Schneider & Schneider

Aarauer Architekten-Brüder: «Es darf keine Einöde entstehen, wie es heute oft der Fall ist»

Sie betreiben das grösste Architekturbüro auf dem Platz Aarau. Von ihnen stammt das Swissgrid-Gebäude. Thomas und Beat Schneider über Spitäler, Hochhäuser und die Gefahren der modernen Haustechnik.

Je nach Beleuchtung wirkt der neue Swissgrid-Hauptsitz goldig. Ist er so etwas wie die Krönung Ihrer bisherigen architektonischen Tätigkeit?

Thomas Schneider: Die Fassade ist nicht goldig, sondern kupferfarbig – eine bewusste Analogie zu den Kupferleitungen, zum fliessenden Strom, der das Kernthema der Swissgrid ist. Wir haben uns bei der Fassadengestaltung aber auch mit dem Kontext im Quartier befasst. Es hat Betonbauten und grünliche Steinbauten. Es war ein langer Prozess, der uns schlussendlich auf dieses Material brachte.

Besteht die Fassade aus eloxiertem Aluminium?

Beat Schneider: Nein, es ist eine Messing-Kupfer-Legierung. Neben dem Material war uns auch die Fassadenstruktur wichtig, das Grid, das bewegte Netz, das auch etwas mit der Lebendigkeit des Stroms zu tun hat.

Und die Frage nach der Krönung Ihrer architektonischen Tätigkeit?

Beat Schneider: Der Swissgrid-Hauptsitz ist für unser Büro ein sehr wichtiges Gebäude. Aber ein Gebäude, das wir mit der gleichen Sorgfalt geplant und ausgeführt haben, wie alle anderen unserer Gebäude.

Was war speziell am Swissgrid-Bau?

Thomas Schneider: Zwei Dinge. Erstens die Entwicklung und Umdeutung des alten Electrolux-Areals. Es ging um die städtebauliche Aufwertung eines alten Industrieareals. Wir haben den Baukörper quer zur vorhandenen Struktur gestellt und damit eine neue Durchlässigkeit von der Hinteren Bahnhofstrasse zur Bleichemattstrasse generiert. Wir haben das Quartier besser vernetzt.

Beat Schneider: Früher war das Electrolux-Areal, in dem wir sechs Jahre lang unser Büro hatten, ein abgeschlossener Bereich. Eine Querung gab es nicht. Darum war uns die Schaffung des Luxweges ganz wichtig, also die bessere Vernetzung des Quartiers mit dem Bahnhof.

Und was war neben dem städtebaulichen Teil die zweite grosse Herausforderung ?

Thomas Schneider: Das Gebäude selber ist technisch und funktionell sehr anspruchsvoll. Aber wir wollten unbedingt den Ausdruck eines technoiden Baus verhindern. Wir wollten dem Gebäude einen sinnlichen Ausdruck geben und im Innern wohnliche und behagliche Arbeitsplätze schaffen – und das, obwohl es um Technik geht.

Der neue Swissgrid-Hauptsitz in Aarau:

Der Swissgrid-Hauptsitz, das GastroSocial-Hochhaus, die Eigentumswohnungen im Aeschbachareal, das Herzoghaus: Sie haben einem Aarauer Quartier ganz schön den Stempel aufgedrückt. Ist es besonders reizvoll, wenn man auf engem Raum derart viele markante Projekte realisieren kann?

Beat Schneider: 2003 haben wir das Herzoghaus in Eigeninitiative entwickelt und mit einem Kleininvestor gebaut. Damals standen noch das Restaurant Gais, die Garage Gräub, die beiden Schuppen im Senevita-Bereich. Es gab weder den Lineaar-Komplex noch das Gais-Center und schon gar nicht das ganze Torfeld Süd. Das Herzoghaus war so etwas wie der erste Stein, ein erster Impuls in diesem Gebiet. Es entstand auf einer Restparzelle, die es als Folge der Strassenverlegung gegeben hatte.

Und dann?

Beat Schneider: 2011 wurden wir zum Wettbewerb für das GastroSocial-Hochhaus eingeladen und haben gewonnen.

Thomas Schneider: Es folgte 2012 der Wettbewerb für das Electrolux-Areal. Nicht nur für das Swissgrid-Gebäude, sondern auch für den nebenstehenden Bau mit 50 Wohnungen.

Irgendwie ist es jetzt doch Ihr Quartier.

Thomas Schneider: Nein, das sehen wir nicht so. Wir konnten einzig ein paar markante Gebäude realisieren. Dabei spielen auch Zufälle eine Rolle – dass man zu Wettbewerben eingeladen wird, dass man diese für sich entscheiden kann.

