Es gibt Filmregisseure, die jede Kameraeinstellung, jede Dialogzeile und jedes noch so kleine Detail bereits vor dem ersten Drehtag obsessiv geplant haben. Dann gibt es Regisseure, die einfach die Filmkamera einschalten und sich vom Moment inspirieren lassen.

Zu Letzteren gehört der junge Aarauer Gianni Keller (30). Er hat vor kurzem sein Filmstudium mit dem Bachelor an der Zürcher Hochschule der Künste beendet. Sein Abschlussfilm «Idiotikon» wird die nächsten Tage an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur gleich in zwei Wettbewerbskategorien zu sehen sein. Keller freue sich riesig, dass «Idiotikon» in Winterthur läuft, wie er uns in einem Gespräch im Café Tuchlaube erzählt. «Mein erster Gedanke war aber: Hä, wieso? Im Nachhinein sieht man immer Szenen, die einem nicht gefallen, aber solche Gedanken muss man irgendwann abstellen.»

Trailer "Idiotikon" (Regie: Gianni Keller, 2018)

Im Zentrum des Kurzfilmes steht Dimi (Dimitri Denage), ein kauziger Plattenladenbesitzer. Er schwärmt ständig von Italien, war aber seit langem nicht mehr in seinem Heimatdorf. Daraufhin überredet ihn sein Freund Gianni (Gianni Keller), erstmals nach dreissig Jahren das Dorf zu besuchen. Eigentlich möchte Dimi viel lieber den Match von Inter Mailand anschauen, aber was solls; «machemer dä Schiisdräck», so Dimi lakonisch. Spätestens bei der Durchfahrt des endlos langen Gotthardtunnels bereut Dimi seine Entscheidung. Als sie schliesslich im Dorf ankommen und Dimi weiterhin herumnörgelt, verliert auch Gianni langsam die Geduld.

Dialoge aus dem Alltag gegriffen

Der Filmtitel «Idiotikon» bezieht sich auf das Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, erklärt der junge Filmemacher. So war es denn auch die Sprache, die Keller auf seine Filmidee brachte: «Ich wollte in meinem Film Dialoge so wiedergeben, wie Menschen wirklich reden. Wenn man ein Gespräch aufzeichnet und dann niederschreibt, lässt man vieles weg. Man redet selten geschliffen, sagt ‹äähm›, oder nimmt einen vorherigen Gesprächsfaden wieder auf», erläutert der Filmregisseur.

Damit die Dialoge in Kellers Kurzfilm möglichst alltäglich wirkten, stellte der Regisseur Laien vor die Kamera, allesamt Freunde von ihm. Ausserdem machte er etwas, das völlig der Logik des standardisierten Filmemachens widerspricht: Keller drehte seinen Film ohne Drehbuch. «Ich hatte es satt, einen Film brav nach einem vorgefertigten Muster zu machen, und wollte einen anderen Weg des Filmemachens begehen», erzählt er.

Dieses Unterfangen stellte sich nicht immer als leicht heraus. Eine Hürde bestand zum Beispiel darin, dass die Laiendarsteller möglichst natürlich agieren sollten. «Sobald eine Kamera im Raum ist, reden die Menschen anders. Die erste Viertelstunde einer Aufnahme war immer für den Chübel.» Also spielte Keller gleich selber im Film mit, damit er das Gespräch ein wenig lenken konnte. «Ich habe bei jeder Aufnahme etwas Neues ausprobiert und allmählich vergassen alle die Kamera.»

Gianni (l.) mit Dimi (r.) in Italien.

Filmbild aus "Idiotikon"

Gianni (l.) mit Dimi (r.) in Italien.

Das ist eine beachtliche Leistung, weil ausgerechnet Kellers Hauptdarsteller Dimi Denage alles andere als ein Freund von Filmkameras ist. «Dimi kriegt schon eine Krise, wenn ich mit dem Portemonnaie so tue, als ob es ein Handy sei, und ich damit ein Foto machen würde», erzählt der Filmschaffende und lacht. Zum Glück kennen sich die beiden bereits lange. Keller verbringt jede freie Minute in Dimis Plattengeschäft «Dezibelle», das kürzlich sein 20-Jahr-Jubiläum feierte und in Aarau Kultstatus geniesst.

Fast in der Schublade gelandet

Auch wenn kein offizielles Drehbuch existierte und die Figuren gleich heissen wie die Schauspieler, besteht Keller darauf, dass «Idiotikon» kein Dokumentarfilm sei: «Wir haben gewisse Charakterzüge von Dimi übernommen und aufgeblasen.» Zudem gebe sich der Regisseur im realen Leben auch nicht so wie im Film.

Für den 16-minütigen Film hat er acht Monate Arbeit reingesteckt. Irgendwo in der Hälfte hätte Keller fast aufgegeben, wie er zugibt: «Ich sass vor sieben Stunden Rohmaterial, habe alles schon zum tausendsten Mal gesehen und wollte den Film in der Schublade verschwinden lassen. In der Schule gaben sie mir aber ein gutes Feedback und den nötigen Ansporn, den Film zu beenden.»

Das Resultat ist ein unterhaltsamer Roadtrip, untermalt von mediterranen Klängen und voller absurder Gespräche. Dabei zieht Keller sein Spiel zwischen Fiktion und Realität bis zum Ende des Filmes konsequent durch. Diese Art von Filmemachen klingt mühsam, wird der Regisseur von nun an «richtig» filmen? «Nein, diese Arbeitsweise inspiriert mich. Ich habe zuerst gefilmt und das Drehbuch dann erst anhand des fertigen Filmes transkribiert, eine Art umgekehrtes Filmemachen», sagt er und lacht.

Idiotikon Regie: Gianni Keller (CH 2018) 16 Min. läuft an den Kurzfilmtagen Winterthur am Sa, 10. Nov. um 16.30 Uhr und So, 11. Nov., um 17 Uhr. www.kurzfilmtage.ch