren an genau diesem Platz am Rain steht, ist eine Aarauer Institution. Doch das Geschäft hat sich verändert, schon vor Jahrhunderten. «Rüetschi» steht längst nicht mehr nur für Kirchgenglocken. «Rüetschi» steht für Kunstguss, für Kirchturmtechnik, für Architektur und Design, für öffentliche Bauten. Tätigkeitsfelder, von denen die meisten Leute kaum etwas wissen. «Wir machen noch Glocken», sagt René Spielmann (52), Geschäftsführer und Leiter im Bereich Kirchturmtechnik, «aber davon können wir nicht mehr leben.»

Vor 80 Jahren noch verliessen pro Jahr 130 Tonnen Glocken die Giesserei. Heute sind es 3 bis 4 Tonnen. Die Erklärung dafür ist einfach: Neue Kirchen werden kaum noch gebaut. Das Geschäft hat sich verlagert. In der Schweiz gibt es etwa 4000 Geläute, rund die Hälfte stammt aus Aarau. Diese Anlagen müssen unterhalten und restauriert werden. Und da zeigt sich, wie gross die Fussstapfen der Aarauer Glockengiesser sind. «Wir arbeiten heute an der Geschichte, die unsere Vorgänger geschrieben haben», sagt Spielmann. Das mache die Arbeit auch so einzigartig, so faszinierend. Doch diese Tradition verpflichtet auch. «Diese 650 Jahre sind ein Erbe, das man in die Zukunft bringen will», so Spielmann. «Und das ist eine herausfordernde Arbeit.»

Die Geschichte der «Rüetschi» ist auch die Geschichte eines Unternehmens, welches das Rad zwischen uraltem Handwerk und Hightech schlägt. In den letzten Jahren wurde das Unternehmen auf Modernisierung getrimmt. «Jahrzehntelang war neben dem laufenden Geschäft keine Zeit geblieben, sich auf die Entwicklung zukunftsfähiger Produkte und Dienstleistungen zu konzentrieren», sagt René Spielmann, der 2000 das solide Unternehmen von Vater Gerhard Spielmann übernahm. Heute verfügt Rüetschi über ein grosses Dienstleistungsangebot, dass sich von der Kirchenautomation bis zur Klangoptimierung und Klangreduktion von Glocken erstreckt.

25 Mitarbeiter zählt die H. Rüetschi AG heute, verteilt auf die Standorte Aarau, Marthalen und Dombresson sowie die Servicetechniker. Waren es vor 15 Jahren noch halb so viele Angestellte, allesamt Männer und ausgebildete Giesser, stammen die Angestellten heute aus zwölf verschiedenen Berufen – und von den sechs Giessern sind drei Frauen. Ausserdem ist der Altersdurschnitt von weit über 50 auf 37 Jahre gesunken. «Die Kundenbedürfnisse, die wir heute abdecken, sind ein Vielfaches breiter als noch vor ein paar Jahren», sagt Jari Putignano (39), Leiter der Giesserei und stellvertretender Geschäftsführer. «Und wir wachsen mit den Bedürfnissen mit.»

Das betrifft die Gusstechniken, aber auch das Geschäft mit der Kirchturmtechnik. Eines der Bedürfnisse, das mindestens 640 Jahre lang nicht bestand: die Kirchenglocken leiser klingen zu lassen. Und was jahrhundertelang auf Erfahrungswerten basierte, müssen die Giesser heute wissenschaftlich begründen können: die Auswirkungen der Klöppelform auf die Abnutzung der Glocke. Ein Forschungsgebiet, das Spielmann seit 2005 am Kompetenzzentrum für Glockenforschung an der Hochschule in Kempten untersucht.

So dünn giesst keiner

Die Zukunftsmusik des Aarauer Giessereihandwerks liegt im Kunstguss: «Wir giessen bis zu vier Meter am Stück und bis zu einem Millimeter dünne Elemente», sagt Putignano. Möglichkeiten, wie sie keine andere Giesserei in der Schweiz anbietet. Und das zahlt sich aus; letztes Jahr konnte der Kunstgussbereich ein Wachstum von 20 Prozent verbuchen. Unter dem Strich konnte das Unternehmen durch die neue Vielfältigkeit den Kundenstamm seit 2000 verdoppeln, ebenso den Umsatz.