Ihre Büros befinden sich im vergleichsweise unspektakulären «Mediapark», den der Investor
Mobimo gerade unter ihrer Leitung zum «Relais 102» umbauen lässt. Ist das nicht fast etwas zu bescheiden für Architekten Ihrer Erfolgsklasse?

Beat Schneider: Als Architekt benötigt man nicht repräsentative Büroräumlichkeiten. Wir sind froh, wenn wir grosse Räume haben, in denen wir uns ausbreiten und kreativ wirken können. Und dann ist für uns die Anbindung an den Bahnhof ganz wichtig. Weil wir in der ganzen Schweiz bauen und weil viele unserer etwa 60 Mitarbeitenden aus den Städten Zürich, Basel und Bern kommen.

Warum ist Aarau für Architekten ein gutes Pflaster?

Thomas Schneider: 1997, als wird das Büro gründeten, haben wir evaluiert, wo wir hinwollten. Basel stand im Vordergrund, weil wir beide dort in Büros arbeiteten und Basel zu der Zeit in der Architekturszene sehr hip war. Wir dachten auch über Zürich nach. Am Schluss haben wir uns für Aarau entschieden, wo wir aufgewachsen sind. Diesen Entscheid haben wir bis heute nicht bereut. Auch, weil sich Aarau in der Zwischenzeit sehr gut entwickelt hat. Es entstanden viele spannende, neue Gebiete.

Fehlt es der Stadt nicht am Mut für ganz grosse Würfe?

Beat Schneider: Angesichts der Grösse der Stadt hat sich sehr viel verändert. Beispielsweise im Torfeld Süd, im Bahnhofgebiet, im Scheibenschachen. Die Würfe müssen nicht gross sein, sondern qualitativ gut und dem spezifischen Ort angemessen. Das ist aus unserer Sicht in Aarau gelungen.

Wird nicht zu viel renoviert und zu wenig abgerissen und neu gebaut?

Thomas Schneider: Es wird gar nicht so viel renoviert. Wir könnten uns mehr Umbauten sowie innovative und kreative Konzepte für Umnutzungen vorstellen. Es braucht alte Substanz als Gedächtnis und Orte der Identität.

Sonst?

Thomas Schneider: Ich nenne als abschreckendes Beispiel Zürich Nord, wo alles umgewalzt wurde, wo kein Leben einkehrt. Man kann einem Gebiet nicht einfach Leben auf Knopfdruck einhauchen.

In der Goldern sind Sie daran, die ehemaligen Post-Blöcke durch vier neue Mehrfamilienhäuser zu ersetzen. Was ist die grosse Herausforderung am genossenschaftlichen Wohnungsbau?

Beat Schneider: Generell muss man mit geringem Budget für die Bewohner die grösstmögliche Wohnqualität erreichen. Im konkreten Fall der Genossenschaft Goldern kam die spezielle Lage am Waldrand in einem Südquartier dazu – eine ausgezeichnet schöne Umgebung. Der Bezug zum Wald, zum Aussenraum, war zentral. Die meisten Wohnungen haben zwei Balkone. Das war uns ganz wichtig.

Das erste von vier neuen Mehrfamilienhäusern der Wohnbaugenossenschaft Goldern ist am Entstehen. Insgesamt gibt es 60 neue Wohnungen.

Das erste von vier neuen Mehrfamilienhäusern der Wohnbaugenossenschaft Goldern ist am Entstehen. Insgesamt gibt es 60 neue Wohnungen.

In welche Richtung müsste sich der architektonisch gute Wohnungsbau entwickeln?

Thomas Schneider: Der Aussenraum sollte zum zentralen Thema werden. Mit präzis gesetzten Baukörpern müssen qualitativ gute Aussenräume geschaffen werden. Ganz wichtig ist auch die Durchmischung innerhalb der Gebäude: Dass verschiedene soziale Schichten sowie alte und junge Leute in einer Siedlung sind. Dass es Gewerbe hat. Es darf einfach keine Einöde entstehen, wie es heute sehr oft der Fall ist.

Empfinden Sie die modernen Entwicklungen im Bereich der Energie, etwa Photovoltaikanlagen, als grosse Einschränkung für Architekten?

Beat Schneider: Die Technik gibt es, man muss sie gut in die Bauvolumen integrieren. Das stört nicht. Energetisch gute Häuser sind heute ein Muss. Es gibt aber auch ein Aber: Es wird heute in den Gebäuden sehr viel Haustechnik eingesetzt. Oft denkt man erst nach der Fertigstellung, was der Unterhalt dieser Technik kostet. Die Wartung der Anlagen, später ihr Ersatz, dürfte für viele eine grosse Herausforderung werden. Darum plädieren wir für intelligente Low-Tech-Gebäude. Einige Investoren, teilweise auch die öffentliche Hand in anderen Kantonen, schlagen diesen Weg bereits ein.

