Aarau
«Warum haben Gönhard und Zelgli Fahrverbote, die Telli aber nicht?»

Am Podium mit den zehn Stadtratskandidierenden im KIFF hielten sich Bewohner des Telli-Quartiers nicht mit dezidierten Aussagen zurück. Vom Stadtrat verlangten sie Gleichstellung mit den wohlhabenderen Stadtteilen und allgemein «ernster genommen zu werden».

Daniel Vizentini
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Dorette Kaufmann (ganz rechts) stellte den Stadtratskandidierenden teils ungemütliche Fragen.

Dorette Kaufmann (ganz rechts) stellte den Stadtratskandidierenden teils ungemütliche Fragen.

Henry Muchenberger

Wenn Quartierverein, GZ Telli und KIFF gemeinsam ein Podium veranstalten, dann rückt das Telli-Quartier für einmal in den Vordergrund. Und immer wieder wird es mit den besser betuchten Stadtteilen wie Zelgli oder Gönhard verglichen. Kulturförderin Dorette Kaufmann (früher Kuratorium, heute KIFF-Vorstand) und Hans Bischofberger (früher Leiter GZ Telli) stellten den zehn Aarauer Stadtratskandidierenden entsprechend ungemütliche Fragen.

Man höre zum Beispiel, dass nur ungefähr zehn Prozent der Primarschulkinder der Telli den Übertritt in die Bezirksschule schaffen, während dies im Gönhard um die 60 Prozent sein soll. «Stimmen diese Zahlen?», fragte Dorette Kaufmann. Bildungs-Stadträtin Franziska Graf (SP) korrigierte diese Behauptung – und zwar nach oben: «Im Gönhard sind es regelmässig 100 Prozent. Ich persönlich habe sehr grosse Mühe damit», sagte sie. Grundsätzlich laufe es aber in allen Schulhäusern gut. «Wichtig ist, dass alle Kinder die gleichen Chancen haben.»

«Ist Tempo 30 das Einzige, was ihr uns zu bieten habt?»

Diese Ungleichheit unter den Quartieren zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussionen. Ein Brennpunktthema war dabei der Verkehr: Während es auf den Quartierstrassen im Gönhard Fahrverbote gebe, müsse das Telli mit Schleichverkehr auskommen, hiess es.

«Ist Tempo 30 das Einzige, was ihr uns zu bieten habt?», fragte Hans Bischofberger provokativ. Verkehrs-Stadtrat Werner Schib (Die Mitte) entgegnete, dass verschiedene Tempo-20-Zonen in der Telli geplant seien. Fahrverbote könne man prüfen. Diejenigen im Gönhard hätten mit dem Durchgangsverkehr vom Kantonsspital zu tun.

Angedacht sei auf jeden Fall eine Umgestaltung der Tellistrasse, die heute zu breit sei und als Trenngürtel wahrgenommen werde. Eine Dame aus dem Publikum – über 30 Personen waren erschienen – verlangte indes mehr Gleichstellung zwischen der Telli und den wohlhabenderen Stadtteilen:

«Der Zustand der Tellistrasse ist inakzeptabel, wir wollen ernster genommen werden und nicht noch weitere Jahre warten.»

Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker (FDP) – der am Podiumsabend seinen 56. Geburtstag feierte – hob hervor, dass es in Aarau «kein Quartier gibt, dass auf eine schiefe Bahn geraten ist». Auch die Telli habe etwa viele Einfamilienhäuser und viel Grün. «Ich will keinen Einheitsbrei in der Stadt. Alle Quartiere haben ihre Spezifikationen und ihre Qualitäten.»

Telli-Ost als einer des drei Entwicklungsschwerpunkte der Stadt

Der östliche Bereich der Telli – darunter das Areal beim KIFF – sei nebst dem Torfeld Nord und Süd aktuell eines der drei Entwicklungsschwerpunkte der Stadt, sagte Raumplanung-Stadtrat Hanspeter Thür (Grüne). Dank Gestaltungsplanpflicht werde die Stadt weitgehend mitsprechen können bei den Bauprojekten.

