Aarau
Vereinsamung wegen Corona: Der Freizeittreff Aarau gibt Gegensteuer

Wenn sich schon gesunde Menschen in Zeiten von Corona schwertun mit der Einsamkeit, ist es für psychisch Beeinträchtigte noch viel schwieriger. Mit dem Freizeittreff Aarau haben sie einen geschützten Ort, wo sie Freunde treffen können, ohne unter Beobachtung zu stehen.

Katja Schlegel
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Tine Beutel organisiert den Freizeittreff im Jugendtreff Wenk Aarau. Renato Caluori ist Leiter der Wohngruppe der Stiftung Guyerweg, die die Trägerschaft für den Treff übernommen hat.

Tine Beutel organisiert den Freizeittreff im Jugendtreff Wenk Aarau. Renato Caluori ist Leiter der Wohngruppe der Stiftung Guyerweg, die die Trägerschaft für den Treff übernommen hat.

Katja Schlegel

Heute gibt es Toast Hawaii. Brot, Schinken, Ananas, obendrauf Raclettekäse. Und dazu Salat. Toni hat schon gegessen und sitzt vor seinem leeren Teller, Anna weibelt zwischen Küchenzeile und Esstisch. Und Meli hat sich auf dem Sofa zu einem Schläfchen zusammengekringelt.

Ein ganz normaler Abend im Jugendtreff Wenk am Aarauer Kreuzplatz – und doch nicht ganz. Toni, Anna und Meli heissen nicht so und sind auch längst keine Teenager mehr. Und doch sind sie Stammgäste im Jugendtreff. Bis zu fünfmal die Woche kommen sie abends hierher, in den Freizeittreff Aarau.

Schon allein die warme Mahlzeit ist Gold wert

Der Freizeittreff ist ein Angebot für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung aus dem ganzen Kanton. Ein geschützter Raum, in dem sie sich mit «Gleichgesinnten» treffen und austauschen, gemeinsam kochen (für 7 Franken gibt es eine warme Mahlzeit) und spielen, lachen und weinen können. Ohne psychiatrisches Fachpersonal, ohne Rapport, ohne Namensliste. «Wir haben ganz bewusst keine therapeutische Ausbildung», sagt Tine Beutel, die den Treff gemeinsam mit Jenny Willy und Anja Bryner führt. Sie arbeiten nach dem Recovery-Ansatz, also mit Schwerpunkt Gesundung, Überwindung von Isolation, Lebensqualität und Selbstbestimmung. «Die Besucherinnen und Besucher sollen sich gegenseitig stützen, sich gegenseitig helfen. Wie Freunde das tun.»

Ausgehen, Bekannte treffen, neue Menschen kennen lernen, Menschen aus Fleisch und Blut, Freundschaften schliessen und pflegen; schon in normalen Zeiten für viele eine Herausforderung. Und seit Corona ein echtes Problem. Einsamkeit ist ein Riesenthema. Für gesunde Menschen – und Menschen mit psychischer Beeinträchtigung erst recht. Das spüren auch Tine Beutel und ihr Team sehr deutlich, die meisten Gäste (im Alter zwischen 35 und 65) kommen aktuell zwei bis dreimal die Woche, manche sogar an jedem der fünf Abende.

Das Bedürfnis ist spürbar, ebenso wie die Auswirkungen, wenn das Angebot fehlt. Die Schliessung im Lockdown, die Obergrenzen für Treffen, das hat Spuren hinterlassen. Die warme Mahlzeit fehlt, der Austausch, die Stabilität. Einige, die früher immer kamen, kommen nicht mehr. «Wir haben sie an die Psychiatrie verloren», sagt Beutel. «Corona hat uns gezeigt, wie wichtig der Freizeittreff ist. Und er wird in Zukunft noch viel wichtiger werden.»

Die Trägerschaft hat gewechselt, der Ort auch

Gegründet wurde der Freizeittreff vor 17 Jahren, 2004. Damals suchte Pro-Mente-Sana einen Träger für einen Aargauer Freizeittreff mit Standort Aarau. Die Stiftung Pegasus mit der Stollenwerkstatt (inzwischen Trinamo), eröffnete den ersten Standort. Finanziert wird das Angebot bis heute von Pro-Mente-Sana und seit Anfang an ist Tine Beutel mit dabei. Doch sonst hat sich fast alles geändert: Seit 2020 ist neu die Stiftung Guyerweg Trägerin des Freizeittreffs. Und seit Anfang 2021 ist der Treff im Jugendtreff Wenk daheim.

«Für uns ist der Freizeittreff ein spannendes Übungsfeld», sagt Renato Caluori, Leiter der Stiftung Guyerweg (mit 15 Wohnplätzen für Menschen mit Psychiatrieerfahrung). «Für unsere Bewohnerinnen und Bewohner ist es eine gute Möglichkeit, wieder unter Leute zu kommen. Primär steht das Angebot aber Menschen zur Verfügung, die alleine wohnen.» Der Freizeittreff sei für den «Guyerweg» eine neue Sparte, ein zusätzliches, wertvolles Angebot. «Uns war wichtig, den Freizeittreff in Aarau zu halten», so Caluori weiter.

Ambulant vor stationär – das hat Auswirkungen auf Freizeittreff

Nicht nur, weil es das einzige entsprechende Projekt sei, das politisch und konfessionell neutral sei. Sondern insbesondere deshalb, weil der Aargauer Regierungsrat konsequent auf «ambulant vor stationär» hinarbeitet. Das heisst für viele Menschen mit psychischer Beeinträchtigung: Arbeit im geschützten Rahmen, aber eigenständiges Wohnen, um Selbstständigkeit und Teilhabe zu fördern und zu ermöglichen. Doch mit dem Alleine-Wohnen sei es nicht getan, sagt Caluori. «Und während der Bereich Arbeit sehr gut abgedeckt ist, ist es die Freizeit überhaupt nicht.»

Jetzt herrscht im Freizeittreff so etwas wie Aufbruchstimmung. Endlich wurden die Massnahmen gelockert, sagt Tine Beutel. «Endlich können wieder so viele Gäste kommen, wie wollen.»

Der Freizeittreff im Wenk ist am Mo, Di, Mi, Sa und So geöffnet. Weitere Infos und Anmeldung: www.guyerweg.ch/freizeittreff oder 077 463 32 33.

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