Bern, Luzern, Frauenfeld: Wo haben Sie im Moment Ihre grössten Spitalbaustellen?

Thomas Schneider: Im Inselspital Bern, wo wir für 250 Millionen Franken einen der beiden neuen Hauptbauten erstellen.

Beat Schneider: Die «Insel» wird im Rahmen des neuen Masterplans komplett umstrukturiert. Wir haben den Wettbewerb für einen der zentralen Bauten gewonnen. Ein erster Teil ist abgeschlossen, es geht aber jetzt in den nächsten Jahren noch weiter.

Thomas Schneider: In unmittelbarer Umgebung bauen wir für die Universität Bern ein Gebäude der Rechtsmedizin und der Klinischen Forschung.

Und Frauenfeld?

Thomas Schneider: Das ist ebenso gross wie die «Insel».

Beat Schneider: Das ist unser ältestes Spitalprojekt. Dort haben wir den Wettbewerb 2002 als junge Architekten gewonnen. Das ist ein Bauprojekt mit sehr vielen Etappen. Momentan sind wir an einer grossen mit etwa 250 Millionen Franken Investitionskosten.

Dominiert bei diesen Spitalgebäuden nicht die Funktion über die Form?

Beat Schneider: Die Funktion, respektive die Betriebsabläufe, haben in den Spitälern erste Priorität. Daneben muss das Spital auch eine behagliche Atmosphäre haben, weil wir überzeugt sind, dass sich das positiv auf den Genesungsprozess der Patienten auswirkt.

Thomas Schneider: Die Spitäler kämpfen heute nicht nur um die Patienten, sondern auch um gute Mitarbeiter. Es ist für sie ganz wichtig, dass sie diese akquirieren können. Und dabei spielt ein formal attraktives Spitalgebäude eine Rolle.

Was ist gute Architektur?

Thomas Schneider: Sie muss sich mit dem Ort und der Zeit auseinandersetzen. Und sie muss für den Benutzer einen Mehrwert schaffen.

Ist es darum auch reizvoll, ein Parkhaus zu bauen, wie Sie das mit dem Kasernen-Parking in Aarau getan haben?

Beat Schneider: Wegen der schwierigen Ausgangslage und dem speziellen Ort war das eine spannende Herausforderung. Eine sehr knifflige Aufgabe mit drei verschiedenen Landeigentümern: die Eidgenossenschaft, der Kanton und die Stadt. Das Gebäude hat neben 300 Parkplätzen auch Schulungsräume für das Militär, einen Gefängnishof und Infrastrukturen für die Polizei. Das alles zusammenzufassen haben wir als spannende Aufgabe in bester Erinnerung.

Wäre der Entwurf eines Norm-Einfamilienhauses nichts für Sie?

Thomas Schneider: Mit dieser Frage werden wir nicht konfrontiert. Wir haben das Glück, dass Kunden auf uns zu kommen, denen Architektur sehr viel wert ist. Das heisst aber nicht, dass es um teure Gebäude geht. Wir bauen auch günstige, einfache Gebäude. Auch mit einem ganz knappen Budget kann man gute Architektur machen.

Nach dem lang anhaltenden Boom ist in der Schweiz so etwas wie eine Baumüdigkeit festzustellen. Können Sie das nachvollziehen?

Beat Schneider: Beim Wohnungsbau ist eine gewisse Vorsicht klar spürbar. Die Investoren untersuchen periphere Lagen sehr viel kritischer als noch vor ein paar Jahren.
Das ist eigentlich eine schlechte Perspektive für ein Architekturbüro...

Thomas Schneider: Der Wohnungsbau in der Peripherie wird markant zurückgehen. Aber wir sind nicht nur im Wohnungsbau tätig, sondern haben auch andere Standbeine.

Also erwarten Sie ein Wachstum für Ihr Büro?

Thomas Schneider: Da können wir keine Prognose stellen. Wir beteiligen uns an Wettbewerben. Manchmal gewinnen wir, manchmal aber auch nicht.

Was halten Sie vom Trend zu immer mehr Hochhäusern?

Beat Schneider: Wir finden Hochhäuser gut, wenn sie städtebaulich Sinn machen, mit einem weiträumigen Hochhauskonzept unterlegt sind und an zentralen städtischen Lagen errichtet werden. Die Standorte müssen auf jeden Fall gut ergründet sein und Sinn machen. Hochhäuser sind Zeichen in der Landschaft und prägen die Ort besonders stark. Entsprechend grosse Sorgfalt ist an die Architektur und die Typologie geboten.

Was wäre Ihr Traumprojekt?

Thomas Schneider: Ich glaube, das gibt es nicht. Für uns sind alle Bauaufgaben sehr spannend, bei denen wir auf den Ort und die Nutzer eingehen können – und die nicht ganz einfach sind.

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