Countdown Maienzug

Aarau vor dem Zapfenstreich – es scheppert und kracht in den Gassen

Donnerstagmorgen, kurz nach 11 Uhr. Die Handwerker und Helfer haben ihre Znünipause beendet, es scheppert und kracht in den Aarauer Altstadtgassen. Absperrgitter werden herumgekarrt und stapelweise Festbankgarnituren transportiert.

Vor einigen Beizen stehen die Zapfanlagen für den Abend bereit, noch schön zusammengestellt und in Plastik eingeschweisst.

Am Graben ist der Sommer ausgebrochen: In grossen Joghurtbechern stehen dutzende Sträusschen bereit, auf den Tischen liegen die Kränzchen und Granaten. Wer sein Kränzchen oder sein Sträusschen selber binden will, kauft sich Schnittblumen; Schleierkraut, Rosen, Strohblumen.

Das Gedränge ist gross, wer die schönsten Blumen will, muss sich beeilen. Man spürt es förmlich, das Elektrifizierende, das in der Luft liegt, die Vorfreude, die den Puls steigen lässt.

Zwei Tage rund um die Uhr gearbeitet

Blumenverkäuferin Heidi Trunninger hat alle Hände voll zu tun. «Ich habe zwei Tage lang Tag und Nacht gearbeitet und so viele Kränzchen und Sträusschen wie möglich gebunden», sagt sie und wickelt einen Strauss Rosen in durchsichtige Folie.

Trotzdem sei das für sie der schönste Job: «Ich kann mit Freude arbeiten und mit Freude verkaufen.» Seit rund 20 Jahren steht sie jeden Samstag am Markt und jeden Donnerstagmorgen vor dem Maienzug im Graben.

In dieser Zeit hat sich einiges verändert, der Blumenschmuck ist viel bunter geworden. «Das gefällt mir, heute darf man seiner Phantasie freien Lauf lassen.»

«Schöne Einstimmung auf den Maienzug»

Kurz vor acht Uhr. Es kommt Leben in die Stadt. Mitarbeiter der Stadt räumen Veloständer aus dem Weg und leeren die Abfallkübel. Der Güselwagen kriecht prustend und zischend durch die Gassen, die Beizer wischen das Wasser von Tischen und Stühlen.

Auf dem Kirchplatz gurgelt das Wasser im Abfluss des Gerechtigkeitsbrunnen. Damit die Blumenfrauen den Brunnen gut schmücken können, muss das Wasser aus dem Trog abgelassen werden. Vor dem Brunnen liegen die Blumen in Rosa, Violett und Gelb; Gerbera, Rosen, Schleierkraut, Rittersporn.

«Das Brunnenschmücken ist eine schöne Einstimmung auf den Maienzug, für mich hat das eine grosse Bedeutung», sagt Marianne Roth. Zwei Frauen kommen vorbei, die Einkaufswägeli bis oben hin gefüllt mit frischen Blumen.

«Vielen herzlichen Dank», ruft plötzlich ein Herr den Blumenfrauen zu, «vielen Dank für das Brunnenschmücken.» Der Herr ist Jürg Höch, ehemaliges Mitglied der Maienzugkommission und damals in den Achtzigerjahren Initiant des Vorabends.

Das mache er jedes Jahr so, sagt er. Jedes Jahr spaziere er durch die Stadt und bedanke sich bei den Blumenfrauen für das Schmücken der Brunnen. Dann blickt er auf die Uhr, es ist kurz vor halb Neun.

«So. Und jetzt ist es Zeit für einen Kafi und ein Gipfeli», sagt Höch und läuft in Richtung Sevilla davon.

Absperrgitter werden herumgekarrt

Es geht auf 11 Uhr zu. Die Handwerker und Helfer haben ihre Znünipause beendet, es scheppert und kracht in den Gassen. Absperrgitter werden herumgekarrt, stapelweise Festbankgarnituren transportiert, Kühlschränke zurechtgeschoben. Die Sonne bricht durch die Wolken, es wird auch höchste Zeit.

Die Brunnen sind fast alle fertig geschmückt. Nur beim Gerechtigkeitsbrunnen herrscht noch reger Betrieb. Um die fertig dekorierten Brunnen schleichen Leute mit Fotoapparaten, halten die vergängliche Schönheit digital fest.

Bald ist Mittagspause. In der Manor stehen zwei Männer vor dem Regal mit den Strohhüten, probieren sich durchs Sortiment. In der oberen Etage werden Strumpfhosen und hautfarbene Unterwäsche verkauft. Praktische Last-Minute-Einkäufe fürs Maienzug-Outfit.

Im Bus Nummer 2: Die Schüler der Berufsschule kennen nur zwei Themen: das schöne Wetter und den Maienzugvorabend. Da wird Schule glatt zur Nebensache.

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