«Waage»-Aus
Aarau verliert seine letzte «Chnelle»: Wo finden die Stammgäste eine neue Heimat?

Dass Wirt Erich Frensdorff bald den Laden dicht macht, trifft die Stammgäste der «Waage» in der Metzgergasse hart. Sie wissen nicht, wo sie nach der «Ära Erich» hin sollen. Sicher ist: Das «Piwi» ist für sie keine Alternative.

Henrik Furrer
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Die «Waage»-Stammgäste stossen gemeinsam mit Wirt Erich an. Solche Momente gehören schon bald der Vergangenheit an. Chris Iseli

Die «Waage»-Stammgäste stossen gemeinsam mit Wirt Erich an. Solche Momente gehören schon bald der Vergangenheit an. Chris Iseli

Chris Iseli

Die Kult-Beiz «Waage» in der Metzgergasse geht nach dem Maienzugvorabend zu. Wirt Erich Frensdorff hat nach 30 Jahren im Gastgewerbe genug. Aarau verliert damit «die letzte wahre Chnelle», wie Erich seine Beiz umschreibt. Für die Stammgäste der «Waage» stellt sich die Frage: Wohin nun? Zuletzt machte das Gerücht die Runde, das «Mr. Pickwick Pub» («Piwi») sei bereit, die bald heimatlosen Stammgäste der «Waage» zu übernehmen.

Erich muss laut lachen. «Natürlich ist mir dieses Gerücht auch zu Ohren gekommen. Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich darauf angesprochen werde.» Doch ist an dem Gerücht tatsächlich etwas dran? «Ich habe bisher noch nicht mit ‹Piwi›-Wirt Roland Gubler über dieses Thema gesprochen», sagt Erich. Auf jeden Fall sei bislang kein entsprechendes Angebot vom «Piwi» gemacht worden. «Ich würde es aber verstehen, dass Gubler meine Stammgäste will. Mein Kundenstamm ist gross und teilweise durchaus zahlungskräftig. Wenn Herr Gubler meine Gäste tatsächlich übernehmen will, muss er halt mal vorbeikommen und ihnen eine Runde ausgeben», sagt Erich und lächelt verschmitzt.

«Ein anderes Kundensegment»

Genau wie Erich Frensdorff muss auch Roland Gubler erst einmal lachen, als er mit dem Gerücht konfrontiert wird. «Das muss ich zuerst mal sacken lassen», sagt der «Piwi»-Wirt hörbar amüsiert. Im Gegensatz zu Erich Frensdorff hört Gubler zum ersten Mal von der angeblichen Übernahme der «Waage»-Stammgäste durch das «Piwi». Er dementiert das Gerücht auch sogleich: «Da ist nichts dran. Wir haben keinerlei solche Pläne.» Die «Waage» habe ein ganz anderes Kundensegment als das «Piwi». «Bei uns verkehren hauptsächlich jüngere Gäste.»

Auch wenn an dem Gerücht nichts dran ist, unter den Stammgästen der «Waage» ist die Frage, wo sie nach dem Ende der «Ära Erich» hin sollen, Thema Nummer eins. «Es hat schon einige Tränen gegeben und es wird auch noch einige geben», sagt Erich und wird für einen Moment ernst. «Viele meiner Gäste sind andernorts nicht erwünscht. Das macht mich schon ein wenig traurig.»

Die «Waage» gilt seit je als Schmelztiegel spezieller Charaktere in Aarau – der Wirt nennt sie liebevoll «Stadtoriginale». «Hierhin kannst du kommen, wie du bist. Und jeder bekommt genau das, was er will, auch wenn das heisst, dass ich manchmal Sonderwünsche erfüllen muss», erzählt Erich. Diese Kompromissbereitschaft und Flexibilität fehle vielen Beizern heutzutage.

Noch nehmen die Stammgäste die Unsicherheit, wo sie nach der Schliessung der «Waage» hin sollen, mit Humor. Augenzwinkernd nennen sie sich selber «die Ausgestossenen von der ‹Waage›». Doch hinter der heiteren Fassade und den gewohnt lockeren Sprüchen schimmert doch hie und da Besorgnis durch. «Wo sollen wir denn hin? Uns will ja eh niemand haben», sagt ein Stammgast. «Wenn man einmal den ‹Waage›-Stempel hat, ist man nirgends mehr erwünscht», konstatiert ein anderer. Aber auch wenn sie jemand bei sich aufnehmen würde: «Es gibt keine Beiz, die auch nur annähernd an die ‹Waage› herankommt. Nur hier können Alte und Junge, Rechte und Linke, Schweizer und Ausländer friedlich nebeneinandersitzen.»

«Vor dem Wirte sind alle gleich»

Dass es in Aarau nirgends Platz gibt für die «Waage»-Stammgäste ist für Erich nicht die Schuld seiner Gäste, sondern diejenige der Beizer. «In einer Beiz sollte jeder willkommen sein, auch wenn er ‹mängisch en Egge ab het›. Man muss einfach wissen, wie man mit speziellen, teilweise schwierigen Typen umgehen soll.» Anstatt sie von oben herab zu behandeln, solle man ihnen auf gleicher Ebene begegnen, denn «vor dem Wirte sind alle gleich». Das ist auch der Grund, weshalb Erich jedem seiner Gäste die Hand schüttelt. «Wirten hat viel mit Menschlichkeit zu tun.»

Noch anderthalb Wochen bis zum Maienzugvorabend und bis zum offiziellen Ende der «Waage». Doch das letzte Bier wird danach in Erichs Kult-Beiz noch nicht getrunken sein. «Am Maienzugvorabend kann man sich nicht richtig verabschieden», sagt Erich. Deshalb können die Stammgäste an den beiden auf den Maienzug folgenden Wochenenden nochmals die unvergleichliche Atmosphäre in ihrer geliebten «Waage» geniessen.

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