Portrait

Aarauer Genforscher über Bschiss: «Die meisten Betrüger sind zu dumm»

Duri Rungger hat bisher sechs Bücher geschrieben. «Fatale Manipulation» ist sein neustes Werk.

Duri Rungger hat bisher sechs Bücher geschrieben. «Fatale Manipulation» ist sein neustes Werk.

Jahrzehntelang erforschte er die Funktion von Genen. Jetzt schreibt Duri Rungger in Aarau Krimis – und nimmt seine eigene Zunft ins Visier.

Wenn Duri Rungger ins Schwärmen kommt über seine frühere Arbeit, dann sitzt im prächtigen Garten vor dem modernen Haus im Aarauer Gönhard-Quartier kein Rentner, der nächstes Jahr seinen 80. Geburtstag feiern wird.

Dann sitzt hier der immer noch vife Wissenschaftler, der sein Leben damit verbracht hat, die Funktionen von Genen, den Bauplänen allen Lebens, zu studieren. Diese langjährige Expertise hat Rungger nun in seinem sechsten Buch verarbeitet; einem Krimi, der in mehrfacher Hinsicht speziell ist.

Von Neapel über Genf nach Aarau

Duri Rungger ist – man merkt es am Namen – im Kanton Graubünden aufgewachsen. Nach der Matura ging er «wia alli Bündner aswo an d Uni», erzählt er in seinem unverkennbaren Dialekt. Rungger entschied sich für Zürich, studierte Biologie, lernte Kommilitonin Elisabeth Brändle aus Aarau kennen, «die mir immer sagte, ich würde zu wenig für die Prüfungen lernen». Verliebt haben sie sich erst während Runggers Doktorat in Neapel, wo beide einige Jahre lang forschten.

Danach gingen sie gemeinsam an die Universität Genf. Duri Rungger gab Kurse für Mediziner und Biologen sowie Spezialvorlesungen in Genetik; seine Frau war unter anderem auf dem Gebiet der Augenheilkunde tätig.

Erst 38 Jahre später kehrte das Paar in die Deutschschweiz zurück, übernahm das Elternhaus von Elisabeth und ersetzten es durch einen modernen Neubau. Das war vor zwölf Jahren.

Er schrieb «aus Angst vor der Pensionierung»

Jetzt pflegt Duri Rungger den Garten – «ich bin nur Helfer unter der Regie meiner Frau» –, reist und schreibt Bücher. Der Erstling, «Kein Fall in Disentis», erschien 2010 im Orte-Verlag. Verfasst hatte es der Autor aber schon einige Jahre davor, «aus Angst vor der bevorstehenden Pensionierung».

Die ersten drei Romane sind Ethnokrimis über das Bündnerland, beschreiben alte Sagen oder das Jazzleben in Chur. Erst in seinem sechsten Werk, «Fatale Manipulation», wagt Rungger es, sein altes Leben, das akademische Umfeld, anzutasten – und zu kritisieren.

Der Zürcher Genforscher Fred Sutter wird ermordet und zu den Verdächtigen gehören betrügerische Forscherkollegen und rabiate Tierschützer. Beide kennt Rungger aus eigener Erfahrung, und vor allem die Betrügereien ärgern ihn heute noch: «Das Furchtbare ist der primäre Reflex der Institutionen: So lange wie möglich alles vertuschen. Nur wenn es zu heiss wird, lässt man die Kartoffel fallen. Es war mir auch ein Anliegen, im Buch aufzuzeichnen, an wie viele Feinheiten ein Betrüger denken muss, um nicht aufzufliegen – und die meisten sind zu dumm dazu.»

Und: Der Durchbruch, der den Wissenschaftlern im Buch gelingt – sie nutzen ein Transportprotein, um DNA in Ei- und Körperzellen einzufügen – , ist die logische Fortsetzung der eigenen Forschungsarbeit von Duri Rungger. «Die im Buch beschriebene Forschung hätte ich gerne selber noch durchgeführt – wenn ich nicht in Pension hätte gehen müssen.»

Sein sechstes Buch hat Rungger erstmals im Selbstverlag herausgegeben, weil Verlage der Ansicht gewesen waren, es sei etwas zu komplex für den Durchschnittsleser. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber: Auch wer in Biologie nicht gut aufgepasst hat, kann «Fatale Manipulation» problemlos als Krimi lesen und die Details zur Genforschung samt Fussnoten ignorieren, ohne bei der Story Abstriche machen zu müssen.

Und wer mehr wissen will, findet – das ist ebenfalls speziell – einen «Technischen Anhang» mit weiteren Erläuterungen am Ende des Buchs. Der Autor betont: «Es ist nicht schlimm, wenn man nicht alles versteht – es gibt ja keine Prüfung.»

Rungger legt grossen Wert darauf, dass die Ortsbeschreibungen stimmen. Auch für seinen neusten Roman hat er in Flims vor Ort recherchiert und ist die Gegend um den Zürcher Prime Tower dreimal abgelaufen.

Über Aarau schreibe er explizit nicht: «Das machen andere schon, Ina Haller oder Ursula Reist zum Beispiel. Und: Als Auswärtiger würde ich nicht wagen, feinspöttische Betrachtungen über unsere Kleinstadt zu machen», kokettiert Rungger und lacht.

Ein bisschen Aargauer Lokalkolorit findet man aber schon in «Fatale Manipulation»: Das Mordopfer fährt ein Auto der Frey Garage in Unterentfelden, die Kommissarin trinkt Pinot Gris aus Schinznach. Dass ein Tatverdächtiger an der Kyburgstrasse in Wipkingen wohnt, ist allerdings keine Hommage an die Kyburgerstadt Aarau, sondern Zufall.

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