Aarau
Zu viel Dreck wegen Blättern und Eicheln: Fällt am Dienstag die «petitio»-Eiche?

Die Anwohner kämpfen bis zuletzt. Mit einer Gedenkstätte protestieren sie gegen das für Dienstag geplante Umsägen des Prachtsbaumes, der im Aarauer Gönhard-Quartier zwischen zwei Villen steht. Der Baum gehört einer CVP-Politikerin.

Urs Helbling
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Die je nach Quelle bis zu 200 Jahre alte Eiche im Aarauer Gönhardquartier am Tag, bevor sie gefällt werden soll.

Die je nach Quelle bis zu 200 Jahre alte Eiche im Aarauer Gönhardquartier am Tag, bevor sie gefällt werden soll.

Urs Helbling / Aargauer Zeitung

Seit Jahrzehnten hat in der Kantonshauptstadt kein Schicksal eines Baumes politisch derart viel Staub aufgewirbelt, wie dasjenige der stattlichen Eiche im Aarauer Gönhardquartier. Ihre drohende Fällung war der Anlass dafür, dass Anwohner auf «petitio.ch» die Petition «Wertvolle Privatbäume schützen – jetzt!» (aktuell über 250 Unterstützer) lancierten. Die Freisinnigen und die Grünen schalteten sich mit Medienmitteilungen in die Diskussion ein. Die FDP wehrte sich gegen Eingriffe in die Eigentumsrechte von Grundbesitzern, die Grünen forderten so rasch wie möglich ein rechtlich verbindliches Bauminventar.

Der Eiche hat diese Diskussion – Stand Montag Abend – nichts mehr genützt. Am Dienstagmorgen sollen die Motorsägen heulen – es sei denn, der Kampf der Nachbarn könne den Baum im allerletzten Moment doch noch retten. Der Baum, der einer CVP-Politikerin und ihrem Mann gehört. Und der Baum, der vor allem die Nachbarn der CVP-Frau stört, Leute aus bestem freisinnigem Haus.

Die Nachbar protestieren mit einer Gedenkstätte gegen die Fällung der Eiche,

Die Nachbar protestieren mit einer Gedenkstätte gegen die Fällung der Eiche,

Urs Helbling / Aargauer Zeitung

Auf einem Plakat ruft die Eiche «Hilfe!»

Die Leute, denen das Schicksal der Prachtsbäume in Privatgärten grundsätzlich und dasjenige der Eiche im Speziellen ein Anliegen ist, mobilisierten am Montag die letzten Kräfte. Am Freitag war ihnen aufgefallen, dass die Stadtpolizei im Bereich des Baumes auf der Strasse ein temporäres Parkverbot (Dienstag ab 7 Uhr) platzierte. Die Baum-Retter stellten eine Gedenkstätte mit Kinderzeichnungen und Grabkerzen auf. Sie kreierten ein Plakat, auf dem die Eiche «Hilfe!» ruft. Und sie stellten den mit Sonntag, 31. Januar, datierten Brief der Eichen-Besitzer an die Nachbarn ins Facebook. Den Brief, der das ganze Dilemma aufzeigt.

Mit diesen Zeichungen trauern die Kinder um den Baum.

Mit diesen Zeichungen trauern die Kinder um den Baum.

Urs Helbling / Aargauer Zeitung

«Wir verstehen das Anliegen der Familie»

Der Baum steht praktisch auf der Grenze zum Nachbargrundstück. Er gehört dem einen Ehepaar. Die Frau ist eine Person des öffentlichen Lebens: Barbara Schönberg sitzt für die CVP (heute «Die Mitte») im Einwohnerrat Aarau. Und sie hat sich im November 2019 als Stadiongegnerin einen Namen gemacht. Der Titel des Briefes: «Abschied von unserer Garteneiche.» Das Ehepaar beziffert das Alter des Baumes auf ca 70 Jahre, die Baum-Petitionäre sprechen von mutmasslich 200 Jahren. «Glauben Sie uns, der Entscheid ist uns nicht einfach gefallen», heisst es im Brief: «Auch wir haben uns über den Schutz und den Schatten wie auch das Rauschen des Windes in der Krone immer wieder gefreut.» Aber: Das Fällen der Eiche sei über all die Jahre ein immer drängenderes Thema geworden. «Und war es schon, als wir vor einigen Jahren einzogen.»

Die Nachbarn hatten sich wiederholt gewünscht, dass die Eiche gefällt wird. «Wir verstehen das Anliegen der Familie», schreibt das Ehepaar. Die Nachbarn stören sich an den Blättern und Eicheln, die sie gemäss dem Brief «während mindestens vier Monaten im Jahr» selber wegwischen müssen oder durch einen Gärtner entfernen lassen müssen. Die Baumbesitzer selber können dabei aus zeitlichen Gründen nicht helfen. Und ein Rückschnitt der stark gewachsenen Eiche sei aus Sicherheitsgründen nicht möglich.

Der «Abschied von der Garteneiche» scheint unumgänglich – sehr zum Bedauern all derjenigen, die sich um die weiteren Prachtsbäume in Privatgärten Sorgen machen.