Fast drei Jahre ist es her, als ich auf einem verregneten Parkplatz stand, um einen Hund von einer Tierschutzorganisation abzuholen. Ein 13-jähriger zahnloser Podenco mit Leishmaniose, einer oft tödlich verlaufenden Infektionskrankheit, den niemand haben wollte und dessen Todesdatum in der Tötungsstation bei Valencia (Spanien) schon feststand.

Ein Bild des Jammers bot sich mir, als der Hundetransporter aus Spanien seine Tür öffnete; ein wimmernder, schlotternder alter Hund mit Beulen auf dem Fell, von der Leishmaniose zerfressene Ohren; Narben am ganzen Körper und Heftklammern eines Industrietackers im Halsbereich.

Der Mensch ist doch das grausamste Tier – ein spanischer Jäger wollte sich seines jahrelangen und treuen Begleiters einfach entledigen. Ich nahm den Hund zu mir in der Annahme, ich könne ihm vielleicht noch für ein paar Wochen ein warmes Körbchen bieten, bis das Zeitliche ihn segnen werde.

Felix heisst der Hund heute – so wie ich. Felix heisst im lateinischen «der Glückliche» und wer den Hund heute sieht, wird seinen Augen kaum trauen und den Namen mehr als passend finden. Freudig springt er mit einem stolzen und athletischen Körperbau im Garten, jubiliert, sobald die Leine gegriffen wird und sprudelt nur so vor Energie auf den ausgiebigen Spaziergängen an der Aare oder auf der Gisliflue. Zufrieden «gnaged» er an seinem Knochen in der Abendsonne und erfreut sich eines guten Appetits und einer schier unglaublichen Lebensfreude. Zähne hat er noch immer keine, ebenso aber auch keine Symptome der Leishmaniose.

Laut übereinstimmender Meinung diverser Tierärzte muss Felix heute 15 oder 16 Jahre alt sein, ein äusserst ungewöhnliches Alter. Vor allem bei dieser Vorgeschichte und Vorerkrankung. Aber Felix macht nicht die geringsten Anstalten, demnächst die Regenbogenbrücke betreten zu wollen – ganz im Gegenteil.

Was mir mein lieb gewonnener Felix tagtäglich vorlebt, sehe ich auch bei uns – beim Menschen. Ich bin der Meinung, dass ein durchaus beachtlicher Prozentsatz meiner Heilerfolge als Arzt mit dem sogenannten Wohlfühlfaktor zusammenhängt, diese positiv vertrauensvolle Energie zwischen mir und den Patienten, die ich herzustellen versuche. Das klappt mal besser und mal weniger gut, aber wenn ich einen guten Zugang zu meinem Gegenüber finde, Kompetenz ausstrahle, das Gefühl gebe auch ein Stück der Last mitzutragen, vor einer Operation mal die Hand des Patienten halte und in Ruhe zuhöre, dann heilt die Narbe oder das Ekzem schneller und besser. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Menschen, die das Leben positiv sehen können, die eine gute Balance zwischen Beruf, Privatleben und Sozialleben finden. Menschen, die etwas geniessen können, ihren Horizont durch vielfältige Interessen erweitern, anderen und Neuem gegenüber offen sind. Menschen die nicht nur an den eigenen Vorteil denken und ans Geldvermehren, sondern auch mal etwas Selbstloses gegenüber Mensch oder Tier leisten . . . all diese Menschen sind glücklicher, zufriedener und damit auch gesünder.

Die Seele muss genauso gepflegt werden wie der Körper!

Letztens sass ein müder Patient vor mir. Er hat die letzten 20 Jahre fast durchgehend geackert, Haus abbezahlt, Kinder grossgezogen. Ferien gab es selten, sich selber etwas Gutes tun, lag nicht drin. Nun habe er aber ein schönes Sümmchen geerbt und überlege, wo er es gewinnbringend investieren könne. Vielleicht in Aktien oder doch lieber Anleihen? «In das Leben» war meine Antwort. «Ja», sagte ich, als er mich mit grossen Augen anschaute. «Investieren Sie ins Leben, machen Sie was Schönes mit der Familie; gönnen Sie sich längere Ferien, ein Wochenende mit Wellness, testen Sie feine Restaurants und machen mit dem besten Freund einen Städtetrip. Materielles vergeht, Ideelles bleibt im Herzen und in der Erinnerung. Und es macht glücklich».

So wie mein Hund Felix, «der Glückliche», der leider irgendwann wird gehen müssen – aber für immer in meinem Herzen mit Glück verbunden bleibt.

Dr. Felix Bertram (42) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, dem Zentrum für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau. Er lebt im Raum Lenzburg. Bertram hat zwölf Hunde und ist sehr aktiv im Tierschutz.

fbertram@skinmed.ch