Die bisherigen Stadträte, die zur Wiederwahl antreten (v. l.): Hanspeter Thür (Grüne), Suzanne Marclay-Merz (FDP), Franziska Graf (SP), Werner Schib (Die Mitte), Hanspeter Hilfiker (FDP), Angelica Cavegn Leitner (Pro Aarau).

Die bisherigen Stadträte, die zur Wiederwahl antreten (v. l.): Hanspeter Thür (Grüne), Suzanne Marclay-Merz (FDP), Franziska Graf (SP), Werner Schib (Die Mitte), Hanspeter Hilfiker (FDP), Angelica Cavegn Leitner (Pro Aarau).

Henry Muchenberger

Sozial-Stadträtin Angelica Cavegn Leitner (Pro Aarau) hob hervor, wie gut die Telli als stark durchmischtes Quartier verschiedener Alters- und Sozialschichten funktioniere, auch dank der Integrationsangebote der Stadt oder des GZ Telli.

Erst kürzlich hat in der Telli auch eine Aktion gegen Littering stattgefunden. Sicherheits-Stadträtin Suzanne Marclay-Merz (FDP) erwähnte, wie das Litteringproblem in der Coronazeit stark zugenommen habe. «Wir mussten die Patrouillen verstärken.»

Künftig vier Frauen und zwei Parteilose im Stadtrat?

Zu den aktuell zwei Frauen im Stadtrat könnten sich künftig zwei weitere gesellen. «Aarau ist für mich ziemlich perfekt», sagte Kandidatin Nicole Burger (SVP), die stets mit dem Velo unterwegs ist und «nicht nur die SVP» repräsentiere. Chancengleichheit sei ihr sehr wichtig, gerade die Volksschule müsse für alle da sein. Und auch Kultur bedeute ihr viel: «Ich bin die Letzte, die sagen würde, man müsse in dem Bereich sparen.»

Silvia Dell'Aquila (SP) will den Sitz ihres Parteikollegen Daniel Siegenthaler beerben, der nicht wieder antritt. Als Seconda «die auch in einem Block aufgewachsen ist», fühle sie sich in der Telli heimisch, auch wenn sie heute im Gönhard wohne. Siegenthalers Ressort Kultur und Sport wäre für die langjährige Kultur- und Sportaktivistin prädestiniert. Nebst Stadion müsse die Stadt in den Breitensport investieren, sagte sie, unter anderem brauchen die FC Aarau Frauen Plätze zum Trainieren.

Kandidat Peter Wehrli («Mitteldämme brechen nie») kennen viele eher unter dem Namen Jeti durch sein langjähriges Engagement im Kino Freier Film. Nebst der Rettung des Mitteldamms beim Kraftwerk an der Aare wolle er sich als Stadtrat für eine bessere Energiepolitik einsetzen.

Stephan Müller («Eine Wahl für Aarau») tritt dieses Jahr zum vierten Mal als Stadtrat und zum drittel Mal als Stadtpräsidenten an: «Mit dem Zukunftsraum Aarau hat der Stadtrat mit Präsident Hanspeter Hilfiker ein historisches Projekt in den Sand gesetzt», sagte er. «Grobe Fehler wurden begangen und eigentlich müsste man jetzt die Führung der Stadt auswechseln.»

Gescheitert sei das Fusionsprojekt, weil zu wenig an die demokratische Partizipation gedacht wurde: Die hohe Referendumshürde – in Gross-Aarau hätten mehr Unterschriften in weniger Zeit gesammelt werden müssen als in Zürich – hätte korrigiert werden müssen, «bevor man die Abstimmungen mitten in der Coronazeit, als man sich nicht mal treffen konnte, durchdrückte».

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