Was in der Geschichte der Aarauer Giesser fast vergessen geht: Auch die Tradition der Kunstgiesserei ist 600 Jahre alt. Waren es einst Artilleriegeschütze, pharmazeutische Mörser oder Grabkunst, die hier gegossen wurden, sind es heute Kunstobjekte, Skulpturen oder Plastiken, aber auch Installationen für die Landschafts- oder Innenarchitektur.

Vieles hat sich in all den Jahrhunderten verändert, insbesondere in den letzten Jahrzehnten. Und doch sagt Spielmann, dass Rüetschi behutsam mit Änderungen umgeht. Zum Anlass des 650. Geburtstages jedoch wird der Betrieb künftig mit einem frischen Logo auftreten. Was sicher bleibt, ist der Standort, wenngleich er mitten in der Stadt gelegen manchen Lastwagenfahrer zur Verzweiflung bringt. «Gewisse Dinge darf man einfach nicht verändern», sagt Spielmann. «Unsere Giesserei gehört einfach in die Stadt.»

Glocken für die Ewigkeit – 650 Jahre Glockenguss und Kirchturmtechnik aus Aarau Am 5.12. veröffentlicht der AT Verlag ein Buch über die Geschichte der Aarauer Giesser.

Vor 410 Jahren holte der Stadtrat die Glockengiesser zurück

Als Jakob Rüetschi 1792 das erste Mal in der Glockengiesserei am Rain in Aarau steht, ist er acht Jahre alt. 1824 kauft er die Giesserei mit seinem Bruder Sebastian. Es ist der Beginn einer Ära – und ein weiteres Kapitel in einer langen Tradition, die kurz nach der Gründung Aaraus ihren Anfang nahm.

1367 giesst Walter Reber die Barbara-Glocke, die heute in Fribourg hängt. Bald darauf schon giesst die Familie Reber auch Geschützrohre, die sie bis nach Augsburg liefert. Mit dem Beginn der Berner Herrschaft 1415 folgen stürmische Jahrhunderte für die Glockengiesser. Mehrmals ziehen die eidgenössischen Orte gegen die Habsburger in den Krieg. Kaum beruhigen sich die politischen Konflikte, beginnt es im geistlichen Stand zu gären. 1528 ist die Reformation Tatsache, auch in Aarau. Damit verschwinden nicht nur Altare und Heiligenbilder aus den Kirchen, auch auf das Geläut wird verzichtet. Aufträge für neue Glocken bleiben aus.
Erst 1607 holt der Aarauer Stadtrat das Giessereigewerbe zurück in die Stadt. Hans Jakob Stalder wird für seine Schmelzhütte kostenlos ein Platz am Rande der Vorderen Vorstadt zur Verfügung gestellt. Doch das Geschäft rentiert nicht recht, die Städte investieren lieber in Befestigungsanlagen. Und es bleibt unstet, über Jahrzehnte müssen die Glockengiesser einer Zweitbeschäftigung nachgehen, damit es zum Überleben reicht. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelingt es der Familie Bär, in Aarau wieder eine überregional bekannte Giesserei zu etablieren, die Jakob Rüetschi ab 1824 weiterführt. Er etabliert seine Giesserei als führende Produzentin von eidgenössischen Geschützen. Gleichzeitig bleibt der Glockenguss ein wichtiges Standbein. Die Kirchgemeinden haben wieder Geld und leisten sich ganze Geläute neu. Bis zu seinem Tod 1852 beliefert Jakob Rüetschi fast 150 Gemeinden mit über 220 Glocken. 1910 werden unter der Führung von Hermann Rüetschi jährlich 80 Glocken ausgeliefert.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnt der Kampf ums Überleben. Die Rohstoffpreise explodieren, die Nachfrage bricht komplett ein.

1916 verlassen noch 17 Glocken das Werk in Aarau. 1917 endet mit dem
Tod Hermanns die Ära Rüetschi.

Der neue Besitzer, Otto Amsler, verewigt Hermann Rüetschi 1917 im Firmennamen: Seit 100 Jahren heisst sie «H. Rüetschi AG». (ksc)